Ich lerne gerne Neues!
Biografische Schlaglichter – was muss rein?
Ich kam als kleiner Junge mit meinen Eltern nach Deutschland. Wir wohnten in Frankfurt-Sachsenhausen in der Dreieichstraße neben dem Touristenviertel. Meine Eltern trennten sich ein paar Jahre später und ich ging zunächst mit meiner Mutter zurück in die kamerunische Hafenstadt Duala. Aber Deutschland blieb in meinem Kopf und Herzen. Nach dem Abitur 1989 kam ich zum Studieren zurück nach Frankfurt und studierte Soziologie an der Goethe-Uni in Frankfurt. Anschließend habe ich promoviert, weil mein Professor es mir zutraute und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Eigentlich war der Plan nach dem Diplom Arbeit zu finden und nicht weiter zu studieren. Ich wurde dann Lehrbeauftragter Uni im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, während ich hauptberuflich als Softwareentwickler in einem renommierten Familienunternehmen arbeitete. Mein Doktorvater hatte mich als Lehrkraft empfohlen. Mein Interesse für Zahlen und Technologie kam erst später, als ich in einer Bank ein Praktikum absolviert hatte. So hat es sich ergeben, dass ich nun schon lange im IT-Bereich arbeite – zunächst in der Unternehmenskommunikation, genauer gesagt im Bereich Intranet einer großen Bank und später als Anwendungsadministrator bei einer Statistik-Bundesbehörde. In Zukunft möchte ich gerne wieder mehr unterrichten – zum Beispiel an der Volkshochschule.
Würden Sie sagen, dass Sie wissbegierig sind?
Ja, ich lerne gerne Neues und ich lerne auch schnell Gott sei Dank. Ich erinnere mich daran, dass ich großen Respekt hatte am Anfang des Studiums vor den Statistikscheinen. Eine berüchtigte und gefürchtete Hürde im Grundstudium einiger Studiengänge. Ich wollte es unbedingt schaffen und habe sie gleich deshalb gleich im ersten Semester gemacht und bestanden.
Wie haben sie die Französisch-Reformierte Gemeinde kennengelernt?
Ich wusste schon länger, dass es die Gemeinde gibt. Von ihr hatte ich schon Anfang der 2000 Jahre erfahren und habe damals auch einige Veranstaltungen dort besucht. Die Sprache und der Glaube verbinden natürlich in meiner Community. Viele sind Frankophone und Christen. Ich fand die Offenheit dort schön und dass eine so lebendige Gemeinschaft dort herrscht. Jeder ist willkommen. Wir hatten auch Muslime zu Besuch. Auch die Inklusive Arbeit der Gemeinde beindruckte mich. Die Französisch-Reformierte-Gemeinde ist Heimat für Menschen aus anderen Ländern. Die Gründer, die Hugenotten, waren sozusagen die Vorreiter moderner Migranten und Migrantinnen. Auch sozial ist es eine diverse Gruppe. Speziell für Menschen aus dem Kamerun ist die Gemeinde ein Hauptanknüpfungspunkt in Frankfurt und Offenbach. Die Gottesdienste finden auch auf verschiedenen Sprachen – koreanisch, französisch oder englisch statt. Gesungen hat auch schon ein kamerunischer Chor. Das ist sehr bereichernd. 2024 bin ich offiziell von der katholischen Kirche in die evangelische übergetreten. Seit 2023 engagiere ich mich mehr im Geschehen der Gemeinde und biete meine Unterstützung an da, wo es nötig ist.
Was ist ihr persönliches Highlight dort?
Ein Highlight ist sicher der tolle Pfarrgarten! Gerade hatten wir wieder ein sogenanntes „Table blanche“. Veranstaltet vom Frauennetzwerk Offenbach, wo die gesamte Gemeinde eingeladen war. Ein großes Picknick im Pfarrgarten - alle kommen in weißer Kleidung und jeder bringt etwas zu Essen und Trinken mit. Doch ich glaube, was mich sehr glücklich macht, sind die offenen Arme, mit denen jeder dort empfangen wird und wie sehr ich das Gefühl habe, geschätzt zu sein. Wir Nichtordinierten gestalten alle die Gottesdienste mit und viele Leute aus der Gemeinde lesen auch Texte vor. Es kommt auch vor, dass ich spontan gebeten werde, etwas vorzutragen, oder einspringen, wenn jemand ausgefallen ist. Das mache ich sehr gerne.
Was haben Sie zuletzt etwas Neues begonnen?
Einen Trainer-Kurs. Ich habe im Januar dieses Jahres die Schulung „Train the Trainer“ sozusagen zum besseren Dozenten absolviert. Anschließend habe ich hybrides Projektmanagement gelernt. Diese Schulungen von der VHS haben mir geholfen, Sachen, die ich bisher intuitiv gemacht habe, professioneller zu gestalten.
Worüber konnten Sie zuletzt herzlich lachen?
Über einen Social-Media-Post des Fußballspielers N’Golo Kanté. Seine Einfachheit, ein Star ohne Allüren.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Ich hoffe und ich glaube, dass die Menschheit noch zur Besinnung kommt und dass Veränderung möglich ist. Wir erleben zurzeit sehr unruhige Zeiten.
Wer ist ein besonderer Mensch für Sie?
Meine ältere Schwester Iris, die In Südafrika lebt. Wir sind eine größere Patchwork-Familie mit sieben Geschwistern und sie hält uns alle zusammen und sorgt dafür, dass wir uns alle einmal im Jahr in Deutschland – unserer Second Homebase – für ein Familientreffen zusammenfinden.
Können Sie etwas Besonderes?
Es ist zwar nicht direkt etwas Besonderes, aber in dem Dorf meiner Familie sprechen wir nicht Französisch, sondern Ewondo. Das ist eine, unter der sehr vielen Nationalsprachen Kameruns, die gewöhnlich auf dem Land gesprochen wird. Viele junge Leute in Kamerun sprechen sie heute nicht mehr und dadurch stirbt sie allmählich leider aus. Das ist schade. Wenn ich sie spreche, sind die Leute überrascht, da ich aufgrund meiner hellen Hautfarbe nicht der typische Kameruner bin.
Fühlen Sie sich mehr als Deutscher oder als Kameruner?
Ich bin deutsch im Kopf und kamerunisch im Herzen.
Haben Sie einen Sehnsuchtsort?
Ja, die Kleinstadt Mbalmayo im südlichen Zentrum von Kamerun. Dort ist meine wahre Heimat. Als meine Oma noch lebte, kamen wir im Sommer alle dort zusammen. Von morgens bis abends draußen sein mit 20 oder 30 anderen Kindern, mit meinen Cousinen und Cousins und anderen, mit den Nutztieren und der Natur. Wir waren frei und ich erlebte einen großen sozialen und familiären Zusammenhalt. Meine Oma war auch sehr prägend für mich. Sie lebt nicht mehr, aber meine Mutter hat sozusagen ihren Platz eingenommen im Dorf. In Afrika, in Kamerun, hat jeder Mensch einen Ort, wo er für immer hingehört, wo seine Heimat, sein wahres Zuhause ist – das ist Mbalmayo für mich.
Werden Sie irgendwann dorthin zurückgehen?
Ich liebe und schätze Deutschland und die Menschen hier, aber ich habe auch den Eindruck, das Leben dreht sich überwiegend um Arbeit mit Blick auf den Ruhestand und die Frage, ob man genug Geld bis dahin verdienen kann, um sich das restliche Leben leisten zu können – eine Wohnung, Gesundheit und so weiter. Das Heimatgefühl ist hier eher volatil. Man lebt dort, wo die Arbeit ist. Ich möchte für mich etwas Anderes mit meinem Leben anfangen, wenn ich nicht mehr berufstätig bin. Mein Plan ist, dass ich im Ruhestand wieder in meinem Kindheits-Dorf leben möchte. Und mit meiner Rente werde ich dort auch gut leben können.