Leben & Alltag

Ostern darf man feiern, mit wem man will

Für die Ostertage haben viele Menschen ganz eigene Rituale – mit Verwandten und Wahlverwandten. Die strenge Choreografie des Weihnachtsfestes gibt es an Ostern nicht. Hier ist alles erlaubt, Hauptsache Gemeinschaft.

Abendmahl ist Gemeinschaft mit Jesus: Abendmahlsdarstellung aus dem 15. Jahrhundert. | Bearbeitung: Meik Krick
Abendmahl ist Gemeinschaft mit Jesus: Abendmahlsdarstellung aus dem 15. Jahrhundert. | Bearbeitung: Meik Krick

Wenn es Ostern wird im österreichischen Kleinwalsertal, steht Jasper Kirch im Treppenhaus einer Skihütte. Seit 17 Jahren. Er steht dann direkt an der Tür zum Speisesaal, wo schon andere warten. Frauen, Männer, Kinder. Manchmal bis zu 80 Leute. „Frohe Ostern!“ wünscht der heute 20-Jährige denen, die schon dort stehen, und reicht ihnen die Hand. So, wie er es bereits als Kindergartenkind getan hat. „Frohe Ostern!“ wünschen ihm die Nächsten, die am Fuß der Treppe ankommen, voller Vorfreude auf einen Kaffee, ein Brötchen und ein hartgekochtes buntes Ei. Aber das Frühstück muss warten. Erst singen alle zusammen. „Stups der kleine Osterhase“ ist meist dabei, „Winter ade“ genauso – bevor die Hausschuhe den schweren Skistiefeln weichen und der Tag auf der Piste und im Sessellift weitergeht. So wie voriges Jahr. Und nächstes Jahr. Gleiche Zeit, gleicher Ort. Gleiches Osterritual.

Jasper Kirch ist in diese besondere Gepflogenheit hineingewachsen. Seine Eltern gehörten zu einer Gruppe befreundeter Familien und Paare, die sich jedes Jahr zu Ostern in derselben Hütte zum Skifahren trafen. Die Gruppe gibt es mit Pausen seit den 1930er Jahren, längst sind Freundinnen, Bekannte und Freunde von Freunden dazugekommen, haben die Kinder der ersten Generation selbst Kinder, die auf kleinen Skiern die Berge hinunterflitzen. „Wir sind so etwas Ähnliches wie eine Familie auf Zeit“, sagt er.

Freundinnen und Freunde, Familie auf Zeit, Wahlverwandtschaften: Das Osterfest ist anders als Weihnachten. „Natale con i tuoi, pasquale come vuoi“, heißt es in Italien, was so viel bedeutet wie: „Weihnachten feiert man mit der Familie, Ostern mit wem man will.“ Das können Familienmitglieder sein, müssen es aber nicht.

Weihnachtsbaum, Gottesdienst, „O du Fröliche“, Geschenke auspacken mit Oma und Opa, morgen dann Gans essen mit Onkel Rainer: Die strenge Choreografie des Weihnachtsfestes, die sich in den meisten christlich geprägten Familien grob ähnelt, gibt es an Ostern nicht. Da genießt man die ersten Sonnenstrahlen im Sylt-Urlaub mit Freundinnen oder nimmt die Kinder mit zum Ostereiersuchen auf einer Burg, wo es am Abend ein Feuer gibt.

Am Ostersonntag sind die Kirchen voller als sonst, aber nicht so voll wie an Heiligabend. Wer einen Garten hat, lässt die Kinder bunte Eier und Schokohasen unter den so passend benannten Osterglocken und hinter Grasbüscheln entdecken. Tagesfüllend ist das nicht. Doch Menschen dürs­ten nach Ritualen – und sie sind Rudeltiere. So ist zu erklären, dass nicht nur Familien, sondern auch Freundes- und Bekanntenkreise sich an Ostern zusammentun. Und wenn es einmal schön war, kommt schnell die Frage auf: Warum nicht nächstes Jahr noch mal?

Das Buch „Soziologie kompakt“ formuliert es so: „Der Begriff Gemeinschaft beschreibt in der Soziologie eine soziale Gruppe von Menschen. Dazu gehören unter anderem Familien, ein Freundeskreis, eine Gemeinde oder auch eine Schulklasse oder ein Verein. Diese Menschen verbindet ein Wir-Gefühl, oft über mehrere Generationen hinweg. Die ursprünglichste Form der Gesellschaft ist die Gemeinschaft.“

Wenn man so will, passt das perfekt zu Ostern. Denn genau so eine Gemeinschaft bildete Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern. Ein spiritueller Freundeskreis, der sich gemeinsam zum Abendmahl trifft: Das ist ein ganz anderes Setting als die Heilige Familie im Stall, um die sich an Weihnachten alles dreht.

Wahlverwandte können auch Menschen sein, die gemeinsam ein politisches Ziel verfolgen – und zwar nicht nur einmal, sondern alle zwölf Monate. Vielleicht hat auch die Verortung zu einer ganz bestimmten Zeit im Jahr zum Erfolg der Ostermärsche beigetragen. Schon seit 1960 treffen sich Friedensaktivistinnen und -aktivisten in Deutschland, um für Abrüstung zu demonstrieren, nicht wenige mit christlichem Hintergrund.

In Frankfurt marschieren die Gruppen traditionell sternförmig auf den Römerberg zu, wo sie der Abschlusskundgebung zuhören, eine Bratwurst und womöglich das erste Eis der Saison essen. Viele Freundeskreise haben sich um die Ostermärsche herum gebildet. Das weiß wohl kaum einer besser als Helmut Usinger aus Offenbach. Er ist 88 Jahre alt und hat seit 1960 keinen Ostermarsch ausgelassen. Die Friedensinitiative Offenbach wurde für ihn nicht nur politische, sondern auch soziale Heimat. „Marschiert bin ich jahrzehntelang mit den selben Menschen“, sagt er. „Wir wurden auch mit unseren Familien ein sehr enger Freundeskreis. Die Kinder liefen mit und waren dann später mit ihren Kindern dabei.“ Die Erinnerungen an gemeinsame Ostermärsche halten die Gruppe bis heute zusammen. „Doch wir werden immer weniger, viele Mitstreiterinnen und -mitstreiter der ersten Jahre sind schon verstorben.“

Die Anekdoten aber bleiben lebendig. Ihre Kinder haben Helmut Usinger und seine Freundinnen und Freunde in Kinderwagen gefahren, während sie die alten Ostermarschlieder von linken Musikern wie Dieter Süverkrüp („Wir wollen dazu was sagen, wenn sie uns auch nicht fragen“) sangen, und später die Enkelinnen und Enkel. Auch dann noch, als die Zahl der Mitmarschierenden immer kleiner wurde.

Selbst gewählte Gemeinschaften sind in der globalisierten Welt wichtiger denn je. Menschen leben mobiler, die Familien sind verstreuter. Das bestätigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. 1648 Befragte wiesen der Freundschaft Platz 1 unter den Top 10 der „ganz besonders wichtigen“ Werte zu. „Gute Freunde haben“ ist für 85 Prozent essenziell. Doch Freundschaften brauchen Rituale. Und Kontinuität.

Vielleicht ist die Osterzeit perfekt dafür, bevor die Familien in den langen Sommerferien wieder ihre eigenen Wege gehen. Jasper Kirch hat im Kleinwalsertal einige Freundinnen und Freunde fürs Leben gefunden. Und wer weiß, vielleicht werden sich irgendwann ihre Söhne und Töchter an der Tür zum Frühstücksraum die Hände reichen und einander grüßen: „Frohe Ostern!“


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Anne Lemhöfer 44 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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