Leben & Alltag

Von wegen „wieder wie immer"

In den vergangenen Monaten musste in der Altenseelsorge angesichts der Corona-Pandemie vieles neu gedacht und gestaltet werden. Dass die Hausleitungen durchgehend Zuwendung ermöglicht haben, dafür ging jetzt ein Dankschreiben an Frankfurter und Offenbacher Einrichtungen.

Leben zwischen Schutzbedürfnis und Sehnsucht  I
Leben zwischen Schutzbedürfnis und Sehnsucht I Bild: https://www.colourbox.de

In den Altenheimen kehrt dieser Tage so etwas wie Alltag – unter Corona-Bedingungen – zurück. Schutzkonzepte werden modifiziert, Besuche und Begegnungen sind unkomplizierter möglich, von Externen und Internen, das merken auch die evangelischen Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Doch die vielbeschworene „neue Normalität“, wie kann sie aussehen? Das gilt es auszutarieren. Beispielsweise ist zu klären: Wie kann zeitlich und räumlich gesehen Seelsorge geleistet werden – von Haupt- und von Ehrenamtlichen? Welche Rolle können die Kirchengemeinden spielen, denen die Menschen verbunden waren, bevor sie in das Heim zogen? Zwei Fragen unter vielen.

Die im Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach für Altenseelsorge zuständige Prodekanin Ursula Schoen und Pfarrerin Silke Peters, die im Agaplesion Haus Saalburg in Bornheim die Altenheimseelsorge verantwortet und darüber hinaus Altenseelsorge in den beiden Städten begleitet, haben dieser Tage gemeinsam an die Haus- und Pflegedienstleistungen der Altenheime in Frankfurt und Offenbach geschrieben. Vorneweg steht in dem Brief ein Dank „für die Sorgfalt und das Engagement, mit der Sie seit Beginn der Krise den Alltag in Ihrer Einrichtung gestaltet haben“.

Unterstützung in Altenheimen – unabhängig von kirchlicher Verbundenheit
Silke Peters formuliert das im Gespräch so: „Der Wille, alle Pflegebedürftigen gut durch diese besondere Zeit zu bringen, war deutlich zu spüren und dem persönlichen Einsatz der Mitarbeitenden auch anzumerken.“ Jeden Tag habe sie als Seelsorgerin Zugang zu den Bewohnerinnen und Bewohnern im Haus Saalburg gehabt. Ihre Kollegin Sibylle Schöndorf-Bastian, tätig im Interkulturellen Altenhilfezentrum Victor-Gollancz-Haus in Sossenheim, hat in Schutzkleidung sehr viele Einzelbesuche in Bewohnerzimmern gemacht. Martin Haß, wie Schöndorf-Bastian Diplom-Religionspädagoge, war durchgehend Ansprechpartner für die im Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrum lebenden Menschen. Gemeindepädagogin Sabine Schäfer konnte das Anni-Emmerling-Haus in Offenbach zwar nicht betreten. Sie war aber täglich als Seelsorgerin telefonisch ansprechbar.

Prodekanin Schoen betont: „Seelsorge ist nicht nur ein Grundbedürfnis von Pflegenden und Bewohnern. Sie gehört auch zu den gesetzlich verankerten Grundrechten der Bewohnerinnen und Bewohner. Wir wurden in den vergangenen Wochen und Monaten in den Häusern überall unterstützt – unabhängig von kirchlicher Nähe.“

Die Agaplesion Markusdiakonie, zu der auch das Haus Saalburg zählt, in dem Pfarrerin Peters tätig ist, steht der evangelischen Kirche nahe, das Victor-Gollancz-Haus wird vom Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe e.V. getragen, das Johanna-Kirchner-Haus von der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Im Budge-Heim in Seckbach, das dem Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden verpflichtet ist, hat Pfarrerin Melanie Lohwasser mit ihren katholischen und jüdischen Kollegen nach kleineren geistlichen Formaten gesucht, damit die dort lebenden Menschen „Verbindung spüren konnten“. Es entstand die Idee eines gemeinsamen Gebets, jeweils zu den Gebetszeiten der anderen, berichtet Schoen. Eigentlich sollte das 100. Jubiläum der Henry und Emma Budge-Stiftung mit einer Reihe an Festivitäten dieses Jahr Schwerpunkt des Hauses sein – so wurden neue Formen des religiösen Beieinanders zentral.

Gottesdienste und Musik im Garten
Gottesdienste, gelegentlich auch Gespräche, vieles wurde in den – glücklicherweise sonnenbeschienen Frühlingswochen – angesichts von Corona in die Gärten der Häuser verlegt. Ursula Schoen beispielsweise hielt am Ostersonntag einen Gottesdienst im Offenbacher Anni-Emmerling-Haus, zusammen mit dem katholischen Dekan in Offenbach, Andreas Puckel. An fünf Stationen hätten sie im Garten die Osterbotschaft überbracht: „Die Leute saßen auf den Balkonen und haben sich gefreut, einzelne sogar beim Sekt, ist vielleicht theologisch nicht ganz vorgesehen, aber dieser Gottesdienst war eine Freude und sehr bewegend“, erzählt die Prodekanin.

Ein Beispiel unter vielen. Eine Vielzahl an Auftritten hatte die kirchlich getragene Frankfurter Bläserschule, unter anderem gastierte sie im Nellini-Stift im Frankfurter Holzhausenviertel und im Anni-Emmerling-Haus in Offenbach-Waldheim. Manche Ensembles wurden neu aufgestellt – nicht selten standen Geschwister zusammen am Notenständer – ein Haushalt. Das Personal der Einrichtungen sorgte für geregelten Ablauf – und genoss auch den einen oder anderen Auftritt.

In Einsamkeit und Sterben nahe sein
In dem dieser Tage versandten Schreiben an die Haus- und Pflegedienstleistungen geht es um Dank, aber auch um die Zukunft. Beispielsweise wird darum gebeten, auch Externen – über die Sterbebegleitung hinaus – unter Beachtung von Hygiene- und Abstandsregeln, den Zugang zu den Wohnbereichen zu ermöglichen. Als „wesentlich“ bezeichnen Schoen und Peters die Besuche und Seelsorge durch Ehrenamtliche.

Gebeten wird, die Kontakte zu den Kirchengemeinden im Hinterkopf zu haben, gerade jetzt in der Sommer- und Urlaubszeit. Da gab es ohnehin in den vergangenen Monaten manchen Brückenschlag. Pfarrer David Schnell, Evangelische Sankt Nicolai-Gemeinde im Frankfurter Ostend, schickte beispielsweise regelmäßig Andachten, Briefe und Bildmotive in das GDA-Wohnstift in der Waldschmidtstraße. Solche freundlichen Botschaften sind zu allen Zeiten wichtig.

Dass Sterbebegleitung im Haus Saalburg durchgehend möglich war, ist für Silke Peters von großer Bedeutung. Sie, aber auch die Angehörigen, hätten Sterbende täglich in ihren Zimmern aufsuchen können: „Das gehört auch zu meinem Verständnis als Seelsorgerin in einer Pflegeeinrichtung.“

Gefragt nach der generellen Stimmungslage unter den Altenheimbewohner*innen antwortet die Pfarrerin, „das ist wie überall – unterschiedlich“. Manche sagten, „ist mir doch egal, das Virus, Hauptsache, mein Enkel kann kommen“, andere zögen sich eher zurück, würden sogar ihrer Verwandtschaft absagen – aus gesundheitlichen Bedenken.

Denjenigen, die keine Angehörigen oder Freunde haben, die im Altenheim vorbeischauen, zugewandt zu sein: „Das ist uns immer, aber auch gerade jetzt wichtig“, so Prodekanin Schoen. Nicht zuletzt deshalb sei der gute Draht zu den Haus- und Pflegedienstleitungen so entscheidend – sie sehen in ihrem Alltag, wie es den Menschen geht und wie sie eingebunden sind.


Autorin

Bettina Behler 109 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach