Politik & Welt

Louises Erbinnen: Politik-Journalismus ist noch zu selten Frauensache

Vor hundert Jahren haben auch Publizistinnen mit dafür gesorgt, dass das Frauenwahlrecht endlich durchgesetzt wurde. Seither hat sich viel geändert: Frauen machen Politik und berichten über Politik. Aber wirklich gleichberechtigt sind noch nicht. Die Diffamierungen sind meist nur subtiler geworden und damit erst recht gefährlich.

Louise Otto Peters gründete 1848 die erste Frauenzeitung in Deutschland.
Louise Otto Peters gründete 1848 die erste Frauenzeitung in Deutschland.

Als Luise Otto Peters zusammen mit anderen Frauen kurz nach der Märzrevolution 1848 die „Frauen-Zeitung“ herausbrachte, hatte sie nur zwei Jahre Zeit: Schon 1850 verbot das preußische Presserecht Frauen, journalistisch tätig zu werden. Peters erhielt anonyme Spottbriefe.

Seitdem hat sich viel verändert. Selbstverständlich machen Frauen heute Politik – und berichten auch darüber. Allerdings sind es immer noch nicht so viele wie Männer: Nur dreißig Prozent Frauen sitzen als Abgeordnete im Bundestag, und auch nur rund dreißig Prozent Frauen berichten in Berlin über Politik. Das haben die Recherchen von Anja Maier von der taz ergeben, die sie im Januar beim Medienlabor des Journalistinnenbundes in der Evangelischen Akademie Frankfurt vorstellte.

Und auch heute noch erleben Journalistinnen Diffamierungen. Nicht mehr so wie Diemut Roether, heute beim Evangelischen Pressedienst, die in den 1970er Jahren von älteren Kollegen als „Püppi“ bezeichnet wurde, wie sie beim Medienlabor erzählte. Julia Krittian, Korrespondentin im Hauptstadtstudio der ARD, schilderte ein Bewerbungsgespräch, in dem ihr gesagt wurde, sie sähe ja viel besser aus als auf ihrem Bewerbungsfoto.

Viele Journalistinnen müssen nach wie vor darum kämpfen, genau so viel zu verdienen wie ihre männlichen Kollegen. Helene Bubrowski, Korrespondentin der Parlamentsredaktion der FAZ, erinnert sich an einen Leserbrief, den ein Professor zu einem ihrer Artikel über die NSU-Morde geschrieben hatte: Das sei wirklich das Dümmste, was er im Justiz-Journalismus gelesen habe, stand darin, und seit wann Frauen bei der FAZ über diese wichtigen Themen schreiben dürften. Immerhin sei einer der Herausgeber, an die der Brief direkt gerichtet war, zu ihr gekommen und habe gesagt, früher hätte man solchen Lesern das Abo gekündigt, und die Redaktion stehe hinter ihr.

Frauenfeindlichkeit in der Presse trifft aber nicht nur Journalistinnen, sondern auch Politikerinnen, zum Beispiel in der Art, wie über sie berichtet wird. Friederike Herrmann, Professorin für Journalistik an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, warnte vor ideologischen Deutungsrahmen, so genannten „Frames“. So hätten Journalisten versucht, Angela Merkel mit dem Framing der „Mutti“ abzuwerten. Merkel sei es aber gelungen, das Image der leicht dümmlichen Betulichkeit immer wieder zu unterlaufen, indem sie es nie öffentlich kommentiert, aber durch ihr politisches Handeln oft widerlegt habe.

Ein anderes Beispiel ist das der britischen Premierministerin Theresa May. Sie sei in den vergangenen Wochen auf sehr vielen Pressefotos mit gesenktem oder sogar seitlich gesenktem Kopf gezeigt worden – eine Kopfhaltung, stark an die Schmerzensmutter Maria erinnert, wie sie auf vielen Pietas zu sehen ist. May wird also als leidende Frau dargestellt, die sich für ihr Land aufopfere. „Wäre Teresa May ein Mann, würde sie in dieser Situation wohl als Märtyrer und Held dargestellt“, glaubt Herrmann. „Das ist aber ein ganz anderer Frame als eine Frau, die sich aufopfert und eher Mitleid hervorruft.“


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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