Kirchentag 2021

Der blaue Tisch

In Vorbereitung des dritten Ökumenischen Kirchentags vom 13. bis 16. Mai ist gestern vor der Katharinenkirche an der Frankfurter Hauptwache ein blauer Tisch aufgebaut worden. 28 mal acht Meter misst er, auf's Ganze gesehen. Aber das Ganze ist so leicht nicht sichtbar.

Der Blaue Tisch an der Frankfurter Hauptwache gehört zum Ökumenischen Kirchentag. | Foto: Rolf Oeser
Der Blaue Tisch an der Frankfurter Hauptwache gehört zum Ökumenischen Kirchentag. | Foto: Rolf Oeser

Als lange Tafel ist die Installation nur aus einer Perspektive zu erkennen, von einem etwas erhöhten Standpunkt aus, der sich über eine Rampe erreichen lässt, markiert durch eine große Lupe. Verlässt man diesen Standpunkt, sind es vier Tische – sehr unterschiedliche Tische, keineswegs rechtwinklig, teils spitz, manche so hoch, dass der Blick nicht über die Tischkante kommt. Und dann die dazugehörigen Stühle, die erklettert werden wollen. Wo der Mensch ganz klein wird. Und doch einen guten Stand haben kann.

Ein Spielraum für Perspektivenwechsel also, den die Firma „satis&fy “ nach Plänen des Berliner Grafikers und Designers Philip Wilson hier installiert hat. Während des Kirchentags rund um die Uhr begehbar, mehr noch: einnehmbar. Ein Ort, an dem das, was Pandemie-bedingt nicht möglich ist und war, eben doch möglich werden soll: Beisammensein. Platz nehmen. An einem Tisch sitzen. Miteinander sprechen.

Die Installation ist mehr als ein symbolischer Ort, ein Kunstwerk, das Erfahrungen mobilisiert und in Bewegung versetzt. Wer bin ich im Verhältnis zu diesem Tisch? Wer bin ich in dem hier entstehenden Raum, der meine Gewohnheiten irritiert, mich herausfordert, mein Anderssein anspricht, die Maßstäbe versetzt? „Wo stehe ich und was ist meine Perspektive?“, das sei die Frage, die der Blaue Tisch aufwerfe, so Volker Rahn, Pressesprecher der gastgebende Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Der Tisch, so Miriam Küllmer-Vogt, Beauftrage der EKHN für den Ökumenischen Kirchentag, sei ein Herzensprojekt geworden. Als Idee lange vorhanden wurde das Projekt seit Jahresbeginn mit Nachdruck umgesetzt, da aufgrund der Coronamaßnahmen die Möglichkeiten für Begegnung im Rahmen des Kirchentags weiter reduziert werden mussten. Er ist ein Willkommenszeichen im Herzen der Stadt Frankfurt, ebenso wie Symbol der Hoffnung auf ein Zusammensein im irdischen wie himmlischen Sinne, worauf die Farbe Blau anspielt.

Vom 8. bis 15. Mai werden Kooperationspartner:innen wie Maria 2.0, Makkabi Frankfurt oder der Hotel- und Gastronomieverband Hessen den Tisch schmücken und damit unterschiedliche Perspektiven auf die Tischgemeinschaft einnehmen. (Hier das Programm im Detail)

Haben wirklich alle einen Platz am Tisch? Und ist das dann eine Tischgesellschaft? Oder ist die Kluft maßgeblicher als die Einheit? Die Einheit eine Täuschung? Der Blaue Tisch lädt dazu ein, das Trennende wie das Verbindende in den Blick zu nehmen und zu schauen, was daraus erwachsen kann.


Autorin

Silke Kirch 46 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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