Leben & Alltag

Wo Jugendliche unter sich sind

Ihren Platz in der Gesellschaft finden Jugendliche nicht, indem man sie die ganze Zeit gängelt und kontrolliert. Sie brauchen vor allem Freiräume.

Der Jugendladen in Heddernheim ist ein Ort, wo Jugendliche unter sich sein können und Ansprechpartner finden.  |  Foto: Ilona Surrey
Der Jugendladen in Heddernheim ist ein Ort, wo Jugendliche unter sich sein können und Ansprechpartner finden. | Foto: Ilona Surrey

Wuselig und laut ist es im Jugendladen Heddernheim. „Das liegt am Alter der Kids“, sagt Chris Weber, der die Einrichtung des Evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit leitet. „Bei uns fand kürzlich ein Generationenwechsel statt. Die Älteren gehen nach und nach raus, und Jüngere rücken nach.“

Die zwölf- bis vierzehnjährigen Jungs zocken lautstark an der Konsole, immer abwechselnd, was gut funktioniert. Die Gruppe wirkt verbunden, befreundet. „Ja, das sind die meisten. Wenn einer anfängt, hierher zu kommen, werden sofort die Kumpels auch aktiviert“, sagt Weber. Eine neue Gruppe bedeute erst einmal viel Beziehungsarbeit. „Die Kids wollen sich abarbeiten, dabei wird viel ausgetestet. Das legt sich aber mit der Zeit“, weiß der 34 Jahre alte Sozialwirt aus Erfahrung. Die Kunst bestehe darin, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. Dabei agieren Weber und sein Team eher wie Freunde: „Wir sind näher dran als die Lehrkräfte. Und anders als die Eltern.“ 

In den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit finden Heranwachsende Räume und Angebote, die sie nutzen können, ohne sich für feste Gruppen oder Kurse anmelden zu müssen. Die evangelische Kirche betreibt solche Jugendhäuser über den „Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit“ an 16 Standorten in Frankfurt. In den Leitlinien des Vereins steht, dass Kinder und Jugendliche „nicht als Objekte eines Versorgungsauftrages gesehen werden“, sondern dass man „sie darin unterstützt, Subjekte zu werden.“ Für Chris Weber im Jugendladen Heddernheim bedeutet das konkret, die Persönlichkeitsentwicklung der Teenager zu fördern, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen zu zeigen, welche Möglichkeiten sie haben, sich an gesellschaftlichen Entwicklungen zu beteiligen. 

Aber welche Möglichkeiten haben sie denn? Der Erziehungswissenschaftler Andreas Walther vom Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt hat genau dazu geforscht. Er kritisiert, dass sich der gängige Partizipationsbegriff am Engagement in Parteien, Kirchen oder Vereinen orientiere. Das sei viel zu eng gefasst: „Auch das Abhängen in Einkaufszentren ist ein Versuch der Teilhabe am öffentlichen Raum.“ 

Im Internet, ebenfalls ein öffentlicher Raum, tummeln Jugendliche sich gerne. Auf YouTube, Instagram oder Snapchat präsentieren sie ihre Sicht der Welt. Erwachsene bekommen davon oft nicht viel mit, und genau das macht das Internat für viele junge Menschen attraktiv: „Mit formalisierten Räumen wie dem klassischen Verein können sich immer weniger Jugendliche identifizieren“, schreibt Walther in seiner Studie. Es sei daher kein Wunder, wenn Vereine oder Kirchengemeinden Nachwuchsprobleme haben. 

Überall, wo Erwachsene dominieren, ziehen Jugendliche sich zurück. Das hat selbst Facebook erfahren, als sich immer mehr Menschen über 30 in dem sozialen Netzwerk anmeldeten: Bei Teenagern wurde es entsprechend unbeliebt. Die sind dann lieber zu Snapchat gewechselt – ist cooler. 

Trotzdem müssen junge Menschen auch lernen, wie sie in einer Welt voller Erwachsener zurechtkommen. In Jugendhäusern wie dem in Heddernheim können sie das einüben: „Grundlegendes besprechen wir hier gemeinsam“, erklärt Chris Weber. Die Jugendlichen können einbringen, was sie brauchen und sich wünschen, sie finden in den Pädagoginnen und Pädagogen aber auch mal ein kritisches Gegenüber. Die Botschaft an sie lautet aber immer: „Uns könnt ihr jederzeit ansprechen. Wir begleiten euch.“

Weiterlesen:

„Es ist nicht gut, dass Bildungsangebote immer formeller werden.“ Interview mit Miriam Walter


Autorin

Angela Wolf 76 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

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