Gott & Glauben

Prozesstheologie: „Es gibt keine allgemeingültige Definition von Gott“

Was sich die einzelnen Menschen unter Gott vorstellen, verändert sich im Lauf des Lebens. Und das ist auch gut so, mein Pfarrerin Kirsten Lippek. Das hervorzuheben, ist ein Anliegen der so genannten „Prozesstheologie“. Wir haben Kirsten Lippek gefragt, was es damit auf sich hat.

Was ist Gott? Die Prozesstheologie geht davon aus, dass das nicht ein für alle mal feststeht, sondern jeder Mensch für sich im Verlauf des eigenen Lebens herausfindet. Und in diesem Prozess kann Gott sich auch verändern. | Foto: Davide Cantelli/Unsplash
Was ist Gott? Die Prozesstheologie geht davon aus, dass das nicht ein für alle mal feststeht, sondern jeder Mensch für sich im Verlauf des eigenen Lebens herausfindet. Und in diesem Prozess kann Gott sich auch verändern. | Foto: Davide Cantelli/Unsplash

Frau Lippek, warum glauben Sie an Gott und was bedeutet das für Sie?

Ich glaube, dass Ihnen eine Nicht-Theologin leichter auf diese Frage antworten könnte.


Ehrlich? Warum?

Als Theologin kann ich da nicht spontan antworten, sondern muss erst einmal definieren: Was ist überhaupt Glauben? Und wer ist mit Gott gemeint? Wenn jemand sagt, er glaube nicht an Gott, bedeutet das meistens, dass er ein bestimmtes Gottesbild ablehnt. Und oft ist das gut so. Als Theologin würde ich sagen, dass man „mit Gott“ falsche Gottesbilder ablehnen kann. Glaubt diese Person dann an Gott oder nicht? Zum Beispiel wird Gott oft als allmächtig und männlich beschrieben. Tatsächlich kenne ich nur Menschen, die das meinen, wenn sie Gott ablehnen. Ich bin selbst feministisch geprägt, deshalb sehe ich die Probleme, die dieses Gottesbild verursacht hat. Wenn die Leute sagen, dass sie an einen solchen Gott nicht glauben, kann ich sie nur beglückwünschen.


Wer ist Gott dann?

Eigentlich müsste die Frage lauten, wer Gott für mich ist. Sie zu beantworten ist eine Lebensaufgabe, finde ich. Es ist keine rein intellektuelle oder philosophische Frage, sondern es geht auch um Identität, um die persönliche Spiritualität, und da steht jeder und jede mitten in einem Lernprozess. Wenn mir die spirituelle Seite des Lebens wichtig ist, kann ich vielleicht auch über Yoga oder buddhistische Vorstellungen einen Zugang zu Gott finden oder, anders ausgedrückt, an meinem Gottesbild arbeiten. Ich glaube, dass Menschen spüren können, ob sie mit ihrem Gottesbild bei Gott ankommen, ob da etwas zurückkommt.


Das heißt, es gibt keine allgemeingültige Definition von „Gott“?

Ja, genau. Gott oder das Gottesbild ist wandelbar, es kann sich im Prozess des Lebens verändern. Auch in der Theologie gibt es unterschiedliche Gottesbilder. Luther sagt, dass alles von Gott kommt, Gutes wie Schlechtes. Elie Wiesel beantwortete, als er mit anderen Blockinsassen vor einem gehängten KZ-Mithäftling stand, deren anklagende Gottesfrage für sich damit, dass dieser Gehängte Gott sei. Sich mit der großen Vielfalt von Gottesinterpretationen zu beschäftigen, ist auch ein Arbeiten am eigenen Gottesbild.


Kann man in diesem Prozess zu einem Ende kommen?

Ein abgeschlossenes Gottesbild befindet sich in keinem Prozess mehr und ist deshalb leblos, interessiert niemanden mehr. Das aristotelische Gottesbild zum Beispiel, „Gott als unbewegter Beweger“. Ja, das ist irgendwie logisch. Gott als Urgrund. Es hat aber mit mir wenig zu tun. Wenn ich mich auf den Glauben, auf eine Beziehung zu Gott einlasse, das ist dann immer ganz persönlich. Für mich sind Selbsterfahrung, persönliches Gottesbild und Gotteserfahrung untrennbar. Das berührt auch die Frage nach Gottes „Gender“, also ob Gott männlich oder weiblich ist. Das ist eine urmenschliche Frage, weil wir uns ein „Du“ nur männlich oder weiblich vorstellen können.


Viele Menschen heute sagen, dass sie gar nicht mehr an Gott glauben.

Ich bin überzeugt, dass es kaum möglich ist, keine Haltung zu Gott zu haben. So oder so haben alle Menschen irgendein Bild von Gott, das sie dann entweder ablehnen oder bejahen. Ob dieses Gottesbild wirklich etwas mit Gott zu tun hat oder nur ein Zerrbild ist, ist sehr schwer zu beantworten. Wer steht außen und kann das beurteilen? Wir haben Traditionen, aber letztendlich entscheiden die eigenen Erfahrungen, nämlich ob der eigene Glaube trägt. Wenn ich bete und damit gute Erfahrungen mache, fühle ich mich in meinem Glauben bestätigt. Wenn ich dagegen feststelle, dass die Kommunikation oder die Beziehung zu Gott einseitig ist, dass sie nicht trägt, ändere ich entweder mein Gottesbild, oder ich entscheide mich, das mit dem Glauben zu lassen.


Heißt das, es ist egal ob jemand an Gott glaubt oder nicht?

Nein, egal ist es nicht, aber ob jemand diese Frage mit Ja oder Nein beantwortet, sagt kaum etwas aus. Man muss dann immer erst nachfragen, was genau damit gemeint ist.

Die frühere Rumpenheimer Pfarrerin Kirsten Lippek hat jetzt eine Pfarrstelle im Rodgau. | Foto: privat
Die frühere Rumpenheimer Pfarrerin Kirsten Lippek hat jetzt eine Pfarrstelle im Rodgau. | Foto: privat

So wie Sie Glauben beschreiben, ist das etwas sehr Intimes. Welche Rolle spielt die Kirche, also Religion als Institution?

Wir brauchen Gemeinschaft als eine Art positives Korrektiv. Wie alles, was mit der menschlichen Psyche zusammenhängt, kann auch ein persönliches Gottesbild durchaus krankhafte Züge annehmen. Damit an dieser Stelle nichts aus dem Ruder läuft, braucht es Gemeinschaft, das Gespräch, vielleicht auch die Predigt. Dafür ist die Kirche wichtig. Wenn ich als Gemeindepfarrerin mit Menschen im Gespräch bin, kann ich es zum Beispiel abfangen, wenn sich der persönliche Glaube einer Person in problematische Richtungen entwickelt. Daneben haben Gemeinden natürlich noch viele andere Aufgaben. Es sind Orte, wo wir uns gegenseitig trösten, gemeinsam das Leben feiern und vieles mehr.


Ich möchte nochmal auf meine Ursprungsfrage zurückkommen: Was bedeutet Glauben für Sie persönlich?

Für mich heißt es, dass ich mit Gott lebe. Viele übersetzen Glauben auch mit Vertrauen. Mir ist das zu wenig. Für mich heißt Glauben tatsächlich, dass ich mit Gott mein Leben lebe. Konkret: Ich führe Zwiesprache im Alltag, ich bete, ich spreche Dinge richtig mit Gott durch. Das ist meine Art, zu glauben.


Und das tun
Sie, weil…?

Die Frage ist irgendwie falsch. Ich glaube nicht, um damit irgendetwas Bestimmtes zu erreichen.


Aber Sie müssen doch irgendetwas davon haben, oder nicht?

Mir gefällt die Frage nicht. Ich würde es eher Motivation nennen. Manche Glaubenden berichten, dass sie Positives mit Gott erfahren, das kann sich beispielsweise in Trost oder Halt äußern, oder auch in Orientierung. Ich würde sagen, dass Gott Kontakt zu seinen Geschöpfen haben möchte. Gott knüpft an unserem Bedürfnis an. Er oder sie kommt uns entgegen und gibt uns, was wir uns selbst nicht geben können.


Wenn wir unser Gottesbild stetig in Frage stellen und anpassen, muss sich dann auch die Theologie permanent ändern?

Ich denke, dass viele traditionelle Antworten des Christentums heute nicht mehr ziehen. Die Vorstellung zum Beispiel, dass die Schöpfung abgeschlossen wäre – die ist doch widerlegt! Oder die Auffassung, dass Jesus sterben musste, damit die Sünden vergeben werden können. Das ist heute für die meisten Menschen kein Thema mehr. Heute brennt uns auf den Nägeln, wie es mit unserem Planeten weitergeht. Was bedeutet da die Rede von Gott als Schöpfer? Oder wohin führt uns unsere sich ausdifferenzierende Gesellschaft, was haben wir dazu als Jesu Nachfolger und Nachfolgerinnen zu sagen? Die Theologie ist gefordert, sich dem heutigen Leben mit seinen Nöten, Erkenntnissen, Möglichkeiten zu stellen. Aber das ist schwer, ähnlich schwer wie die persönliche Arbeit an der eigenen Spiritualität.


Autorin

Angela Wolf 80 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.