Gott & Glauben

Feminismus und Kirche – bitte mehr davon!

Feminismus in der Kirche ist und bleibt ein Thema. Die Debatte ist differenziert und ergebnisorientiert zu führen. Angela Wolf, Mitglied der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt", befasst sich in einem Kommentar mit diesem Thema.

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser
Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser

Beim Gedanken an Kirche und organisierte Religionen schwingt unweigerlich ein vorherrschendes Patriarchat mit. Gott ist männlich, so die dominante Interpretation. Oder: Adam aus der Schöpfungsgeschichte ist ein Mann, Eva, die Frau, seine Gehilfin. Feministische Theologinnen stellen das allerdings vielerorts in Frage, und zwar vehement. Die Schriften wurden schlicht fehlinterpretiert oder zu Gunsten des männlichen Geschlechts ausgelegt, klagen die Theologinnen. „Adam“ beispielsweise bedeutet, übersetzt aus dem Hebräischen „Mensch“. Es handelt sich also nicht, wie allgemein angenommen, um einen männlichen Eigennamen. Auch Eva ist schlicht ein Mensch und wurde Adam zur Seite gestellt, „um eine Geschlechterdifferenz“ abzubilden und um zu zeigen „dass Pluralität zum Wesen des Menschen gehört“, so Antje Schrupp, Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt, Autorin und Bloggerin.

Auch heute, im 21. Jahrhundert, haben Frauen in der Institution der evangelischen Kirche noch nicht das erreicht, was normal sein sollte: Parität in den Ämtern. Das ist beklagenswert, keine Frage. Niemand auf dieser Welt hat das Recht, Frauen schlechter zu stellen, sie gegenüber ihren männlichen Mitstreiter zu benachteiligen. Mit welcher Begründung? Eine Debatte darüber müsste eigentlich jedweder Grundlage entbehren. Tut es aber nicht und genau aus diesem Grund gilt es auch an dieser Stelle weiter Pionierarbeit zu leisten, weiter zu kämpfen.

Aber – geht es dem Feminismus vordergründig um Parität oder um die Quote? Unbestreitbar geht es dem Feminismus um geschlechtergerechte Teilhabe an Gesellschaft. Aber Parität und Quote? Wäre das nicht ein kapitalistischer Feminismus par excellence? Wenn die Rede von Feminismus ist, geht es dann nicht darum, Solidarität unter Frauen zu generieren? Frauen zu stärken, damit sie ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen können – und das, zumindest im ersten Schritt, jenseits von kapitalistischen Interessen?

An dieser Stelle lässt sich der evangelischen Kirche ein gutes Zeugnis ausstellen: Die evangelischen Familienzentren beispielsweise, das EVA – das Evangelische Frauenbegegnungszentrum, die Mädchenarbeit des Evangelischen Vereins für Jugend- und Sozialarbeit, die evangelische Frauenarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), die engagierten Pfarrerinnen in Frankfurt, das Zentrum für Frauen der Diakonie. Die Liste ließe sich weiter fortsetzten, die „Message" ist klar: Die evangelische Kirche hat Frau im Blick. Dass diese Notwendigkeit ein Produkt von patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen ist, ist eine andere, dringend zu führende Debatte. Ja.

Zu unterscheiden ist dabei allerdings, Feminismus jenseits von wirtschaftlichen Interessen zu denken. Die Wirtschaft hat nämlich Frau als gewinnbringende Arbeitskraft (wieder-)entdeckt und ist auf ihre Facharbeit angewiesen. Der zweite Sektor unseres Gesellschaftssystems kann – auch aufgrund des demographischen Wandels – nicht mehr auf hochqualifizierte, gut ausgebildete Frauen verzichten. Hier feministische Forderungen durchzudrücken dürfte in naher Zukunft ein Geringes sein.

In der Kirche dagegen, in der geistigen und jenseits der Klientinnenarbeit, darf bitte noch einiges errungen werden. Hier sei noch viel Luft nach oben, diagnostiziert die stellvertretende Kirchenpräsidentin der EKHN Ulrike Scherf genau richtig. Wie kann eine evangelische Kirche einerseits Frauen in ihrer operativen Arbeit und auf Grundlage ihrer Leitlinie empowern und andererseits, auf struktureller Ebene, für ein Missverhältnis der Geschlechter sorgen? Auf welcher Grundlage? Feminismus und Kirche – ja bitte. Auf allen Ebenen, bis in den letzten Strukturwinkel. Nur so kann evangelische Kirche, evangelischer Glaube, glaubwürdig sein. Feminismus darf kein Lippenbekenntis sein. Denn: Vor den Augen Gottes sind wir alle gleich.


Autorin

Angela Wolf 36 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

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