Offenbach lokal

„Ich muss halt auch etwas tun“

Die 87 Jahre alte Anneliese Pausch aus Rüsselsheim kocht alljährlich hunderte Gläser Marmelade für die Teestube der Diakonie in Offenbach. Außerdem strickt sie emsig für Bedürftige.

Süße Freuden: die Marmeladen von Anneliese Pausch  I Foto: privat
Süße Freuden: die Marmeladen von Anneliese Pausch I Foto: privat

Leckere Marmelade satt – in der Teestube der Diakonie an der Gerberstraße steht immer ein offenes Glas mit köstlichem Fruchtaufstrich. Gäste des Treffs für Menschen die wenig zum Leben haben können die selbstgemachten Marmeladen mit Butter und kostenlosem Gebäck vom Vortag genießen, für manche ist das vielleicht sogar ein Stückchen Kindheitserinnerung. Dafür steht die 87-jährige Anneliese Pausch stundenlang in ihrer Küche in Rüsselsheim. Wahlweise türmen sich Äpfel, Zwetschgen, Kirschen oder auch Holunderblüten, Trauben, Kiwis, Quitten und Brombeeren auf ihrem Küchentisch. Freunde und Nachbarn bringen Obst vorbei oder laden zum Ernten ein und spenden leere Gläser. Marmeladenkochen ist die Leidenschaft von Anneliese Pausch. Am liebsten mag sie Ladwerge, verrät die Frau, die schon als Kind dabei half, Obst und Gemüse aus dem Garten einzumachen, einzukochen oder zu Marmelade zu verarbeiten. „Das Rezept für den Ladwerge stammt von meiner Mama“, sagt Anneliese Pausch. Im vergangenen Jahr hat sie 528 Gläser Marmelade und Gelee gekocht, darüber führt sie in einer Kladde Buch. Einen großen Teil spendet sie an die Teestube der Diakonie in Offenbach.

„Die Marmelade geht weg wie warme Semmeln“, sagt Thomas Quiring, der den Sozialdienst Offenbach Wohnungsnotfallhilfe an der Gerberstraße leitet. Seit 2011 kommt die leckere Marmelade aus der Küche von Anneliese Pausch auf die Tische in der Teestube des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. „Unsere Gäste freuen sich sehr über den selbstgemachten süßen Aufstrich.“

Bis vor zwei Jahren kletterte Anneliese Pausch noch selbst mit der Leiter in ihre Obstbäume, um Kirschen, Äpfel und Pflaumen zu ernten. „Der liebe Gott hatte ein schützendes Händchen über mich“, sagt die rüstige Frau. Ihr Highlight: 796 Gläser Marmelade in einem Jahr. 2020 verarbeitete sie allein 50 Kilo Trauben. Die Kirschen entsteint sie kiloweise selbst mit dem Kneipchen, so landen keine Splitter in der Marmelade, und mit den gewaschenen Kernen füllt sie Kirschkernkissen. Seit sie 75 Jahre alt ist, hält sich Anneliese Pausch mit Sport im Verein fit.

Im Winter, wenn das Obst in leckere Marmeladen und Gelees verwandelt ist, macht sich Anneliese Pausch ans Stricken: Socken, Schals, Mützen und Pulswärmer. Aus dem Familien- und Bekanntenkreis, manchmal auch aus Geschäftsauflösungen, erhält sie Wolle, die sie verarbeitet. „So bleiben meine Hände und Arme gelenkig und ich schlafe vor dem Fernseher nicht ein“, lacht Anneliese Pausch. Ihre warmen bunten Stricksachen freuen Kinder in einem ungarischen Waisenhaus ebenso, wie Menschen, die der Frankfurter Kältebus versorgt. „Die schönen Stricksachen erhalten wir auch für unseren Kleiderladen“, erzählt Thomas Quiring vom Diakonischen Werk, „Wir sind der Familie Pausch sehr verbunden.“ Und Anneliese Pausch sagt: „Ich muss halt auch etwas tun.“


Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.