Leben & Alltag

„Wir bereiten die Jugendlichen auf ein selbstständiges Leben vor“

Wenn Teenager nicht in ihren eigenen Familien leben können, müssen sie ins Heim. Aber die heutigen Einrichtungen der „Stationären Jugendhilfe“ – so der Fachausdruck – sind weit entfernt von den Diszipinierungsanstalten früherer Zeiten. Ein Sozialarbeiter erzählt.

Die eigene Familie können sie nicht ersetzen, aber die Einrichtungen der stationären Jugendhilfe bieten Jugendlichen doch ein Zuhause. | Foto: Stefanie von Stechow
Die eigene Familie können sie nicht ersetzen, aber die Einrichtungen der stationären Jugendhilfe bieten Jugendlichen doch ein Zuhause. | Foto: Stefanie von Stechow

„Das hat heute nur noch wenig mit dem zu tun, was man früher Heim nannte“, sagt Bernd Mühl. Der große, sportliche 32-Jährige ist seit sieben Jahren in der stationären Jugendhilfe tätig und inzwischen stellvertretender Leiter einer stationären Jugendeinrichtung der Evangelischen Kirche in Frankfurt. und Offenbach Eine solche Verantwortung für andere erfordert Empathie und Professionalität, Nähe und Distanz.

Je nach Belegung begleitet Mühl bis zu 18 Jugendliche zwischen zwölf Jahren und der Volljährigkeit durch den Alltag. „Wir wecken, frühstücken mit den Jugendlichen, essen nach der Schule zusammen, helfen bei den Hausaufgaben, unternehmen etwas oder spielen“, erzählt Mühl. „Und sind vor allem jederzeit ansprechbar.“

Mühls Arbeitsplatz ist ein altes Haus an einer großen Frankfurter Durchgangsstraße. Vor der Tür stehen Fahrräder, hinten gibt es einen kleinen Garten mit Holzflächen zum Grillen oder Sitzen. Drinnen ist alles freundlich farbig gestrichen, bunte Möbel in den Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss, helle Einzel- und Doppelzimmer in den Wohngruppen darüber. Für Einzelgespräche steht ein extra Raum zur Verfügung. Bernd Mühl arbeitet hier im Schichtdienst, früh, spät oder auch nachts. Dann schläft er in einer der Wohngruppen im ersten oder zweiten Obergeschoss.

Kinder und Jugendliche, die hier leben, können aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bei ihren Eltern wohnen: „Es gibt die Fälle, in denen das Jugendamt beschließt, die Kinder wegen Kindeswohlgefährdung aus den Familien zu nehmen“, so Mühl. „Aber es gibt auch Fälle, in denen Eltern oder Kinder von sich aus um eine Auszeit gebeten haben.“ Einige von Mühls Schützlingen spielen noch mit Lego, andere sind fast erwachsen. In jedem Fall ist das Jugendamt involviert und trägt die Kosten für die stationäre Unterbringung.

Bernd Mühl findet verbindet als Sozialarbeiter Empathie und professionelle Distanz. | Foto: Elisa Naderi
Bernd Mühl findet verbindet als Sozialarbeiter Empathie und professionelle Distanz. | Foto: Elisa Naderi

Bernd Mühl schätzt seine Arbeit mit den Jugendlichen, ohne sie zu überhöhen: „Es ist einfach ein Beruf, in dem man viel verändern, viel erreichen kann.“ Aber er warnt auch: „Wir sind immer nur Puzzlesteine im Leben dieser Menschen. Die Welt können wir nicht retten.“ Schichtdienst, Konflikte oder Momente des Scheiterns gehörten ebenso zu seinem Alltag, wie viele kleine und manch große Erfolgserlebnisse.

Vieles wird in den Wohngruppen partizipativ geregelt, altersgerecht und zusammen mit den Jugendlichen. Aber natürlich gibt es auch Streit, über Regeln, Freiheiten und Pflichten. Wie in jeder Familie. „Wir können die Familie nicht ersetzen, aber wir bieten familienähnliche Strukturen“, sagt der Sozialarbeiter. Viele der Jugendlichen erlebten zum ersten Mal über eine längere Zeit hinweg feste Strukturen, Abläufe, Aufgaben – wichtig für das Zusammenleben, aber vor allem wichtig für die Kinder. Den meisten tut das gut, Strukturen schaffen Halt und Orientierung.

Schon als Jugendlicher hatte Mühl mit Kindern seiner heimatlichen Kirchengemeinde gebastelt, Freizeiten gestaltet, später Tätigkeiten in einem Kindergarten und einer Förderschule für Kinder mit psycho-sozialen Beeinträchtigungen übernommen. „Die Arbeit mit Kindern zog sich wie ein roter Faden durch meine Berufswahl“, sagt er. Die stationäre Jugendhilfe war schließlich eine willkommene Herausforderung: „Weil man hier ganzheitlich mit den Jugendlichen arbeiten kann.“

Ausflüge, Feste und Freizeiten werden bei den wöchentlichen Gemeinschaftssitzungen mit den Bewohner*innen zusammen geplant, jeder Jugendliche hat zudem einen persönlichen Bezugsbetreuer. Neben Mahlzeiten, Schule, Hausaufgaben und Freizeit begleiten die Sozialarbeiter die Jugendlichen zum Arzt, bei Behördengängen und Gesprächen in der Schule. Auch die Planung der Besuche von oder bei den Eltern gehören zum Alltag, denn der Kontakt zur eigenen Familie bleibt wichtig. „Auch vernachlässigte oder misshandelte Kinder lieben ihre Eltern, das muss man akzeptieren“, sagt Mühl.

„Der Beruf zieht natürlich viele Leute an, die unbedingt etwas Gutes tun wollen“, so seine Erfahrung. „Aber das allein funktioniert nicht.“ Man brauche Durchsetzungsvermögen und gute Nerven, dürfe nicht jeden Konflikt persönlich nehmen. Wenn der Stress zu groß wird, helfen Teamgeist und Supervision. Doch ohne eine gewisse professionelle Distanz geht es nicht. Denn: „Das Ziel ist immer, die Jugendlichen auf ein selbstverantwortliches Leben vorzubereiten“, sagt Mühl. Auf einen Schulabschluss, Bewerbungsverfahren, den Umgang mit dem eigenen Geld und den Behörden. Wenn es soweit ist, gehen sie. Verlassen die Einrichtung in ein selbständiges Erwachsenenleben, gegebenenfalls auch in eine Anschlussbetreuung für junge Erwachsene.

„Wenn ein Jugendlicher sich positiv entwickelt, irgendwann in eine selbstgewählte Ausbildung, ein selbständiges Leben entlassen werden kann, dann haben wir wirklich was erreicht“, sagt Bernd Mühl. Dann hören die Sozialarbeiter nur noch selten von ihren Schützlingen. Aber dann haben sie auch vieles richtig gemacht.


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Stefanie von Stechow ist Mutter von vier Kindern und freie Journalistin. Sie schreibt über Themen aus Familie, Bildung und Gesellschaft.

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