Leben & Alltag

Protokolle der Armut

Wie kommt es, dass Menschen arm sind? Hinter jeder Zahl in der Statistik steht ein persönliches Schicksal. Vier Beispiele.

Foto: Rui Camilo
Foto: Rui Camilo

„Zum Glück kann ich meine Miete zahlen“

Ich bin ein Frankfurter Mädsche. Ich hatte eine schöne Kindheit, aber als ich zehn war, starb meine Mutter an Leukämie. Jetzt wohne ich in Bornheim, bald werde ich 75. Ich hab Verkäuferin gelernt. Das wollte ich eigentlich gar nicht, aber meine Oma kannte da jemanden. Ich hab dann viele Jahre bei Neckermann gearbeitet. Da wäre ich bis zum Ende geblieben, aber Neckermann wurde von Karstadt übernommen, bis die dann auch Pleite machten. Da war ich 41. Dann hab ich noch 14 Jahre bei Saturn gearbeitet. Da wurde mir aber gekündigt, als ich einmal krank war. Da war ich erst 55. Ich hab mich danach noch um andere Arbeit bemüht, aber ich war zu alt. Obwohl ich schnell war an der Kasse und nett zu den Leuten. Jetzt krieg ich 800 Euro Rente und 43,16 Euro Betriebsrente. Zum Glück konnte ich immer meine Miete bezahlen, meine Mainova, meine Telekom. Aber meine Miete ist jetzt höher. Als ich schon in Rente war, hatte ich noch einen Putzjob, alle zwei Wochen mittwochs. Aber jetzt lebt die alte Dame nicht mehr. Wenn irgendwo eine Pfandflasche steht, nehm ich sie mit. Einmal hab ich so 13 Euro zusammengekriegt. Das war echt viel. Ich bin ja gesund, aber was wird, wenn sich mal einer um mich kümmern muss? Mein Sohn arbeitet schwer und hat nicht viel Zeit. Meistens rufe ich an.

„Ich habe früher gut verdient“

Ich bin 67 Jahre alt und bekomme 1100 Euro im Monat. Davon zahle ich 500 Euro warm für eine Dreizimmerwohnung in Offenbach. Strom und Telefon kommen aber noch oben drauf. Bis letztes Jahr musste ich den Bus selbst finanzieren, aber jetzt hab ich einen Schwerbehindertenausweis, da sind Fahrten mit drin. Meine Tochter ist Heilpraktikerin, sie lebt in München. Seit mein Mann tot ist, telefoniere ich jeden Tag zweimal mit ihr. Mein Mann ist vor anderthalb Jahren gestorben und da hat sich sehr viel verändert. Er war immer zuhause, hat sich um die Erziehung unserer Tochter gekümmert, weil ich arbeiten wollte. Und ich habe gut verdient. Ich war Chefsekretärin und Assistentin. Aber dann wurde ich krank, und das hat alles durcheinandergebracht. Eine Bekannte hat mich kürzlich gefragt, ob ich mit zum Mittagstisch von „Essen und Wärme“ kommen will. Ich dachte, da sind vor allem Leute von der Straße, aber sie hat gesagt, nein, auch die nicht viel Rente haben. Ich nehme meistens sogar was mit nach Hause, dann reicht es noch für den nächsten Tag. Zur Tafel gehe ich nicht, weil ich nicht gut zu Fuß bin. Man muss da früh morgens hin, um eine Nummer zu holen, und dann um 12 wieder da sein.

„Ich schwimme zwischen arbeitlos und Job“

Ich bin 53 Jahre alt und gelernter Einzelhandelskaufmann. Ich hab mal bei Coop gelernt, da hab ich 12 Jahre gearbeitet. Aber die Firma gibt es nicht mehr. Später war ich noch bei einem großen Reiseveranstalter. Das war ein guter Job, aber dann sind die weit weg gezogen. Seitdem schwimme ich immer zwischen arbeitslos, Umschulungen, dann hat man wieder was für ein Jahr. Viele Arbeitgeber wollen gar keine Leute mehr fest anstellen. Ich hab auch mal am Flughafen gearbeitet, als Gabelstapler. Da haben 200 Leute angefangen, nach vier Tagen waren es nur noch 60. Das ist Schwerstarbeit. Da arbeiten 70 Prozent Migranten, da gab es so Coachings, damit sich alle vertragen. Man verdient da so zwischen 1400 und 1600 Euro. Wenn man dann arbeitslos wird, muss das Arbeitsamt aufstocken. Ich wohne in Sachsenhausen, Gott sei Dank seit 20 Jahren. In der Kisselsiedlung. Das geht mit der Miete. Zuletzt habe ich bei einem großen Discounter in der Leergutbetreuung gearbeitet. Aber wenn man 100 Prozent gibt, wollen die 125. In der Eile habe ich mich bei der Arbeit verletzt. Hatte eine Platzwunde am Kopf. Da habe ich die Reißleine gezogen. Ich kann mir vorstellen, dass man irgendwann keinen Bock mehr hat, wenn man noch älter wird. Bewerben, befristet arbeiten, schwere Arbeit, wieder arbeitslos. Ich hab mich auch für Onlinehandel beworben. Aber jetzt hab ich auch viel Konkurrenz von Jüngeren.

„Ich wünschte, ich hätte jemanden“

Ich bin 34 und habe zwei Kinder – Lukas ist 6 und Julia 3 Jahre alt. Sie leben bei ihrem Vater, der zurück nach Sachsen gezogen ist. Als ich mit meiner Tochter schwanger war, hatte ich eine Nervenquetschung. Unglaubliche Schmerzen, aber die Ärzte haben lange nicht erkannt, was es war, bis sie mich operiert haben. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass ich wahrscheinlich auch eine Wochenbettpsychose hatte. Mein Mann kam mit meinem Zustand nicht zurecht. Er ist von einem auf den anderen Tag abgehauen. Danach waren die Kinder noch anderthalb Jahre bei mir, bis ich zusammengebrochen bin. Ich war ein Jahr in der Klinik. Jetzt sind meine Kinder weit weg, in Sachsen, und ich darf sie nur am ersten Samstag im Monat vier Stunden sehen. Ich kann doch nichts dafür, dass ich krank geworden bin. Ich habe 1300 Euro im Monat, davon gehen 922 für die Miete drauf. Die Wohnung ist 130 Quadratmeter groß, aber ich will sie unbedingt halten, wenn die Kinder wiederkommen. Bald habe ich einen Mitbewohner. Ich gehe zweimal in der Woche zur Tafel. Ich hab auch einen Frankfurt-Pass und kann ermäßigt ins Schwimmbad. Ich hänge noch an meinem Mann. Wir waren zwölfeinhalb Jahre verheiratet. Ich wünschte, ich hätte jemanden, der mit mir durch dick und dünn geht.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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