Mitbauen am Verbindenden
Die Wahlperiode im Angesicht Gottes beginnen und dafür seinen Segen erbitten – oder einfach nur kurz innehalten im hektischen politischen Betrieb: Dazu waren am Donnerstagnachmittag Parlamentarierinnen und Parlamentarier unmittelbar vor der konstituierenden Sitzung der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung in die Alte Nikolaikirche auf dem Römerberg eingeladen.
In dem gut 40-minütigen Gottesdienst, der musikalisch von dem Blechbläserquintett „Vive La Brasserie“ der Frankfurter Bläserschule begleitet wurde, beteten katholische und evangelische, jüdische und muslimische Vertreterinnen und Vertreter gemeinsam mit den Gästen, die aus dem schräg gegenüberliegenden Römer in die evangelische Kirche gekommen waren, für Frieden, Gerechtigkeit, Geduld und gute Entscheidungen. Gestaltet wurde der Gottesdienst vom Leiter der Katholischen Stadtkirche Michael Thurn, dem evangelische Stadtdekan Holger Kamlah, dem Pfarrer der Alten Nikolaikirche Alexander Bitzel sowie Chasan Leah Frey-Rabine als Vertreterin des jüdischen und Imam Ömer Aslan als Vertreter des muslimischen Glaubens. Eingeladen waren ausdrücklich alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier, unabhängig von ihrer Religions- oder Konfessionszugehörigkeit.
Mit langer Tradition
Der evangelische Stadtdekan dankte den Gewählten: „Wer wie Sie in ein politisches Amt gewählt wird, übernimmt eine große Verantwortung. Unsere Stadt braucht Menschen wie Sie. Besonders in einer Zeit, in der rechtsstaatliche Ordnung und Demokratie unter Druck geraten und die grundgesetzlich verbürgte Würde eines jeden Menschen nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint – weltweit, in unserem Land und damit auch in unserer Stadt, die nun einmal ein Abbild globaler Zustände ist.“ In der gemeinsam mit Michael Thurn gehaltenen Ansprache konzentrierten sich beide auf der Suche nach Maßstäben für verantwortungsvolles politisches Handeln auf das biblische Buch der Sprichwörter. Eine Stadt gedeihe durch die, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, so Michael Thurn – und sie brauche Menschen, die bereit seien, Zeit und Energie zu investieren, Verantwortung zu tragen und dabei auch diejenigen im Blick zu behalten, die auf Unterstützung angewiesen sind. „Im besten Sinne: Leistungsträger des Guten. Frankfurt hat hier eine lange und beispielhafte Tradition“, formulierte Holger Kamlah. Im Umkehrschluss gelte: Wer auf Polarisierung und Entsolidarisierung setze, wer spalte statt binde, richte Schaden an. „Was uns trägt, ist die Hoffnung, dass sich mehr Menschen für das Verbindende entscheiden als für das Trennende. Daran dürfen Sie mitbauen.“
Im Buch der Sprichwörter heißt es: „Wer den Nächsten verächtlich macht, ist ohne Verstand, / doch ein kluger Mensch schweigt.“ Michael Thurn sagte dazu: „Wie aktuell doch dieser Satz ist. Denn die Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien ist ganz offensichtlich für einige ein strategisches Instrument zur Schwächung unserer Demokratie geworden. Gut, dass zu unserer Stadt Frankfurt eine Kultur des Respekts gehört, der sich viele von Ihnen verpflichtet wissen und die beispielgebend für das Zusammenleben in unserer Stadt ist.“ Diese Kultur entspreche dem Anspruch Gottes, weil der Nächste ebenso Gotteskind sei. Michael Thurn und Holger Kamlah entließen die Parlamentarierinnen und Parlamentarier in ihre Sitzung mit einem eindringlichen Appell: „Wir bitten Sie alle, diese beispielgebende Kultur des Respekts fortzuschreiben. In den nächsten Wochen und in der ganzen Wahlperiode.“
Anne Zegelman
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