Politik & Welt

„Wir dürfen nicht die männliche Lebensart zur Norm erheben“

Zusammen mit vielen Frankfurter Frauen-Institutionen engagiert sich auch das Evangelische Frauenbegegnungszentrum „EVA“ seit Jahren dafür, auf die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam zu machen. Fragen an die Politiologin Mechthild Nauck, die im EVA Referentin ist.

Verschiedene Perspektiven hören: Aktion mit "Rotem Sofa" beim Equal Pay Day auf dem Römerberg. | Foto: Rolf Oeser
Verschiedene Perspektiven hören: Aktion mit "Rotem Sofa" beim Equal Pay Day auf dem Römerberg. | Foto: Rolf Oeser

Frau Nauck, inzwischen ist die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ja schon seit Jahren Thema in Deutschland. Hat sich zwischenzeitlich etwas getan?

Das hängt von der Perspektive und den Kriterien ab. Der Gender Pay Gap liegt immer noch sehr stabil bei 21 Prozent. Da tut sich also wenig bis nichts. Im Blick auf die Vernetzung der verschiedenen Frauenorganisationen im Frankfurter Aktionsbündnis Equal Pay Day hat sich aber viel entwickelt. Die Zusammenarbeit ist für alle Beteiligten eine wichtige Bereicherung, auch um die unterschiedlichen Perspektiven und Auswirkungen des Gender Pay Gap in den Blick zu bekommen.

Welche zum Beispiel?

Auf dem „roten Sofa“ unserer Straßenaktion kamen diese vielfältigen Perspektiven zu Wort: Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich und warum? Wie verschärft sich das Problem für Frauen mit Migrationshintergrund? Welche Auswirkungen hat die Lohnlücke auf die Altersabsicherung von Frauen? Wie gestaltet sich der Zugang zum Arbeitsmarkt nach der Geburt eines Kindes für Mütter, für Väter? Und warum gibt es Barrieren für Frauen, auch wenn sie keine Kinder haben? Warum wird Sorgearbeit so schlecht oder gar nicht bezahlt? Wie groß ist der Effekt auf die Lohnlücke durch die unterschiedliche Bewertung von angeblich frauen- und männertypischen Berufen? Warum sinkt der Lohn, je mehr Frauen in einen zunächst männerdominierten Beruf eintreten? Der Protest gegen Lohndiskriminierung und strukturelle Benachteiligung weiblicher Lebensentwürfe knüpft an die Ausdauer von vielen Frauen in der über 100-jährigen Geschichte der Frauenbewegung an.

Nur ein Teil des Gender Pay Gap liegt ja an direkter Diskriminierung, ein Faktor ist auch die Berufswahl. Warum achten Frauen immer noch nicht genauso viel wie Männer darauf, was man in einem Beruf verdienen kann?

Weil es sich – sarkastisch ausgedrückt - ökonomisch immer noch mehr auszahlt, einen reichen Mann zu heiraten. Warum viele Frauen bei der Berufswahl weniger darauf achten, wie die Verdienstmöglichkeiten sind, ist eine sehr komplexe Fragestellung. Sie hat etwas mit geschlechtsspezifischer Sozialisation zu tun, aber auch mit Zugängen. Und diese sind nicht nur eine eigene freie Wahl.

Sondern?

In den 1980er Jahren sprachen wir von Geschlecht als sozialer Strukturkategorie. Damit wird die gesellschaftliche Vorprägung von scheinbar individuellen Entscheidungen analytisch erfassbar. Dass strukturelle Faktoren eine erhebliche Rolle spielen, können wir im Vergleich von Frauen in West- und Ostdeutschland sehen. Unter den sehr verschiedenen Rahmenbedingungen in der BRD und der DDR haben Frauen ihre Erwerbsbiografie und Berufswahl entsprechend unterschiedlich gestaltet.

Spielt das denn heute noch eine Rolle?

Ja, das wirkt auch heute noch nach. In der aktuellen Diskussion um eine Grundrente nach 35 Beitragsjahren zum Beispiel ist die weibliche Erwerbsbiografie westdeutscher Frauen nicht berücksichtigt: Viele westdeutsche Frauen, die jetzt in Rente sind oder kurz davor stehen, erreichen diese 35 Beitragsjahre schlicht nicht und würden daher von dieser so genannten Respektrente oder Leistungsrente gar nicht profitieren. Für ostdeutsche Frauen gilt dies nicht.

Welche strukturellen Faktoren gibt es noch?

Einer der kritischsten ist sicherlich das Ehegattensplitting. Würde stattdessen eine Individualbesteuerung wie in Schweden, Großbritannien, den Niederlanden, aber auch Spanien, Portugal und Österreich eingeführt, hätte dies starke Beschäftigungseffekte. Verheiratete Frauen hätten dadurch erhebliche Erwerbsanreize, und gleichzeitig könnte die durchschnittliche Arbeitszeit bei Männern abnehmen. Das würde also wirksam zu einer familieninternen Umverteilung führen. Aber ganz grundsätzlich halte ich die Diskussion um die „falsche Berufswahl“ für sehr problematisch. Nicht nur, weil sie den Aspekt „selber schuld!“ impliziert, sondern auch, weil sie die männliche Lebensart zur Norm erhebt.

Was meinen Sie mit „männlicher Lebensart“?

Es ist doch nichts gewonnen, wenn mehr Frauen zum Beispiel in technische Berufe wechseln, wir aber die Sorgearbeit weiterhin nicht anerkennen, sondern nun bloß über andere Diskriminierungsstrukturen wie etwa den Rassismus neu organisieren. Es gibt ja längst eine wachsende Zahl von Migrant*innen in dem weiten Feld der schlecht bezahlten Care-Arbeit. Feministische Kritik muss intersektional sein, das heißt, sensibel für Mehrfachdiskriminierung und solidarisch mit allen, die von Diskriminierung betroffen sind.

Der Gender Pay Gap beträgt 21 Prozent, was viel ist, aber ist das größere Problem nicht eigentlich das Auseinanderdriften der Einkommen zwischen Armen und Reichen?

In der Tat ist die geschlechtsspezifische Lohnlücke in den unteren Einkommensbereichen sehr viel geringer, als bei den sehr hohen Einkommen, die in der Regel von Männern erzielt werden. Ich teile die Einschätzung, dass die Schere zwischen Arm und Reich viel zu weit auseinandergegangen ist. Und weiter auseinandergeht. Dadurch haben wir ein Teilhabeproblem für Familien, wenn auch nicht für alle. Für Menschen in den untersten und unteren Einkommensgruppen und für diejenigen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, ist es am schwersten.

Das heißt, es geht beim Thema Equal Pay nicht nur um eine Geschlechterfrage?

Gesamtgesellschaftlich und weltweit betrachtet geht es sicher nicht nur um die Verteilung von Einkommen und Ressourcen zwischen Männern und Frauen. Aber es geht auch darum! Es geht um die grundsätzliche Teilhabe von Frauen an den Ressourcen, weltweit. Und damit geht es vor allem um die Frage, wie der Gender Pay Gap reduziert werden kann. Die Forderung, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen zu schließen, ist vermutlich eher erfolgreich, wenn wir Frauen neue, eigene Perspektiven einbringen und nicht nur dem männlichen Lebensmodell in der gegebenen Struktur nacheifern.

Welche konkreten Schritte könnte man gehen?

Vielleicht sind Managergehälter drastisch zu reduzieren. Vielleicht müssen die Einkommensunterschiede insgesamt kleiner werden. Vielleicht muss die Grundlage der Existenzsicherung die Sorgearbeit einschließen und neu geordnet werden. Vielleicht müssen wir dabei auch eine „Ökonomie des Genug“ mitdenken und ressourcenschonendere Lebensmodelle entwickeln. Die Kritik an Diskriminierungsstrukturen, zu denen ich den Gender Pay Gap zähle, kann sich nicht mit Lösungen zufriedengeben, die auf neuen Diskriminierungsstrukturen aufbauen. Die Kritik soll uns vielmehr in der Debatte über Erfahrungen, Hindernisse und Wünsche zu ganz neuen Lösungen führen. Es geht nicht um den besseren Zugang zu Privilegien für einige, sondern es braucht ein grundsätzlicheres Nachdenken über Modelle für ein gutes Leben für alle.


Autorin

Antje Schrupp 103 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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