Leben & Alltag

Maryam steigt aus

Maryam S. war am Ende ihrer Kräfte. Sie schaffte es gerade noch, zum Fenster zu kriechen und hinauszuklettern. So fest hatte ihr Mann nach einem Streit noch nie zugeschlagen. Und dann hatte er sie auch noch in ihr Zimmer eingeschlossen. Doch an diesem Tag entschloss sich Maryam auszusteigen. Sie war 45 Jahre alt und wusste: Nie wieder würde sie zu diesem Mann zurückgehen.

Maryam S. hat es geschafft, sich aus gewalttätigen Familienverhältnissen zu befreien. | Foto: Stephanie von Selchow
Maryam S. hat es geschafft, sich aus gewalttätigen Familienverhältnissen zu befreien. | Foto: Stephanie von Selchow

Nach ihrer dramatischen Flucht aus der eigenen Wohnung humpelte Maryam zur nahe gelegenen Polizeiwache. Die Beamten riefen den Krankenwagen. Im Krankenhaus erzählt ihr der Sozialdienst von Frauenhäusern – davon hatte Maryam noch nie gehört. Als es ihr besser ging, schickte man sie ins Frauenhaus in Frankfurt-Fechenheim.

„Ja, und da stand ich dann. Nur mit meinen Kleidern an, ohne Geld, ohne Essen, ohne alles“, erzählt die Frau mit den dunklen Augen und den zum Pferdeschwanz gebundenen schwarzen Haaren. „Ich fühlte mich ängstlich und klein wie eine Maus und wusste nicht, wie es weitergehen sollte.“

Maryam kommt aus dem Iran. Sie war dort verheiratet, aber in der Ehe zunehmend unglücklich, irgendwann ließ sie sich scheiden. „Aber als geschiedene Frau in Persien ist man kaum noch etwas wert“, erzählt sie. Als ihr Sohn alt genug war, wollte sie nur noch weg. Über verwandtschaftliche Beziehungen tat sich die Möglichkeit auf, zu einem Mann in Deutschland zu ziehen. Ihr Vater half ihr mit dem Asylantrag.

So kam Maryam zum ersten Mal nach Frankfurt. Zuerst sah es gut aus. Der Mann behandelte sie mit Respekt, und sie heirateten in einer Moschee. Maryam wusste nicht, dass eine religiöse Zeremonie rechtlich nicht bindend ist. Die Briefe von der Ausländerbehörde, die eine Abschiebung androhten, konnte sie nicht lesen. Aber ihr Mann sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen, er werde sich um alles kümmern. Das führte schließlich dazu, dass sie nach etwa einem Jahr tatsächlich wieder in den Iran zurückmusste. Ihr Vater übernahm die Kosten für die Abschiebung.

Doch bei ihm wollte sie nicht bleiben. Auch deshalb, weil sie sich von klein auf nicht mit ihrer Stiefmutter verstanden hatte. Mit Hilfe ihres Vaters gelang es ihr schließlich, eine Vollmacht von ihrem deutschen Mann zu bekommen, mit der sie rechtlich bindend heiraten konnte. Er war ihr Ticket in ein freieres Leben.

Wieder in Frankfurt, musste sie herausfinden, dass ihr Ehemann heroinsüchtig war und auch selbst dealte. Nach eigenen Erfahrungen mit Drogen zog Maryam die Notbremse. Sie handelte aus, in der gemeinsamen Wohnung ein eigenes Zimmer zu beziehen. Sie nahm Gelegenheitsjobs an. Sie trat vom muslimischen Glauben zum Christentum über und ist seitdem Mitglied der christlich persischen Gemeinde in Nied. Immer wieder bat sie ihren Mann, einen Entzug zu machen, doch er hört nicht auf sie. Eines abends eskalierte die Situation.

Das Frauenhaus Fechenheim war nur eine Übergangsstation. Nach drei Monaten siedelte Maryam ins Haus Lilith über, das eines von zwei Übergangswohnheimen für Frauen in prekären Situationen in Trägerschaft der Diakonie Frankfurt ist. Im Haus Lilith konnte Maryam in ein eigenes Zimmer ziehen, das zu einer Wohngruppe von sechs Frauen gehört, die sich Küche und Bad teilen. „So habe ich gelernt, wie man in Deutschland lebt“, sagt sie. „Die persische Kultur ist wärmer. Aber ich habe hier doch auch dauerhaft eine Freundin gewonnen.“

Bei ihrem Start in ein selbstbestimmtes Leben haben ihr aber vor allem die Gespräche mit Mehri Farzan geholfen, der Leiterin der Einrichtung. Immer wieder hat die diplomierte Sozialpädagogin die verängstigte Frau gefragt: „Wer bist du?“, „Was willst du?“. „Frau Farzan war wie ein Engel für mich“, sagt Maryam. “Ich wusste ja nicht, wie alles hier funktioniert. Hatte keine Familie hier, die ich fragen konnte. Und mich selbst kannte ich auch nicht richtig.“

Farzan empfahl Maryam eine Umschulung zur Altenpflegehelferin, acht Monate bei der Caritas. Danach konnte sie als mobile Pflegehelferin arbeiten. Nach 14 Monaten im Haus Lilith zog Maryam in eine eigene Wohnung, die über das Wohnungsamt gefunden wurde. Sie war froh über diesen Schritt, fühlte sich zunächst aber etwas hilflos, fiel wieder in ein Loch. Doch im Haus Lilith kann sie sich immer Hilfe holen. „Und das Gute ist: Sie nimmt die Hilfe auch an“, sagt Farzan. „Jetzt arbeiten wir daran, dass sie noch besser lernt, für sich einzustehen, sich nicht gleich zu ducken.“

Die Sozialpädagogin hat Maryam auch bei der Scheidung geholfen. Sie hat es inzwischen geschafft, sich eine unbefristete Stelle in einem mobilen Pflegedienst zu erobern: „Ich arbeite gerne mit alten Menschen“, sagt sie. Jetzt hilft Mehri Farzan ihr, einen deutschen Pass zu beantragen. „Und außerdem habe ich gerade den Führerschein gemacht“, sagt Maryam und strahlt. „Ich bin keine ängstliche Maus mehr. Ich weiß jetzt, dass ich ein positiver Mensch sein kann. Ich bin bei mir.“


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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