Gott & Glauben

Manchmal ersetzt ein Instagram-Post eine ganze Predigt

Rund hundert Pfarrerinnen und Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau tauschten sich bei einem Online-Barcamp über das „Digitale Pfarrhaus“ aus.

Mit diesem Foto auf seinem Instagram-Account @wasistdermensch erzielte Pfarrer Jörg Niesner mehr Reichweite als so manche Predigt.
Mit diesem Foto auf seinem Instagram-Account @wasistdermensch erzielte Pfarrer Jörg Niesner mehr Reichweite als so manche Predigt.

Manchmal passt eine ganze Predigt auf einen kleinen gelben Post-It-Zettel. „Gott ist ein Kind und weint an einer Grenze“, schrieb Pfarrer Jörg Niesner nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria auf einen Zettel, dazu ein Strichmännchen und eine Reihe von Kreuzen. Sein Foto davon wurde auf Instagram viel geliked und weiter geteilt.

Das Beispiel zeige, dass die sozialen Medien christlichen Inhalten eine Reichweite geben können, die über die klassische Predigt im Gottesdienst weit hinaus geht, sagte Niesner in seiner Keynote zum „Barcamp Digitales Pfarrhaus“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Über hundert Pfarrerinnen und Pfarrer hatten sich bei dieser Online-Konferenz darüber ausgetauscht, wie sie das Internet für ihren Beruf nutzen könnten, der schließlich zu einem Gutteil aus „Verkündigung“ besteht, also darin, die christliche Botschaft zu kommunizieren.

Analog ist Jörg Niesner Pfarrer im oberhessischen Laubach, im Internet ist er unter dem Alias @wasistdermensch auf verschiedenen Plattformen unterwegs – auf Instagram hat er bereits über 6000 Abonnent*innen und ist damit eine der reichweitenstärksten Pfarrpersonen dort.

„Mitleben, wo gelebt wird“ – mit diesem Motto fasste er die pfarramtliche Praxis zusammen, und gelebt würde heute eben maßgeblich auch in den sozialen Medien. Die Unterscheidung offline versus online trage nicht mehr. Wer das Evangelium kommunizieren wolle, könne nicht mehr darauf warten, dass die Menschen in die Kirchen kommen oder Pfarrer*innen um Rat fragen. Sondern die Kirchen müssten sich hier „Kompetenz zurückerobern“, indem sie mit hilfreichen Beiträgen sich im öffentlichen Diskurs zu Wort melden.

Die Möglichkeiten dazu sind nach Niesners Ansicht enorm. Im vergangenen Jahr hat er die Reichweite verschiedener pfarramtlicher Accounts verfolgt und dabei zwischen Sommer 2019 und Sommer 2020 Reichweiten-Zuwächse von 200 bis 800 Prozent vermerkt. Dabei komme es vor allem auf Vielfalt an. „Wir brauchen nicht einzelne große Mega-Accounts, sondern gerade in der Vielfalt liegt unsere Stärke“, ist Niesner überzeugt. Die Präsenz ganz unterschiedlicher Pfarrerinnen und Pfarrer könne helfen, „Vorurteile über eine langweilige, knöcherne Kirche abzubauen“. Dabei müsse auch die Frage nach dem Verhältnis von kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit und persönlicher Kommunikation neu gestellt werden. Das seien „zwei Pole“, die nicht deckungsgleich sind.

Kirchliche Aktivitäten auf Social Media seien besonders wichtig, weil derzeit vor allem die 20- bis 39-Jährigen aus der Kirche austreten. Genau diese Altersgruppe aber sei über das Internet erreichbar. Deshalb müsse auch über Prioritäten gesprochen werden: „Warum stehen Geburtstagsbesuche zu runden Geburtstagen in der Dienstbeschreibung von Pfarrerinnen und Pfarrern, Aktivitäten auf Facebook oder Instagram aber nicht?“


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Antje Schrupp 145 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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