Leben & Alltag

Wenn Zuhausebleiben keine Option ist

Für Menschen in schwierigen sozialen Verhältnissen ist das Leben zurzeit besonders kompliziert. Wie soziale Einrichtungen in Frankfurt und Offenbach trotz allem weiterarbeiten.

Gabenzäune sind nett gemeint, aber koordinierte Hilfe für arme Menschen ist besser, auch in Krisenzeiten. | Foto: Rolf Oeser
Gabenzäune sind nett gemeint, aber koordinierte Hilfe für arme Menschen ist besser, auch in Krisenzeiten. | Foto: Rolf Oeser

Zuhause bleiben und sich regelmäßig die Hände waschen: Für wohnungslose Menschen ist das nicht machbar. Viele sind außerdem chronisch krank und gehören zu den Risikogruppen. Und jetzt fallen auch noch ihre kleinen Einnahmequellen weg: Niemand wirft Pfandflaschen in Abfallkörbe oder einen Euro in den Becher.

Mit der Not ist aber auch die Solidarität gewachsen. Zwei größere Spenden von der Share-Value und der NGAC-Stiftung, aber vor allem viele Einzelspenden machen es möglich, dass jeden Tag 200 Lunchpakete im Wert von 4,50 Euro an obdachlose Menschen ausgegeben werden. Sie enthalten zwei Brote, eine Flasche Wasser, Obst und etwas Süßes und werden an verschiedenen Stellen verteilt: im Weser 5 Diakoniezentrum im Frankfurter Bahnhofsviertel, im Tagestreff 17 Ost für Frauen, bei der Wohnungsnotfallhilfe in der Gerberstraße 15 in Offenbach und am Wochenende bei der Bahnhofsmission im Frankfurter Hauptbahnhof.

„Gerade jetzt kommt es auf eine verlässliche Struktur an“, sagt Dagmar Keim-Hermann, Pressesprecherin des Diakonischen Werks. Gabenzäune, wie man sie in vielen Stadtteilen sieht, seien ein „menschlich netter Impuls“, aber ihrer Natur nach keine regelmäßige Unterstützung. Zudem garantiert Martha‘s Finest, der kirchliche Caterer, der die Lunchpakete zusammenstellt, dass die Hygienestandards eingehalten werden.

Auch das Diakoniezentrum in der Weserstraße ist weiterhin geöffnet. Dort gibt es Frühstück, warmes Mittagessen und man kann duschen. Es dürfen aber nicht mehr als 50 Menschen in die Innenräume – in normalen Zeit sind es bis zu 200. Im Tagestreff 17 Ost für wohnungslose Frauen wird nach wie vor warm gekocht. Post wird den Frauen dort durch ein Fenster nach draußen gereicht.

Wer sich engagieren will, kann nicht nur mit Geld helfen sondern auch mit Tatkraft. Die Initiative „100 Nachbarn“, von zwei jungen Frauen im Bahnhofsviertel gegründet, hilft beim Austeilen der Lunchpakete, die Initiative „Helferfreunde“ kümmert sich um Menschen, die am Flughafen gestrandet sind. Beide arbeiten mit dem Diakoniezentrum zusammen. Das hält Jörg Mühlfeld, der Leiter von Weser 5, auch für sehr sinnvoll: „Spontane Initiativen sind hilfreich, die Macher wissen aber oft nicht, welche Unterstützung es schon gibt.“

Auch Kinder und Jugendliche brauchen jetzt besondere Unterstützung. Normalerweise wird für sie im Internationalen Kinderhaus im Bahnhofsviertel, im Teenie-Café Edwards Garten am Frankfurter Berg und im Kinderhaus am Bügel in Bonames gekocht. Jetzt bringen ihnen die Mitarbeitenden des Evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit jeden Tag persönlich Lunchtüten nach Hause und nehmen die Gelegenheit zu Gesprächen mit Kindern und Eltern wahr. Zusammengestellt wird das Mittagessen von Mitarbeitenden des Lernbetriebs im Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit und finanziert aus dem Programm „Pädagogischer Mittagstisch“ sowie Spendengeldern des Sozialdezernats.

Auch die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit mussten schließen, deshalb drehen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter jetzt am Frankfurter Berg und in anderen Stadtteilen eine Runde, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben und bei Problemen ihre Hilfe anzubieten. Viele haben außerdem digitale Sprechstunden eingerichtet und sind über die sozialen Medien in täglichem Kontakt. „Gerade in Familien mit sozialer Problemlage ist das für Kinder und Jugendliche oft essentiell“, sagt Jürgen Mattis, der zuständige Fachbereichsleiter. Auch die Hausaufgabenhilfe läuft per Telefon oder digital weiter.

Und was passiert, wenn ein Wohnungsloser oder Geflüchteter an Covid-19 erkrankt? „Eine Quarantäne in Unterkünften für Wohnungslose, aber auch für Geflüchtete oder Drogenabhängige lässt sich nicht umsetzen“, sagt Michael Frase, Leiter der Diakonie Frankfurt. Oftmals lebten die Menschen bereits auf engstem Raum zusammen, nutzten Gemeinschaftsküche oder -bad. Wohnungslose und Geflüchtete, die 14 Tage isoliert werden müssten, können jetzt in einem Hotel im Gallusviertel untergebracht werden. Die ersten 5 Plätze waren sofort belegt. Für Drogenabhängige muss noch eine Möglichkeit gefunden werden.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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