Leben & Alltag

Beisammensein trotz Abstand: Überlegungen vor der zweiten Corona-Welle

Corona hat unser Leben durcheinandergewirbelt. Aber das Virus hat keine tiefere Bedeutung. Es ist weder eine Strafe Gottes noch eine „himmlisch-pädagogische Maßnahme“, wie Propst Oliver Albrecht sagte, sondern „einfach nur schlimm“. Was wir daraus machen, liegt ganz an uns selbst.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung, Bearbeitung: Felix Volpp
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung, Bearbeitung: Felix Volpp

Das Corona-Virus ist keine Strafe Gottes. Die Vorstellung, dass Gott uns wie Marionetten durch das Leben führt, lässt den Menschen als willenlos erscheinen. Die Freiheit der Christenmenschen ist, dass sie Entscheidungen treffen können. Auch die Entscheidung, wie wir uns in einer Pandemie verhalten.

Propst Oliver Albrecht bezeichnete das Virus als ein Werk zerstörerischer Mächte, die es von Anfang an in der Welt gab. Im Dekanatsgottesdienst Rheingau-Taunus sagte er: „Gott will uns mit dem Virus auch nicht irgendetwas beibringen, Corona ist keine himmlisch-pädagogische Maßnahme, sondern einfach nur schlimm.“

Wir erinnern uns: Noch vor dem offiziellen Lockdown im März deckten sich viele mit Vorräten ein; ja, auch mit Klopapier. Die Bilder aus dem italienischen Bergamo waren eindrücklich. All die Menschen, die auf dem Bauch liegend, am Beatmungsgerät hängend mit dem Leben rangen. Und dann kam das bis dahin Unvorstellbare. Das öffentliche Leben wurde heruntergefahren. Geschäfte und Gaststätten mussten schließen. Bahnen fuhren leer durch Deutschland und vor den Lebensmittelläden, die noch öffnen durften, bildeten sich lange Schlangen, schön in 1,50 Meter Abstand und die Kassiererin verschwand hinter Plexiglas.

Schnell war die Rede vom Krieg gegen das Virus, aber zu Recht verschwand dieser Vergleich bald wieder. Nein, ein Krieg ist es sicher nicht. Und doch ist Corona eine Bedrohung, wie sie die Nachkriegsgeneration noch nie erlebt hat.

Viele machten das Beste aus der Situation. Noch nie sah ich so viele Familien fröhlich auf den Straßen durch Frankfurt radeln. Es herrschte eine stille, zufriedene Atmosphäre. Auch wenn wir uns etwas misstrauisch physisch begegneten. Auf dem Bürgersteig wich man sich aus, achtete darauf nicht zu nahe am anderen vorbei zu gehen. Im Gegenüber sahen wir vor allem einen Überträger des Virus.

Zwangsweise mussten sich gerade die Familien Zeit für ihre Kinder nehmen, Schulen und Kitas waren geschlossen. Hie und da gab es Notbetreuung. Und abends wurde für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen geklatscht. Ja, die Bedeutung von allen, die helfen, das Leben aufrecht zu erhalten, rückte plötzlich in den Mittelpunkt. Der Müllmann und die Kassiererin waren systemrelevant.

Aber es zeigte auch den Rückfall in die klassische Rollenverteilung. Die Last der Kinderbetreuung und Hausarbeit lag doch meist bei den Frauen. Die Soziologie spricht von Retraditionalisierung. Dazu bedarf es nicht Corona, sie tritt oft auch mit der Geburt des ersten Kindes ein. Corona legte einfach nur offen, dass wir in Bezug auf Gleichberechtigung noch einen weiten Weg vor uns haben. Die Last war für die Familien oft unerträglich und die Schulen oftmals völlig hilflos. Es fehlte an Technik und Kompetenz. Und es ist zu fürchten, dass sich das auch bis jetzt nicht geändert hat.

Geändert hat sich aber, dass die Politik die Bedeutung von Kita und Schule auch in ihren sozialen Dimensionen wahrnimmt und ihr offenbar eine hohe Priorität einräumt. Trotzdem scheint man auf die jetzige Situation schlecht vorbereitet zu sein. Die Anschaffung von Lüftungsgeräten unterblieb, die flächendeckende Fortbildung der Lehrkräfte: Fehlanzeige. Einen Plan B scheint es für Schule nicht zu geben. Jetzt wird eine Verlängerung der Weihnachtsferien ins Gespräch gebracht – wahrlich keine guten Aussichten.

Für viele Familien hatte die Reduzierung der Kontakte noch ganz andere Auswirkungen. 3,6 Millionen Pflegebedürftige galt es, unter Corona-Bedingungen zu versorgen. Die Heime machten einfach zu, kein Besuch, Isolation. Es blieb oftmals nur der Blick durch das Fenster, das Handy am Ohr. Immerhin. Doch die Bettlägrigen und Sterbenden? Furchtbar.

Doch bei all der berechtigten und wichtigen Diskussion mit ihren existentiellen Fragen, gerieten die zu Hause Versorgten aus dem Blick – immerhin über Zweidrittel der Pflegebedürftigen, 2,9 Millionen. Vielerorts reisten ausländische Haushaltshilfen fluchtartig ab, Ersatz oder die Kompensation durch ambulante Pflegedienste waren nicht möglich.

Auch wir haben nachbarschaftliche Unterstützung abgesagt. Es soll möglichst niemand in die Wohnung kommen. Lediglich der Physiotherapeut darf seit zwei Monaten wieder kommen. Notwendige Therapien auf Dauer auszusetzen ist keine wirkliche Alternative. Die Logopädin konnten wir von einer Online-Therapie überzeugen. Und es geht erstaunlich gut. Auch sie als Soloselbstständige ist natürlich auf Beschäftigung angewiesen. Bei all diesen Berufen brach die Nachfrage und damit das Einkommen ein.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne Mitmenschen kann er nicht leben. Wir brauchen die Kommunikation. Wir brauchen jetzt also gerade keine soziale Distanz, sondern soziale Nähe – bei physischer Distanz: Da sitzen wir bei Geburtstagskaffee, vor uns das Laptop mit unserer Tochter im Bild. Auch sie mit Kuchen und Kerze. Und so plaudern wir eine Stunde über Gott und die Welt, fast so, als säße sie hier am Tisch, und doch ist sie 600 Kilometer entfernt. Eine gute Idee.

Solche Möglichkeiten gilt es zu kreieren. Zahlreiche Kirchengemeinden haben die Herausforderung angenommen und Alternativen für ihr Gemeindeleben entwickelt. Sei es der Gottesdienst to go, Hybrid-Gottesdienste oder ein Open Air-Gottesdienst auf dem Aldi-Parkplatz.

Es wird besonders darauf ankommen, gerade Alleinlebende zu erreichen, sie nicht zu verlieren. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Wir müssen Beisammenstehen und doch Abstand halten. Vielleicht einfach mal sagen: „Darf ich Dich nächste Woche wieder anrufen“, statt: „Du kannst mich gerne anrufen“. Gerade in diesen Zeiten müssen wir, bei allem Abstand, emotional aufeinander zugehen.

An vielen Stellen entdecken wir uns neu. Wie sagte Propst Albrecht: „Ich bin berührt und glücklich, wie viel Gutes aus so vielen Menschen gerade ans Licht kommt.“ Auch das ist Corona-Zeit.


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Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

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