Gott & Glauben

Messianische Gemeinde: Sie verstehen sich als jüdisch, glauben aber an Jesus

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Ein Hinterhof im Frankfurter Nordend. In einem weiß getünchten Raum im Souterrain feiern 30 Menschen Gottesdienst: Die Kerzen auf einem siebenarmigen Leuchter, der Menora, brennen, aber auf den Tischen sind Bibeln ausgelegt. Für messianische Juden und Jüdinnen ist das kein Widerspruch: Sie verstehen sich als jüdisch, glauben aber an Jesus.

Dimitri Gorin leitet die messianische jüdische Gemeinde in Frankfurt. | Foto: Heike Lyding
Dimitri Gorin leitet die messianische jüdische Gemeinde in Frankfurt. | Foto: Heike Lyding

Von Jana-Sophie Brüntjen

Dimitri Gorin steht am Altar und liest erst aus dem Alten, dann aus dem Neuen Testament. Es ist Freitagabend, die Gruppe feiert Schabbat. Die 30 Gläubigen gehören zur messianischen Gemeinde in Frankfurt. Messianische Juden und Jüdinnen glauben an Jesus, oder „Jeschua“, wie er auf Hebräisch heißt. Mit dem Christentum verbindet sie der Glaube an die Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Gleichzeitig feiern sie jüdische Feste wie Pessach und Jom Kippur und befolgen die jüdischen Speisevorschriften.

Das Ehepaar Gorin und die anderen in der Gemeinde glauben, dass Jesus wiederkommen und endgültig für Frieden sorgen wird. Sind sie also nun jüdisch üde rchristlich? Messianische Juden und Jüdinnen scheinen keiner der beiden Glaubensgruppen anzugehören. Und so sind sie Kritik sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite ausgesetzt.

Die Kritik bezieht sich vor allem darauf, dass die messianischen Juden und Jüdinnen den Missionsauftrag aus dem Neuen Testament so verstehen, dass sie andere jüdische Menschen bekehren wollen. Evangelikale Missionswerke wie „Juden für Jesus“ mit Sitz in den USA sind nach eigenen Angaben weltweit aktiv. Die Judenmission stößt aber bei jüdischen Oranisationen auf massive Ablehnung. „Dass es heute Gruppen gibt, die sich Juden nennen, zugleich an Jesus als Erlöser glauben und andere Juden dazu bekehren wollen, ist völlig inakzeptabel“, sagt der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster. „Messianische Juden sind keine Juden. Sie segeln unter falscher Flagge.“ Der Zentralrat unterhält keine Kontakte zu messianischen Gemeinden.

Aber auch die Evangelische Kirche in Deutschland lehnt in einer Stellungnahme alle Bemühungen ab, „Juden zum Religionswechsel zu bewegen“. Nach einer Erklärung der hessen-nassauischen Kirche gilt Gottes Bund mit dem jüdischen Volk auch heute noch, das Christentum gilt nicht mehr als eine bessere oder fortgeschrittenere Religion. Wer in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Pfarrerin oder Pfarrer werden will, muss sich dazu bekennen. Auch der Vatikan missbilligt eine institutionelle Judenmission.

„Die Kritik an den Missionstätigkeiten der messianischen Juden bezieht sich im Wesentlichen auf die jüdische Grunderfahrung, durch alle Epochen hindurch von christlichen Missionaren verfolgt zu werden“, sagt der Religionswissenschaftler Nathanael Riemer vom Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam.

Weltweit gibt es nach Schätzungen der Organisation „Juden für das Judentum“ etwa 350.000 messianische Juden. In Deutschland bestehen nach Angaben der EKD rund 40 messianisch-jüdische Gemeinden mit rund 2.000 Mitgliedern, viele davon sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion.

Auch die Gorins kamen durch Mission zur Gemeinde der messianischen Juden. Die Familie stammt aus Kasachstan und wanderte 1992 nach Deutschland aus. Dimitri Gorin kommt aus einer jüdischen Familie. Die Vorfahren seiner Frau hingegen sind Russlanddeutsche. Sie seien Mitglieder bei den Mennoniten, einer evangelischen Freikirche, gewesen, praktizierten aber nicht, erzählt Elizabeth Gorin. Sie fühle sich weder eindeutig christlich, noch jüdisch, sagt sie. Im Judentum fehle ihr Jesus, in christlichen Gottesdiensten die Tiefe der jüdischen Lehre. „Und ich verstehe nicht, warum die Christen die alten Bräuche und Feste ignorieren und durch neue ersetzt haben“, sagt sie.

Das sei typisch für Gemeinden der messianischen Juden, sagt Religionswissenschaftler Reimer. Es gebe häufig sich überschneidende Identitäten. „Grundsätzlich geht das jüdische Religionsgesetz aber davon aus, dass niemand sein Jude-Sein verliert, wenn er konvertiert“, sagt er.

Dimitri Gorin spricht ungern von Konversion. „Meine Verwandten beschimpften mich als Verräter, nachdem ich zum Glauben gekommen war“, erzählt er. Die Reaktion habe ihn aber nicht abgehalten, mit seiner Familie über Jesus zu sprechen. Die Gorins legen die Bibel streng aus. Alle biblischen Gebote werden befolgt. Dimitri Gorin mag es genau. „Ich bin Mathematiker, vielleicht liegt es daran“, sagt er. Aber wenn die Naturwissenschaft gegen das spricht, was in der Bibel steht, vertraut er lieber der heiligen Schrift: Schöpfungsgeschichte statt darwinsche Evolutionstheorie.

Laut Gorin kommen nicht nur gebürtige Juden und Jüdinnen in die Gemeinde. „Bei uns gibt es zum Beispiel einen ehemaligen Buddhisten“, sagt er. Die Gemeinde trifft sich alle zwei Wochen zur Schabbatfeier am Freitagabend. Beendet wird die Zusammenkunft traditionell mit Wein, Brot mit Salz und einem herzlichen „Schabbat Schalom“. Den Samstag verbringen die Gläubigen dann mit Einkehr, Gebeten und Jeschua – nicht jüdisch, nicht christlich, sondern eben messianisch.

EKD zu messianischen Juden: http://u.epd.de/14lv
Website Juden für Jesus: https://judenfuerjesus.de/


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