Politik & Welt

Für etwas Zeugnis ablegen: ein Lob aufs Protestieren

Die teilweise fanatischen Proteste gegen Coronamaßnahmen sind immer schwerer zu ertragen, je länger die Pandemie dauert. Protest ist und bleibt aber etwas Gutes.

Protestieren ist wichtig, damit es besser werden kann. | Foto: Sandra Seitamaa/unsplash.com
Protestieren ist wichtig, damit es besser werden kann. | Foto: Sandra Seitamaa/unsplash.com

Die Bilder von Corona-Leugnenden, extremen Querdenkerinnen und Verschwörungsgläubigen auf der Straße sind kaum auszuhalten, wenn man Vernunft und Solidarität schätzt. Aber darf man deshalb protestmüde werden? Auf keinen Fall! Versammlungs- und Meinungsfreiheit sind im Grundgesetz verankert und auch deshalb kostbar, weil Generationen vor uns sie zum Teil unter Einsatz ihres Lebens erstritten haben.

Demokratie bedeutet gerade, auch solche Meinungen und Proteste zuzulassen, die der Mehrheit nicht gefallen oder unverständlich sind. Nicht zuletzt ist protestieren urevangelisch: Das lateinische Verb „pro-testare“ bedeutet „für etwas Zeugnis ablegen“.

Als sich vor 500 Jahren die Thesen Martin Luthers verbreiteten, begannen viele Menschen, sich gegen einen stark von der Obrigkeit geprägten Glauben zu wehren. Nicht immer mit feinen Mitteln. Eine Schweinfurter Gemeinde soll 1532 mit „Ein feste Burg“ während einer Messe einen „altgläubigen“ Priester niedergesungen haben. Junge Leute haben das Lied in den Straßen geschmettert; kurz danach wurde die Reformation in der Stadt eingeführt. Auch andernorts dienten lutherische Lieder als Protestsongs gegen die Missstände in der katholischen Kirche (oder das, was die Leute dafür hielten) und brachten so die alten Autoritäten ins Wanken.

Für die eigenen Überzeugungen einzustehen und sich gegen Heuchelei, Ungerechtigkeit und Menschenverachtung zu wehren, ist seitdem kein bisschen weniger wichtig geworden. Die Geschichte zeigt, dass es oft der Protest ist, der gesellschaftliche Entwicklungen weiterbringt. Durch Protest sind wesentliche Veränderungen angestoßen worden. Anfang des 20. Jahrhunderts gingen Frauen für ihr Recht, zu wählen, auf die Straße. In den 1980er Jahren hat die Anti-Atomkraft-Bewegung die Gesellschaft zum Umdenken gezwungen. Selbst dann, wenn Proteste nahezu aussichtslos scheinen, wie zuletzt in Belarus, ist es auch eine Frage der Würde, dass man zu Unrecht nicht schweigt.

Und hier und heute? Gilt genau dasselbe. Und man kann ja auch gegen den Protest protestieren. So wie jener junger Mann, der während einer Anti-Corona-Demonstration in Karlsruhe die Menschen dazu aufrief, sich impfen zu lassen. An Themen und Gründen mangelt es nicht. Noch immer protestieren Frauen gegen ungleiche Bezahlung. Und viele junge, aber auch ältere Menschen gehen für das vielleicht wichtigste Thema unserer Zeit auf die Straße: die Bewahrung der Schöpfung, die Lebensgrundlage der Menschheit. Zuletzt geschehen in Frankfurt unter dem Motto: „We can‘t recycle wasted time!“, wir können verschwendete Zeit nicht recyclen. Schließlich ist Christentum auch Protest gegen den Tod in allen seinen Formen: Verblendung, Hass, Gewalt, Depression, Verzagtheit, Mutlosigkeit. Ich protestiere!


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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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