Mehr Eigenverantwortung vor Ort für die Finanzen
Finanzen standen im Mittelpunkt der Tagung von Synode und Regionalversammlung der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach am 9. Juni. Beschlossen wurde im Frankfurter Dominikanerkloster von den Delegierten, dass zukünftig vieles, was bislang an Mittelverteilung dem Evangelischen Regionalverband oblag, zukünftig in den zehn gemeindlichen Nachbarschaftsräumen in Frankfurt und Offenbach verantwortet wird.
In der Andacht zum Auftakt der letzten Sitzung des Kirchenparlaments vor der Sommerpause griff Stadtdekan Holger Kamlah auf einen Abschnitt der Apostelgeschichte zurück. Die dort enthaltene Formulierung „Ein Herz und eine Seele“ tauge wohl nicht als Erwartungshaltung für die anstehenden Entscheidungen. Vielmehr bilde der Glaube die Basis, auf seiner Grundlage gelte es Solidarität zu entwickeln und zu handeln, äußerte der Stadtdekan, der auch Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach (ERV) ist.
Thomas Speck, Kaufmännischer Geschäftsführer und Leiter der Verwaltung des ERV, stellte den Antrag zu dem neuen Finanzierungsmodell vor. Mit dem Beschluss des Haushaltes 2025/2026 sei klargestellt worden, dass von 2027 an Defizite in den Gemeinden nicht mehr automatisch vom Evangelischen Regionalverband ausgeglichen werden können.
Vom kommenden Jahr an bekommen die Gemeinden die Mittel pauschal über ein sogenanntes „Ausschüttungsmodell“ zugewiesen. Es soll für mehr Transparenz und Planbarkeit sorgen. Die Nachbarschaftsräume sind im Rahmen der Reform EKHN2030 von der Landeskirche zur Stärkung der Verantwortung vor Ort gebildet worden. Zukünftig wird die Grundzuweisung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau direkt an die Nachbarschaftsräume ausgezahlt.
Aus den Haushalten werden die Personalkosten für Küster:innen, Kirchenmusikerinnen und Verwaltungskräfte sowie andere Ausgaben bezahlt. „Die Nachbarschaftsräume werden damit als Gestaltungsräume gestärkt“, sagte Speck. Ein „Puffer“ von einer Million Euro erleichtere 2027/28 den Übergang. Damit stehe Frankfurt und Offenbach im landeskirchlichen Vergleich besonders gut da.
Aus dem Kreis der Delegierten äußerten Kirchenvorstandsmitglieder und Pfarrer:innen die Sorge, ob das Risiko bestehe, dass Personal entlassen werden müsse. Sowohl Thomas Speck, als auch die Leiterin der Abteilung Personal und Recht, Christine Zerbst, waren bemüht, diese Sorgen zu nehmen, es gehe um Eigenverantwortung. Die Arbeitsverträge laufen auch zukünftig über die zuständigen Stellen des Evangelischen Regionalverbandes, „wir sitzen in einem Risikoboot“, äußerte Speck. Stadtdekan Kamlah verwies darauf, dass es auch Vorteile gebe. Zukünftig bleiben bei Vakanzen die Mittel im Nachbarschaftsraum und können genutzt werden. Von 101 Abstimmungsberechtigen entschied sich schließlich eine große Mehrheit für das neue Finanzierungsmodell, neun Gegenstimmen gab es, zehn Enthaltungen.
Zu den Mitteln, die Gemeinden zugutekommen sollen, gehören auch Gelder, die mit der Einstellung der Mitgliederzeitung „Evangelisches Frankfurt und Offenbach“ Ende des Jahres frei werden. Nach 50 Jahren wird schweren Herzens diese Publikation, die für einen evangelisch geprägten journalistischen Ansatz stand, eingestellt. Ausgaben in Höhe von 388.000 fallen damit weg. Geplant sei, den Publikationen der Nachbarschaftsräume zukünftig mehrere Seiten zum Abdruck anzubieten, die über evangelische Themen in beiden Städten informieren, berichtete Stadtdekan Holger Kamlah.
Prodekanin Stefanie Brauer-Noss, nach dem Weggang von Prodekanin Amina Bruch-Cincar bis zur Neubesetzung allein auf dieser Ebene, trug den Delegierten ihren Jahresbericht vor. Schriftlich hatte sie diesen den Parlamentarier:innen schon im Vorfeld zugesandt, gespickt mit vielen Personalia, oftmals bezüglich Neubesetzungen und Informationen zu der Ausgestaltung der Nachbarschaftsräume.
Vorstellungsgespräche, Einführungen und viele Sitzungen haben dazu geführt, dass sie berichten konnte, dass im Sommer 2026 alle gemeindepädagogischen Stellen in Frankfurt und Offenbach besetzt sind. Ihr Dank galt auch dem Team, das daran mitgewirkt hat. Die Arbeit in den Kirchenvorständen, mit anderen Gremien, sie koste viel Kraft, Zeit, und doch sei sie hoffnungsvoll, die Neuaufstellung komme voran, so die Prodekanin. Sie erinnerte an die Coronazeit, in der Open-Air-Gottesdienste, Nachbarschaftshilfen und anderes kurzfristig auf den Weg gebracht wurden. Diese Zeit habe gezeigt, „wir können uns wandeln“.