Leben & Alltag

Welches Gläschen ist zu viel? In der Pandemie steigt auch die Suchtgefahr

Eine Pandemie erzeugt Stress: Sorgen, Ängste, Nöte einerseits, Mangel an Kontakten andererseits. Eine gefährliche Kombination für Menschen mit einer Suchtproblematik. Denn wenn es ohnehin keiner mitbekommt, warum nicht schon am Mittag mal entspannt ein Gläschen trinken?

Wenn der Stress zunimmt, greift man schneller mal zu einem Gläschen Wein. Solange es nicht jeden Tag und nicht mehr als eins ist, besteht keine Suchtgefahr. | Foto: Ana Itonishvili /Unsplash
Wenn der Stress zunimmt, greift man schneller mal zu einem Gläschen Wein. Solange es nicht jeden Tag und nicht mehr als eins ist, besteht keine Suchtgefahr. | Foto: Ana Itonishvili /Unsplash

Hauptdroge der Deutschen ist und bleibt: Alkohol. Alkohol, sagt Martin Meding, der Leiter der Suchtberatungsstelle der evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach, sei als Droge gesellschaftlich weitgehend toleriert. Deshalb fällt ein übermäßiger Konsum hier erst einmal nicht auf. Bis zu sieben Jahre dauere es im Durchschnitt, bis ein Mensch mit einem Alkoholproblem Hilfe in Anspruch nimmt.

Der Übergang von normalem Genuss zur Sucht ist beim Alkohol schleichend, außerdem schämen sich viele Menschen zuzugeben, dass sie an der Stelle ein Problem haben. Wenn dann auch noch eine Pandemie dazukommt, kann das den kaum merklichen Übergang beschleunigen. Die Lebensbedingungen verändern sich, die Belastungen nehmen zu, im Homeoffice gibt es keine Kontrolle durch Kolleg:innen. Alkohol ist schnell zur Hand und entfaltet ebenso schnell eine beruhigende Wirkung. Es ist eine legale Droge, die vom engen Familienalltag ebenso ablenken kann, wie von unsicheren Arbeitsbeziehungen oder der fehlenden Tagesstruktur.

Wann aber fängt eine Sucht an, und was kann man tun, um vorzubeugen? Beim Alkohol ist die Grenzlinie zwischen einem risikoarmen und einem riskanten Konsumbereich aus Sicht von Fachleuten recht leicht zu ziehen: Wer nicht mehr als ein bis zwei kleine Standardgetränke pro Tag zu sich nimmt und an zwei Tagen in der Woche gar keinen Alkohol trinkt, ist nicht gefährdet. Wobei Frauen tendenziell weniger Alkohol vertragen als Männer und deshalb schon bei einem Gläschen die Grenze ziehen sollten. Martin Meding empfiehlt, im Zweifelsfall ein Tagebuch zu führen, um eine verlässliche Einschätzung zu haben.

Wer sich Sorgen macht, sei es über das eigene Konsumverhalten oder das von Angehörigen, sollte professionelle Hilfe suchen und kann zum Beispiel die Suchtberatungsstelle des Evangelischen Regionalverbandes in Frankfurt-Eschersheim kontaktieren (Adresse am Ende des Textes). Das gilt natürlich auch dann, wenn es nicht um Alkohol geht, sondern um andere Drogen. Auch Süchte wie Glücksspiel sind besonders in Krisenzeiten eine Gefahr. Die Therapie- und Beratungsprogramme des Zentrums laufen auch in Coronazeiten weiter, zumeist per Telefon und Videocall, es gibt jedoch auch Präsenztermine.

Das Team von der Suchtberatung kann zum Beispiel dabei helfen, die eigene Gefährdung einzuschätzen und wieder in den risikoarmen Bereich zu kommen. Der Weg dorthin beruht auf Vereinbarungen, die der individuellen Situation angemessen sind. Was Martin Meding derzeit beobachtet ist, dass unter Corona mehr jüngere Leute Beratung suchen, die weder abhängig noch gefährdet seien, jedoch merken, dass es mehr wird mit dem Alkoholkonsum und sie aufpassen müssen. Diese kritische Aufmerksamkeit für sich selbst zu entwickeln sei ein Grundbaustein der Suchtprävention.

Die beginnt nämlich idealerweise schon, bevor es kritisch wird: mit der Selbstfürsorge. Was kann uns trotz großer Belastungen gesund bleiben lassen? Meding verweist auf die klassischen Resilienzfaktoren: Schwierigkeiten akzeptieren, positiv denken, lösungsorientiert nach vorne schauen, nicht in eine Opferrolle geraten, handlungsfähig bleiben.

Ganz wichtig sei es derzeit, alle vorhandenen Kontaktmöglichkeiten kreativ zu nutzen, Netzwerke aufzubauen oder zu erhalten via Telefon, Internet, WhatsApp, beim gemeinsamen Spaziergang … Wichtig sei es auch, weiterhin Pläne für die Zukunft zu machen und eigene Ressourcen zu stärken: Welche Durststrecken gab es früher schon einmal und wie wurden sie überwunden? Die eigenen Potenziale neu entdecken – auch dabei kann das Team der Beratungsstelle helfen.

Kontakt: Evangelisches Zentrum Am Weißen Stein, Frankfurt-Eschersheim:
www.evangelische-beratung.com/sucht/
Telefonsprechzeiten Montags bis freitags von 9-11 Uhr, Telefon: 069 53 02 30 2 oder per E-Mail an suchtberatung@frankfurt-evangelisch.de.

Gerade für Krisenfälle sei ein persönlicher Kontakt unabdingbar, sagt Martin Meding. Auch Gruppen für Angehörige und Selbsthilfegruppen gibt es, sie dürfen, da sie zur psychosozialen Grundversorgung zählen, als Präsenzveranstaltungen stattfinden.


Autorin

Silke Kirch 42 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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