Gott & Glauben

Zwischendrin Sehnsucht – unterwegs zwischen Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten ist spannend, ein Kaleidoskop von „zwischen“: zwischen Ostern und Himmelfahrt, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Ein großes Transformationsgeschehen zwischen Himmel und Erde, ein Prozess, der etwas Wesentliches über das Menschsein erzählt.

Viel Zwischenraum in diesen Wochen - auch zwischen den Sonnenbadenden im Grüneburgpark. | Foto: Silke Kirch
Viel Zwischenraum in diesen Wochen - auch zwischen den Sonnenbadenden im Grüneburgpark. | Foto: Silke Kirch

Jesus Christus hier auf der Erde, mitten unter den Menschen, erkannt oder unerkannt, ein Mensch, der durch das Sterben und den Tod gegangen ist – und dann auferstanden. Einer, der Mensch ist und zugleich dem Menschsein, der Verhaftung im Irdischen, schon enthoben, in einem Übergang hin zu etwas, das sich den Begriffen entzieht, uns übersteigt und doch miteinander verbindet.

Vierzig Tage – bis Himmelfahrt – mitten unter uns! Was für eine Vorstellung! Keine große Sache wie Ostern, nicht das Ausnahmeereignis, sondern die stille Gegenwart, zu der Ostern der Auftakt war. Kaum wahrnehmbar und gerade deshalb vielleicht umso gegenwärtiger. Was den Glauben anbelangt vielleicht sogar die größere Herausforderung als Ostern selbst?

Und dann Himmelfahrt, das Verschwinden – vorbei ist es mit der Gegenwart dessen, der das Unverfügbare mit dem Menschsein verbindet und mir so geheimnisvoll nah sein lässt. Fast ein Verlusterlebnis, ein Zusammenschrumpfen des potenziellen Begegnungsraumes, eine Entkoppelung von Himmel und Erde. Gott rückt noch weiter in die Ferne, wenn der Gottessohn außer Reichweite gerät. Eine weitere Herausforderung für den Glauben. Was bleibt uns dann? Aber es dauert nicht lange, dann wird deutlich, dass es mit diesem geheimnisvollen „Zwischen“ nie vorbei sein wird: Pfingsten, die Himmelsspende, die uns miteinander in Verbindung bringt. Über alle Barrieren hinweg. Ist das nicht mehr als ein großer Trost, dieses Zeichen, dass die Beziehung bleibt? Der Himmel bleibt nah, offen und hält uns in Verbindung.

Auch wenn diese Gedanken theologisch unterbelichtet sein mögen: Ich erlebe diese Zwischenzeiten als ein großes Beziehungsgeschehen, in dem es immer um mehr geht als zwei Seiten, um etwas, in dem wir mittendrin stehen, ohne es begreifen zu können. Ganz besonders vielleicht in diesem Jahr, wo wir darauf reduziert sind, immer nur den einen oder die andere treffen zu können und zu zweit durch den Park spazieren, damit beschäftigt, eine fast unsichtbare neue Wirklichkeit, die viele von uns mit Leid ergriffen hat, zu verstehen. Einerseits eine Einschränkung des Kontakts: wir sind auf Abstand gehalten von einem Virus. Mehr sehnend zum anderen hin als nah – aber andererseits in dieser Sehnsucht vielleicht so nah wie nie. Weil mehr Raum für das entsteht, was mich als Menschen ausmacht: Wahrnehmung für die eigene Begrenztheit wie die der anderen, Wahrnehmung für die Bedürftigkeit aller und das wechselseitige Angewiesensein – und darin eingewogen das Unermessliche, das immer mehr ist als du und ich, vielleicht kaum wahrnehmbar und doch da wie die Wärme in den Lichtfluten dieses überbordenden Frühlings, der uns willkommen heißt.


Autorin

Silke Kirch 37 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

1 Kommentar

20. Mai 2020 19:37 Stephanie von Selchow

Liebe Silke, dieses Beziehungsgeschehen hast du aber wirklich sehr schön beschrieben. Die Herausforderung, eigentlich Zumutung, wie sich Jesus uns entzieht, über uns hinauswächst und gleichzeitig doch da ist und wir dazwischen. Vielen Dank und schönen Himmelfahrtstag!

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