Jürgen Telschow: Wissen um zu Handeln
„Frag‘ Herrn Telschow“ – ist eine gängige Formulierung, wenn es im Frankfurter Dominikanerkloster, dem Sitz der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach, um die Entwicklung der hiesigen Kirche geht. Präzise weiß der ehemalige Verwaltungsleiter, der am 2. Mai seinen 90. Geburtstag feiert, Auskunft zu geben. Das Besondere: Der studierte Jurist und Historiker listet nicht nur Details auf, er stellt auch Zusammenhänge her, lässt ein nuanciertes Bild entstehen, „ich mag kein Schwarz-Weiß-Denken“ sagt der angehende Jubilar, Vater von vier Kindern, der mit seiner Frau in der Frankfurter Nordweststadt lebt.
Dieser von Faktengenauigkeit und dem Willen zu differenzieren geprägte Blick kam auch der von ihm verfassten dreibändigen „Geschichte der Evangelischen Kirche in Frankfurt am Main“ und anderen Veröffentlichungen zugute. Deren erster Band ist 2017 zum Reformationsjubiläum erschienen, 2019 war das Werk komplett. Sichtbar zeugen die drei Bände von Jürgen Telschows Freude am guten Formulieren. Über lange Jahre gehörte er neben seinem Leitungsamt auch der Redaktion des Mitgliedermagazins „Evangelisches Frankfurt“ an.
Präzise Sprache zählt zum juristischen Handwerkszeug, „ich wollte mich aber nicht vor allem mit der Frage Recht oder Unrecht beschäftigen“, sagt Telschow, „ich wollte etwas bewegen können“. Und: „Ich wollte die Menschen in der Kirche unterstützen, die für andere da sind“, sagt der Sohn eines Kirchenbeamten, der als erster in seiner Familie studierte.
Dreifach habe er in seinem Leben großes Glück gehabt, findet Telschow: Mit seinem Elternhaus – geboren wurde er in Potsdam, aufgewachsen ist er in „West-Berlin“ – und mit seiner Frau, mit der er seit 65 Jahren zusammen ist, sowie mit der Tätigkeit bei der evangelischen Kirche in Frankfurt. Von 1966 bis 2001 war er für sie tätig, als deren Verwaltungsleiter seit 1971 und von 1998 an als Vorstandsmitglied.
Dabei hat er manch Neues aus der Taufe gehoben. Unter seiner Regie gehörte der damalige Evangelische Gemeindeverband zu den Vorreitern der Einführung der EDV in der Evangelischen Kirche in Deutschland. So wurde 1971 in Frankfurt das erste evangelische Rechenzentrum in Deutschland installiert. Der Verband wickelte fortan das Finanzwesen, das Personalwesen und die umfangreiche Gemeindegliederkartei mit Hilfe der EDV ab. Beispielsweise verschwanden damit rund 400.000 bisher per Hand bearbeitete Karteikarten. Auch gründete Jürgen Telschow zusammen mit dem damaligen Stadtjugendpfarrer Martin Jürges den Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V., der heutzutage unter dem Namen Evangelischer Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V. ein regionalverankerter Träger der Kinder- und Jugendhilfe mit mehr als 500 Mitarbeitenden ist.
Im „Frankfurter Lutherischen Predigerministerium“, der ältesten Institution der Frankfurter Kirche, heute unter Frankfurter Verein für Kirchengeschichte firmierend, war Telschow von 1988 bis 2020 Vorstandsvorsitzender. Nicht sein einziges Ehrenamt. Besonders am Herzen liegt ihm nach der deutschen Schreckensherrschaft in Europa die deutsch-polnische Verständigung. Jürgen Telschow war 1977 Mitgründer und dann Vorstandsmitglied des Vereins „Zeichen der Hoffnung“, der sich seitdem um Opfer der deutschen Gewaltherrschaft in Polen kümmert und für die deutsch-polnische Verständigung arbeitet. Ab 1990 hat Telschow als Vorstands- und Aufsichtsratsmitglied der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ den ehemaligen Gutshof der Familie von Moltke in Schlesien, eine Keimzelle des Widerstands gegen das NS-Regime, zu einer internationalen Begegnungsstätte vor allem für Jugendliche aufgebaut.
Mit Mitarbeitenden des Evangelischen Regionalverbandes brachte Telschow von 1981 an etliche Male Hilfstransporte nach Polen. Besonders erinnert er sich noch an den Dezember 1981. Da wurden sie mit ihren Lkw‘s in Warschau von der Ausrufung des Kriegsrechts überrascht und erlebten eine Rückfahrt, „die noch abenteuerlicher war als die üblichen Transporte“. So blickt Telschow auf ein bewegtes Leben in der Frankfurter Kirche zurück, „das, so hoffe ich, auch dem nahen und dem fernen Nächsten diente“.