Kirchentag 2021

Ökumene, Klima, Pandemie, Antisemitismus

Der Ökumenische Kirchentag war auch ein Seismograf für die derzeit wichtigen gesellschaftlichen Themen. Die Kirchen spielen dabei eine Vermittlerrolle für gegensätzliche Positionen, die die Politik gerne annimmt.

Beim Schlussgottesdienst. | Foto: Philip Wilson /ÖKT
Beim Schlussgottesdienst. | Foto: Philip Wilson /ÖKT

Corona-Selbstauskunft ausgefüllt, Ticket aktiviert, zur Weseler Werft geradelt. Am Mainufer bis zum Eingang 3 gegangen, Ticket-QR-Code von evangelischen Pfadfindern einscannen lassen, am Platz den QR-Code auf der Rücklehne selbst noch einmal eingescannt. Uff! Ich bin für den Schlussgottesdienst des 3. Ökumenischen Kirchentages erfasst. Die Hyghienemassnahmen sind perfekt umgesetzt, aber das Wetter spielt nicht so recht mit.

Es ist frisch und regnerisch an diesem Sonntagmorgen um 9 Uhr. Dennoch treffen nach Angaben des ökumenischen Kirchentags nach und nach 400 Menschen ein, die sich mit Abstand zueinander setzen. Dann werden sogar noch Plastikregenmäntel ausgegeben. Es bleibt bedeckt, aber der Regen verzieht sich. Die Stimmung auf der Bühne ist ohnehin gut.

Geschützt durch ein weißes Pagodendach, mit dem großen weißen Kreuz in der Mitte und den orange-lila Stellwänden mit Kirchentagslogo wirkt sie betont hell, freundlich und harmonisch. Links steht der Chor, rechts blitzen Blechblasinstrumente. Alles ist bis ins kleinste Detail liebevoll ausgedacht und vorbereitet: Sogar die cremefarben-orangen Altarblumen sind farblich abgestimmt. Das ZDF zeichnet auf.

Man kann den Gottesdienst aber auch über die Kirchentags-App streamen. Neben mir sagt jetzt ein Sprecher vor laufender Fernsehkamera, die Politik werbe auf den Kirchentagen um die Kirchen, weil sie maßgeblich zum Kitt in der Gesellschaft beitrügen. Dieses Mal hätten Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, die Ministerpräsidenten Volker Bouffier und Malu Dreyer sowie Oberbürgermeister Peter Feldmann aktiv teilgenommen. Die Kirchen wiederum wollten mit ihrem digitalen Kirchentag zeigen: Auch, wenn wir uns nicht persönlich treffen können, sind wir präsent, ihr könnt auf uns zählen.

Schade bleibt es trotzdem: Begegnung und Austausch machen in normalen Zeiten ebenso den Kirchentag aus wie die großen Themen, die verhandelt werden. Das waren dieses Mal neben der Ökumene vor allem die Klimagerechtigkeit, die Folgen der Pandemie, wachsender Antisemitismus, Hass und Hetze, aber auch die kritische Auseinandersetzung mit den Missbrauchsfällen in den eigenen Reihen.

Jetzt entsteht vorne Auftrieb: Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und seine Frau sind angekommen: Wer weiter hinten sitzt, kann ihre Gesichter auf der großen Leinwand sehen. Sie strahlen.

Steinmeier – geschützt von einem Scharfschützen auf einem der mehrstöckigen Wohnhäuser am Main – spricht sein Bedauern darüber aus, dass der Kirchentag nicht als großes Fest in der Stadt stattfinden konnte. Bezugnehmend auf das Kirchentagsmotto betont er, wie wichtig es ist, auch nach Corona genau hinzuschauen. Tiefe Risse gingen durch die Gesellschaft, die der Heilung bedürften. Vorbildlich sei, dass der Kirchentag mehr Wert auf das lege, was verbindet, als auf das, was trennt. Steinmeier ist evangelisch, seine Frau, Elke Büdenbender, katholisch.

Am Abend zuvor waren in vielen Kirchen Frankfurts „ökumenisch sensible Gottesdienste“ gefeiert worden: Evangelische Christen waren ausdrücklich zur katholischen Eucharistiefeier eingeladen, katholische zum evangelischen Abendmahl, obwohl sich ihr Abendmahlverständnis unterscheidet. Möglich gemacht hatte das der katholische Bischof Georg Bätzing aus Limburg, trotz Kritik aus Rom. Er sagte, er wolle mit dieser Einladung die Gewissensensentscheidung jedes einzelnen Christen respektieren. „Auf diese Einladung habe ich 40 Jahre gewartet“, erklärte etwa Pfarrerin Silke Alves Christe von der Dreikönigsgemeinde, die am Samstagabend in der katholischen St.Wendel Kirche predigen durfte. Die gegenseitige Einladung gilt als erster Schritt. „Ich respektiere die Entscheidung und spende die Kommunion, wenn jemand hinzutritt, der glaubt, was wir Katholiken glauben, und im Glauben an die wirkliche Gegenwart Jesu Christi den Leib des Herrn empfangen möchte“, sagte Bätzing im Interview.

Beim Schlussgottesdienst am Sonntagmorgen wird der Hafenkran auf der Weseler Werft zum Ambo für die Lesung aus Jesaja 51ff. „Denn der Herr hat Zion getröstet, getröstet all ihre Ruinen …Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt und die ihr den Herrn sucht!“

Das Thema Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt der Predigt; es predigen zwei Frauen. Mareike Bloedt, Pastorin der evangelisch methodistischen Kirche gibt sich zuversichtlich: „Mitten in der Krise geht Gott mit. Er lädt sein Volk dazu ein, alles gerecht zu teilen.“ Die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Schwester Katharina Ganz, ermutigt dazu, tatkräftig selbst für Gerechtigkeit zu sorgen: „Drücken wir uns nicht vor der Verantwortung! Wir machen einen Unterschied, wenn wir für Menschen sorgen.“

Stimmungsvolle Lieder wie „Eingeladen zum Fest des Glaubens“ , „Schaut hin“ oder „Der Himmel ist offen und weit“ laden zum Mitsingen ein. Aber das ist ausdrücklich verboten. Doch das Publikum weiß sich zu helfen. Es schwenkt die orange-lila „Schaut hin-macht mit“ Kirchentag-Schals.

Die Stimmung ist gelöst. Nach einem gemeinsamen Vaterunser sprechen Erzpriester Radu Constanin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der Limburger Bischof Georg Bätzing sowie Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen Nassau den Schlusssegen.

Zuguterletzt laden Bischof Gebhard Fürst, Bistum Rottenburg-Stuttgart und der Landesbischof der evangelischen Kirche Bayern, Heinrich Bedford-Strohm zum 102. Katholikentag im Mai 2022 in Stuttgart und 38. Evangelischen Kirchentag im Juni 2023 ein.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

1 Kommentar

1. Juni 2021 23:17 Winfried Seifried

Sehr gut geschrieben Mir hat ein realer Kirchentag gefehlt. Wenn mann z.B.Katholikentag kennt und am Mittwoch nach einem Helfereinsatz im Cap Europa durch eine fast leere Stadt nach Hause fährt ist dies schon ein komisches Gefühl,zumal man an diesem Abend eine volle Stadt erwartet

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