Nach 156 Jahren: Bei den Frankfurter Diakonissen ist die letzte Oberin verabschiedet worden
Auf dem Gottesdienstblatt stand „Oberin und Vorstandsvorsitzende“, doch Heidi Steinmetz hatte sich ausbedungen, heute bei ihrer Verabschiedung in der Diakonissenkirche im Frankfurter Holzhausenviertel als „Schwester Heidi“ angesprochen zu werden. Die stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Ulrike Scherf, machte den Wunsch Steinmetz' in ihrer Predigt publik. Oberbürgermeister Mike Josef hielt sich daran und sprach in seinem Grußwort von „Schwester Heidi“, genauso wie der evangelische Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach, Holger Kamlah, oder auch die Vorständin des christlichen Krankenhaus- und Pflegeunternehmens Agaplesion gAG, Constanze von Struensee.
Mit dem Verabschiedungsgottesdienst endete nicht nur eine Amtszeit, sondern auch die der Frankfurter Diakonissenschaft nach 156 Jahren. Neben Schwester Heidi wurden die Schwestern Christine, Ulrike, Ursula, Gisela und Marlene gesegnet. 24 Jahre stand Steinmetz den hiesigen Diakonissen vor. Mit 23 Jahren war sie 1983 in das Frankfurter Diakonissenhaus eingetreten.
Ihr Vater habe geglaubt, sie sei schwanger, als sie von einer Lebensentscheidung sprach. Dass sie Diakonisse werden wollte, „habe das Ganze noch getoppt“, habe ihr die Scheidende erzählt, berichtete Scherf. Die Betreuung von Kindern lag Steinmetz als Diakonisse besonders am Herzen. Sie studierte Erziehungswissenschaften, Pädagogik und Soziologie und leitete die Ausbildungsstätte für Erzieherinnen. Als Oberin sei Heidi Steinmetz zeitweilig für 300 Mitarbeitende und 70 Schwestern verantwortlich gewesen, so die stellvertretende Kirchenpräsidentin.
Mit der Entpflichtung endet die Arbeit an der Cronstettenstraße nicht. Das Pflegeheim „Nellinistift“ wird vom Evangelischen Verein für Innere Mission Frankfurt und das Kinderhaus von der Inneren Mission Kinder- und Jugendhilfe gGmbH geführt. Der Übernachtungs- und Tagungsbetrieb an der Cronstettenstraße erfreut sich großer Beliebtheit und besteht weiter, aber auch Angebote wie das Waffelcafé und der Bibelkreis. Die Kirche hat als Mieter die Frankfurt City Church aufgenommen.
„Dankbarkeit, Rückblick und Zuversicht“ prägten diesen Tag, sagte Ulrike Scherf. Weiter solle hier der Geist der Diakonissen spürbar sein, den Schutz, Gnade und Friede auszeichnen. Oberbürgermeister Mike Josef würdigte Heidi Steinmetz' Engagement für die Neukonzeption des Gebäudebestandes, aber noch wichtiger sei, sie habe „Spuren im Herzen der Menschen hinterlassen“. In einer Zeit der Vereinzelung und Polarisierung habe sich das Mutterhaus zu einer Begegnungsstätte entwickelt, äußerte der Oberbürgermeister.
Nicht nur das Stadtoberhaupt, auch andere sprachen davon, dass Heidi Steinmetz durchaus für Genüsse offen sei. Von Mike Josef erhielt sie Wein des städtischen Weinguts, eine große Schokoladentorte überbrachte von Struensee. Clarissa Graz, Theologische Vorständin der Inneren Mission Frankfurt, wusste zu berichten, dass Heidi Steinmetz im vergangenen Jahr beim 175. Jubiläum der Inneren Mission im Palmengarten auf dem Tanzparkett geschwoft habe. Eine starke Frau sei die Scheidende, befand Clarissa Graz.
Großen Dank und Anerkennung sprach Agaplesion-Vorständin von Struensee Heidi Steinmetz und den anderen Schwestern aus. Bis zum 31. Dezember 2015 gab es im Holzhausenviertel ein Diakonissenkrankenhaus. Die letzten Patientinnen und Patienten wurden in das Agaplesion Markus Krankenhaus verlegt.
Stadtdekan Holger Kamlah attestierte Heidi Steinmetz, sie habe „nie aufgehört, vorwärts zu schauen“. Und doch war es Heidi Steinmetz ein Anliegen, in dem Garten ihrer bisherigen Wirkungsstätte, der Gäste auch zum Verweilen einlädt, einen Diakonissenweg zu installieren. In Zusammenarbeit mit dem Team, das vor einigen Jahren eine Festschrift zum 150. Jubiläum erstellte, schuf Heidi Steinmetz Tafeln, die anhand von Text und Bild über die 156 Jahre währende Geschichte berichten. QR-Codes laden zum Vertiefen ein. An diesem Tag gab es Gelegenheit, sich die Tafeln direkt von Heidi Steinmetz erläutern zu lassen, bevor es zu den vielen Gästen in den Festsaal ging.