"Friedenssicherung ist mehr als militärische Stärke"
Frau Müller-Langsdorf, soll Deutschland jetzt kriegstüchtig oder verteidigungsfähig werden?
Das ist ja ein großer Unterschied. Ich glaube verteidigungsfähig. Es geht um eine personelle Aufstockung der Bundeswehr, und deren Auftrag ist die Verteidigungsfähigkeit nach außen. Übrigens auch im Zusammenhang mit Bündnisverpflichtungen in der NATO. Auch wenn Verteidigungsminister Boris Pistorius hier und da von Kriegstüchtigkeit gesprochen hat, ist er besonnen und schätzt die veränderte Lage in Europa realistisch ein. Seine Aufgabe ist unterm Strich, die Bundeswehr so auszustatten, dass sie ihre Aufgaben erfüllen kann. In unseren Gesetzen ist diese nicht auf Kriegstüchtigkeit ausgelegt, sondern auf Verteidigungsfähigkeit und Bündnistreue.
Die Bundeswehr lockt Rekrutinnen und Rekruten mit hohen Einstiegsgehältern und beispielsweise der Kostenübernahme des Führerscheins. Das klingt sehr attraktiv. Wie bewerten Sie das?
Auf Basis der im November erschienenen Friedensdenkschrift schätzt die Evangelische Kirche in Deutschland das sehr realistisch ein. Wir haben eine veränderte Lage, die ein neues Nachdenken über Sicherheit und Frieden nötig macht. Die Denkschrift erläutert, dass Sicherheit und Frieden nachvollziehbare und wichtige Ziele eines Staates sind, und dass diese Ziele sowohl militärisch, also durch die Bundeswehr, als auch zivil, durch das Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk und durch Friedensdienste im sozialen Bereich gleichwertig verfolgt werden müssen. Bei allen geht es auch um die Rahmenbedingungen wie etwa die Bezahlung und die Ausstattung. Wenn die Bundeswehr mit hohen Gehältern lockt, muss das auch bei den alternativen Diensten möglich gemacht werden.
Junge Menschen kritisieren, dass die ganze Debatte um Bundeswehr oder Zivildienst ohne ihre Beteiligung geführt wird. Wie sehen sie das?
Ich kann die Empörung der jungen Leute verstehen, weil sie wirklich nicht in diese Prozesse eingebunden waren oder dazu befragt wurden. Andererseits: Wie ist es gesellschaftlich machbar, bei Fragen von Sicherheit und Militär, die nun wirklich genuin keine Fragen für Jugendliche sind, eine demokratische Teilhabe oder Beteiligung zu ermöglichen? Die EKD-Denkschrift ist klar und fordert, junge Menschen in die Debatte einzubinden. In der evangelischen Jugendarbeit oder an den Schulen im Religions- und Politikunterricht passiert das auch.
Bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (ERK) beraten Sie Menschen, die den Kriegsdienst verweigern möchten. Derzeit gibt es Meldungen, dass seit Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine die Zahl der Kriegsdienstverweigerer enorm ansteigt. Ist das so?
Das ist so, ja. Das belegen auch die Zahlen der Statistik vom Bundesministerium für Verteidigung. Auch meine Beratungspraxis spiegelt das wider. Einerseits melden sich Reservisten, die schon einmal bei der Bundeswehr waren. Die haben irgendwann einen Grundwehrdienst geleistet oder waren Zeitsoldaten. Sie können jederzeit für Übungen oder im Spannungs- und Verteidigungsfall einberufen werden.
Diese Männer, in der Regel sind es Männer, haben Sorge, dass sie, wenn die Sicherheitslage sich verschärft, einberufen werden. In der Beratung schildern sie, dass sie sich einen Dienst unter den veränderten Bedingungen in Europa überhaupt nicht vorstellen können. Sie sagen, als sie bei der Bundeswehr waren, wäre Krieg überhaupt kein Thema gewesen. Auch die veränderte Situation mit Auslandseinsätzen im Rahmen der Bündnisbereitschaft nennen viele als Begründung. Sie sagen, dass sie ihr Land verteidigen wollten und nicht wie in der Vergangenheit Afghanistan oder jetzt die Ukraine.
Mehrheitlich rufen allerdings junge Menschen an, die noch nie bei der Bundeswehr waren und erst mal viele formale Fragen haben. Was müssen sie tun, wenn sie verweigern wollen. Ob sie zur Musterung gehen müssen. Was passiert, wenn ihr Antrag auf Verweigerung abgelehnt wird.
Die Begründung zur Kriegsdienstverweigerung muss immer schriftlich eingereicht werden. In der Begründung werden individuelle Gewissensgründe dargelegt, warum man nicht in der Lage ist, zur Waffe zu greifen und unter Umständen einen Menschen zu erschießen. Es handelt sich um umfangreiche Texte. Wir von der EAK bieten an, eine solche Begründung vertraulich zu lesen und, wenn gewünscht, Rückmeldung zu geben. Ich schreibe manchmal Fragen an den Rand, die dem Verfasser helfen können, an der einen oder anderen Stelle nochmal tiefer in das Thema reinzugehen. Eine Begründung zur Verweigerung hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn ein Bild entsteht, das diesen Menschen in seiner inneren Haltung widerspiegelt. Der Text muss deutlich machen, wie er durch seine Werteentwicklung, seine Erziehung, seine beruflichen und familiären Erfahrungen geprägt wurde.
Das heißt, ein „Ich will nicht“ reicht nicht, es muss ein „Ich kann nicht“ sein?
Ja, genau. Wie Luther einst gesagt hat „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Das ist der Gewissenssatz. Und der muss deutlich werden im Nein zum Töten mit einer Waffe.
Ich stelle es mir für Jugendliche sehr schwierig vor, sich mit einer solchen Frage auseinanderzusetzen.
Ja, natürlich ist das schwer. Die Anträge sind in der Regel auch vom Umfang her kürzer als die von Reservisten. Die jungen Leute können ja nur beschreiben, wie sie in ihrer Familie aufgewachsen sind. Welche Erfahrungen sie mit Gewalt und Frieden haben. Sie schildern vielleicht Erfahrungen in der Schule. Unter Umständen haben sie auch ein Bild von Krieg über Klassenkameraden, die aus einem Bürgerkriegsland kommen und von ihren Erfahrungen berichteten. Dadurch kommen junge Menschen ins Nachdenken, was Krieg mit Menschen anrichten kann, wie Krieg Menschen verändert.
Manche haben auch wirklich eine Glaubensposition. Sie schildern Erfahrungen aus Kindergottesdiensten oder der Konfirmationsarbeit. Sie haben aus Jesu Worten gelernt, ihre Feinde zu lieben. Das klingt dann fast anrührend und sehr authentisch, es hat ja mit einer ganz persönlichen Haltung zu tun und was sie in ihrem Herzen und ihrem tiefsten Inneren trägt und prägt. Ich glaube, darauf kommt es bei diesem Antrag an.
Das ganze Thema Wehrdienst, Zivildienst und Friedensdienst wird in der nächsten Zeit nochmal richtig an Fahrt aufnehmen. Was kann die Rolle der Kirche sein?
Bei dieser Frage finde ich die Denkschrift wirklich stark. Sie unterstreicht, dass die Sicherung von Frieden vielfältige Kompetenzen und Aufgabenfelder benötigt. Und das Militär ist nur eine davon. Daneben gibt es den Zivilschutz, der sich medizinisch und sozial in Krisenfällen um die Menschen kümmert. Eine gute Aufgabe der Kirche kann sein, Menschen zu ermutigen, als Gesellschaft füreinander in schweren Zeiten da zu sein.
Die EKD-Friedensdenkschrift fordert, wie bereits erwähnt, dass zivile und militärische Dienste gleichwertig zu behandeln sind. Das finde ich einen guten und wichtigen – und anspruchsvollen! – Weg. Wir leben in einer Welt, die sehr fragil ist. Frieden und Sicherheit sind nicht mehr selbstverständlich. Es muss gründlich überlegt werden, wie wir klar, aber nicht panisch signalisieren, dass wir bereit sind, unsere Werte von Freiheit und Demokratie zu verteidigen.
Haben Sie das Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft bereit ist?
Niemand wünscht sich einen Krieg. Derzeit empfinde ich eine große Verunsicherung und auch Sorge um die geopolitische Lage auf der Welt. All das geht einher mit der Frage, wie wir unser Land aufzustellen müssen, um es zu verteidigen. Und das muss nicht immer gleich und ausschließlich mit Waffen sein.
0 Kommentare
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.