Wie geht es weiter mit der Klinikseelsorge?
Die Klinikseelsorge steht an einem Wendepunkt. Jahrzehntelang haben die Kirchen hauptamtliche Seelsorgende in Kliniken entsandt und damit eine unverzichtbare Aufgabe in der Patientenbegleitung übernommen. Doch der anhaltende Rückgang der Kirchenmitgliedschaften macht dieses Modell zunehmend fragil. Die beiden Kirchen werden Klinikseelsorge in der bestehenden Form aus finanziellen Gründen nicht aufrechterhalten können. Bei einem Symposium am 7. Oktober 2026 im Frankfurter Agaplesion Markus Krankenhaus diskutierten Vertreter:innen aus Kirche, Gesundheitswesen und Politik über die Zukunft der Klinikseelsorge. Mit dabei waren u.a. die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Christiane Tietz, die Bischöfliche Bevollmächtigte des Bistums Limburg, Hildegard Wustmanns, die Vizepräsidentin des Hessischen Landtags, Daniela Sommer, Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender der Agaplesion gAG, Dr. Markus Schubert, Ärztlicher Direktor und Chefarzt im St. Josefs-Hospital Rheingau GmbH in Rüdesheim, Anne Heimendahl, Landespfarrerin für Krankenhaus- und Altenpflegeheimseelsorge der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Vorsitzende der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der EKD und Birgit Roelfsema, Pflegedirektorin Universitätsklinikum Frankfurt.
In seinem Einführungsvortrag machte Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich, auf drei weitreichende Transformationsprozesse aufmerksam: Im Gesundheitswesen finde ein Wandel statt hin zu mehr Spezialisierung, Digitalisierung und Zunahme an ambulanten Versorgungsmodellen, die die seelsorgerliche Arbeit stark verändern. Die Veränderung der Bevölkerungsstruktur bringe zudem einen wachsenden Anteil an Menschen mit komplexen Versorgungsbedürfnissen mit sich, zum Beispiel durch Demenz und wachsende Einsamkeit. Und der dritte Prozess umfasse den religiösen Bereich, der u.a. durch Säkularisierung und zunehmende Buntheit geprägt sei.
Peng-Keller plädierte dafür, dass die Klinikseelsorge in Zukunft durch gemeinsam von Staat, Glaubensgemeinschaften und Gesundheitsorganisationen verantwortet werden soll. Damit Menschen in Kliniken weiterhin die Begleitung erhalten, die sie brauchen – unabhängig von ihrer Religions- oder Konfessionszugehörigkeit -, sei „die klinische Integration und Einbettung der Seelsorge als „Spiritual Care“ notwendig“, so Peng-Keller. Dazu sei die Etablierung klinischer Seelsorge als spezieller Beruf im Gesundheitswesen wichtig.
Bei der anschließenden Diskussion, die vom evangelischen Stadtdekan für Frankfurt und Offenbach, Holger Kamlah, moderiert wurde, betonte Kirchenpräsidentin Christiane Tietz von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, dass der Kirche das Arbeitsfeld Klinikseelsorge trotz aller Finanzierungsprobleme ausgesprochen wichtig sei. Diese sei „seit dem vierten Jahrhundert eine christliche Tugend“. Sie sprach sich dafür aus, dass alle Akteure gemeinsam eine Lösung finden müssen. Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger verfügten über eine hohe Kompetenz, auch im Umgang mit Menschen, die anderen Religionen angehören. „Und die Kirchen sind bereit, weiterhin ihre fachlichen Kompetenzen in zukünftige Modelle einzubringen“, so Tietz. Dafür habe ihre Landeskirche beschlossen, die Klinikseelsorge auch für andere Berufsgruppen zu öffnen, zum Beispiel für Sozialarbeiter:innen oder medizinische Fachkräfte mit entsprechende Zusatzausbildung.
Daniela Sommer, die Vizepräsidentin des Hessischen Landtages, betonte, dass Klinikseelsorge für Patienten und Mitarbeitende absolut notwendig sei. „Und am liebsten würde ich Ihnen jetzt sagen, das ist alles kein Problem. Wir sagen einfach, Sie können die Mittel nutzen, die das Land zur Verfügung stellt, aber so einfach ist das nicht, weil wir ein duales Finanzierungssystem haben. Das Land finanziert lediglich die Investitionskosten, und die Betriebskosten werden über die Bundesmittel finanziert.“ Sie befürworte aber, dass gute „Modellprojekte immer eine Chance seien, zu sagen, das funktioniert gut, das sollten wir überall etablieren. Das ist natürlich ein hartes Stück Arbeit, aber Sie können mich an Ihrer Seite wissen“.
Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender der Agaplesion gAG, einem Verbund von 21 Krankenhäusern in Deutschland, sagte, dass die Krankenhausfinanzierung keine Mittel für Seelsorge zur beinhalte. Deshalb finanziere Agaplesion diese Arbeit selbst, aktuell mit 3 Millionen Euro. Er sei schon froh, wenn für diese Arbeit von den Kirchen gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung gestellt werden.
Das Symposium wurde von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Zusammenarbeit mit dem Bistum Limburg und dem Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach veranstaltet.
Das Video über das Symposium können Sie sich hier anschauen: https://ekhn.link/HMaykN