Leben & Alltag

Quadratur des Kreises

Vieles bleibt in der Krise wie selbstverständlich an den Familien hängen. Das ist nicht in Ordnung. Ein Video-Telefonat über das Leben im Familienbüro.

EFO-Redakteurin Anne Lemhöfer im Homeoffice mit Tochter Jette (2). | Foto: Rolf Oeser
EFO-Redakteurin Anne Lemhöfer im Homeoffice mit Tochter Jette (2). | Foto: Rolf Oeser

Anne Lemhöfer: Hallo Angela, passt es gerade, oder störe ich?

Angela Wolf: Alles gut, ich musste nur kurz unter die Dusche.

AL: Kenne ich. Man kommt ja zu nichts. Die Verlotterung greift um sich. Vorhin habe ich in Jogginghose Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben.

AW: Ganz ungewohnt, Mittagessen kochen zu müssen. Und ständig einzukaufen. Die Kinder haben gefühlt stündlich Hunger.

AL: Ich glaube, das habe ich vor Corona acht Jahre lang nicht getan. Mittagessen bekamen die Kinder in der Kita oder in der Schule, am Wochenende haben wir spät gefrühstückt und abends gekocht. Wahnsinn, wie viel Tagesstruktur uns die Institutionen bislang abgenommen haben, das wird mir gerade so richtig klar. Wir müssen manches ganz neu lernen.

AW: Und das zu verschärften Bedingungen. Wir Eltern sind jetzt wirklich 24 Stunden, sieben Tage die Woche mit den Kindern zusammen. Keine Großeltern, die sich kümmern können, der Babysitter darf nicht kommen, keine Spielbesuche bei Freunden.

AL: Das wäre ja eigentlich total schön für eine bestimmte Zeit. Nur leider müssen wir dabei arbeiten und Hilfslehrer spielen – eine Überforderung für alle Beteiligten. Du erklärst gerade Mathe, dann kommt ein Anruf: Zoom-Konferenz mit den Kollegen.

AW: Ich empfinde es so, dass mich die Elternschaft gerade stigmatisiert. Ich bin nicht in der Lage, im Homeoffice die Leistung zu bringen, die ich eigentlich von mir selbst erwarte. Ein ganz blödes Gefühl: Man will, kann aber nicht.

AL: Das ist bei mir genauso. Das Familienbüro ist die Quadratur des Kreises. Empathisch die Kinder durch den Tag begleiten, zwischendurch Mahlzeiten aus frischen Zutaten kochen, Regenbogen malen, schriftliche Subtraktion mit Übertrag erklären, Geschwisterstreit schlichten – und dabei eine Arbeitsleistung bringen, zu der man sich vertraglich verpflichtet hat, und für die man sonst für sechs bis acht Stunden ins Büro gefahren ist. Wie soll das gehen, ohne dass alle leiden?

AW: Manchmal werde ich richtig böse, wenn ich am Computer sitze und ein Kind will irgendwas. Ich höre immer nur Mama, Mama, Mama, den ganzen Tag. Ich habe gescherzt, dass ich mir demnächst einen neuen Namen zulege. Sogar wenn ich auf dem Klo bin, höre ich nach einer Minute: Wo ist eigentlich die Mama?

AL: Schrecklich, oder? Ich habe wirklich Angst, was das mit der Bindung zu meinen Kindern macht. Sie sind alle drei so toll, und haben es einfach nicht verdient, so oft angeblafft und weggeschickt zu werden. „Corona soll sofort weggehen!“, sagt mein Sechsjähriger oft. Die Corona-Krise hat Familien auf sich selbst zurückgeworfen, im Guten wie im Schlechten.

EFO-Redakteurin Angela Wolf mit Sohn Justus (10). | Foto: Rolf Oeser
EFO-Redakteurin Angela Wolf mit Sohn Justus (10). | Foto: Rolf Oeser

AW: Es gibt ja auch viele schöne Momente, Gott sei Dank. Unsere gemeinsamen Familien-Kinoabende mit Chips, die sind echte „Quality time“. Da können wir endlich mal wieder zusammen lachen.

AL: Ich habe noch nie zuvor so viel Uno gespielt und Lego gebaut. Teilweise erleben wir richtige Ausbrüche von Kreativität. Wir haben ein Spielhäuschen für den Garten gebaut, das ist jetzt das Hauptquartier einer Detektivbande. Wir lesen viel vor, und die Große hat endlich das Lesen-aus-Spaß für sich entdeckt. Unser Sohn ist seit dem Lockdown zum Harry-Potter-Spezialisten mutiert, der lateinische Zaubersprüche aufsagt und stundenlang Hörbüchern lauscht. Ihm tut die freie Zeit spürbar gut.

AW: Aber die Kinder spüren unsere Sorgen ja auch. Mein Partner ist in Kurzarbeit. Zu allem kommt auch noch Existenzangst hinzu.

AL: Hier auch. Wir sind beide Redakteure. Was wird aus Zeitungen, wenn Unternehmen immer weniger Geld für Anzeigen ausgeben können?

AW: Die Ungewissheit ist eigentlich das Schlimmste. Wir können unseren Kindern nicht mal sagen, wann sie ihre Freunde wiedersehen dürfen. Wann Oma und Opa wieder zu Besuch kommen. Und im Supermarkt sind Kinder inzwischen ungefähr so willkommen wie Hunde.

AL: Neulich waren meine Eltern zum Abstandsbesuch im Garten da. Das war schön, aber auch ein bisschen traurig. Unsere Jüngste ist gerade zwei, sie hat natürlich überhaupt nicht verstanden, warum die Oma sie nicht auf den Arm nehmen konnte.

AW: Stattdessen nimmt das leidige Thema Medienzeit überhand. Hier wird mehr geschaut und gedaddelt als sonst, teilweise zu viel.

AL: Virenbekämpfung ist wichtig, aber wir treten gerade die Kinderrechte mit Füßen.

AW: Mir ist die Debatte zu wirtschaftslastig. Da werden Läden geöffnet, für die Schulen gibt es aber keine Ideen und Lösungen. Und wir Eltern müssen einfach weiter funktionieren.

AL: Ja. Und wie das Alleinerziehende durchstehen, ist mir echt ein Rätsel. Besonders Frauen sind oft mehrfach belastet.

AW: Ich habe dazu einen Hashtag bei Twitter gefunden. Unter #CoronaEltern formiert sich jetzt berechtigter Widerstand.

AL: Das ist gut so. Schlussendlich bleibt zu hoffen, dass der ganze Mist nachhaltige Verbesserungen in der Bildungs- und Familienpolitik nach sich zieht. Ansonsten wäre es der totale Fail.


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Anne Lemhöfer 68 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

Angela Wolf 54 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.