"Reformprozesse in der Kirche hätte es schon 1995 geben müssen"
Herr Telschow, Sie waren dabei, als vor fünfzig Jahren die Stadtzeitung „Evangelisches Frankfurt" gegründet wurde, seit 2019 heißt sie „Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Welche Absicht stand hinter dem Projekt?
Damals, 1976, bestand bei der Kirche der Eindruck, dass die Frankfurter Tagespresse über Kirche nicht mehr berichtet, und dass es nicht ausreicht, nur die Gemeindeblätter im Blick zu haben. Das Verhältnis zwischen Stadt und Kirche war damals zudem nicht so freundlich und nah wie heute; das galt insbesondere für die SPD, die von ihrer Geschichte her der Kirche eher distanziert gegenüberstand. Auf diesem Hintergrund kam der damalige Vorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes, Ernst Schäfer, auf die Idee: Wie wäre es, wenn wir eine eigene Kirchenzeitung machen, die regelmäßig in jeden evangelischen Haushalt kommt, damit wir jeden erreichen?
Stimmt es, dass die Zeitung ursprünglich ökumenisch sein sollte, also ein gemeinsames Projekt mit der katholischen Kirche?
Ja, Schäfers Idee war zunächst, das ökumenisch zu machen – der damalige katholische Stadtdekan Walter Adlhoch und er waren Schulkameraden und befreundet. Adlhoch hätte auch gerne mitgemacht, aber die katholische Seite hatte keine zentrale Mitgliederkartei mit Adressen. Wir im Evangelischen Regionalverband hatten dagegen schon seit einigen Jahren die elektronische Datenverarbeitung, unsere Mitgliederkartei war früh digitalisiert. So wurde es dann doch ein evangelischer Alleingang.
Wie wurde die Redaktion zusammengestellt?
Für die praktische Arbeit brauchte es jemanden mit journalistischer Ausbildung. Das war Sabine Sunnus, eine Pfarrfrau aus der Epiphaniasgemeinde, der Gemeinde von Ernst Schäfer. Dazu kam ein Pfarrer, der Erfahrungen mit Veröffentlichungen hatte, Christof Warnke, sowie ein junger Journalist, der aus dem Evangelischen Jugendwerk kam, Harald Stenger. Ernst Schäfer und andere vom Vorstand hatten aber die Sorge, dass diese Runde sich verselbstständigt und nicht immer im Interesse der Kirche handeln würde. Deshalb wurde ich als Leiter der Verwaltung als Aufpasser dazugeschickt. Kirchliche Pressearbeit war mir nicht ganz fremd, mein Vater war in den 1930er Jahren beim Berliner Presseverband tätig gewesen und hatte einen Vorläufer des EPD für Berlin-Brandenburg herausgegeben.
Das heißt, Sie mussten den Aufpasser spielen?
Ich habe schnell gemerkt, wie viel Spaß die Redaktionsarbeit macht, und irgendwann drehte sich das Verhältnis: Dann war ich eher der Schutzschild der Redaktion gegenüber dem Vorstand.
Heute hat sich kirchliche Kommunikation stark in Richtung Werbung und Marketing verschoben. Daher ist es interessant, wie stark damals die inhaltliche Auseinandersetzung gegenüber der Stadt und in die Öffentlichkeit hinein im Zentrum stand.
Man wollte mit der Zeitung in jeden Haushalt. Der Inhalt war durchaus auf das normale Gemeindeglied ausgerichtet, aber immer mit dieser Dimension: Wir sind Kirche für die Stadt. Vor allem der damalige Propst Dieter Trautwein hat das in die Kirche eingebracht. Andere haben mitgemacht, etwa die Johannisgemeinde in Bornheim, die gegen den Ausbau der A66 demonstrierte. Wir haben uns auch immer mal wieder in Stadtplanungsfragen eingemischt. Auch die ökumenische und die internationale Dimension spielten damals eine viel größere Rolle als heute. Wir fuhren nach Birmingham, weil dort schon lange ein hoher Ausländeranteil bestand und wir sehen wollten, was mit einer Stadt passiert, wenn der Ausländeranteil wächst. Wir waren auch in Mailand und Lyon, um zu sehen, wie andere Großstädte mit modernen Problemen umgehen. Mein eigenes Thema war Polen, zu berichten, was da passiert und wie unser Verhältnis zu den Menschen dort ist.
Haben Sie vorausgesehen, dass die Auflage der Zeitung von damals 250.000 Adressen allein in Frankfurt auf heute nur noch gut 90.000 in Frankfurt und Offenbach zurückgehen würde?
Ich wurde 1985 von der Gemeinde Hausen gebeten, in einer Vortragsreihe über „Kirche 2000" zu sprechen, also die Frage, wie die Frankfurter Kirche fünfzehn Jahre später aussehen wird. Dafür habe ich die Entwicklung der Mitgliederzahlen der vorausgegangenen fünfzehn Jahre weitergerechnet und gefragt: Wenn wir unsere kirchlichen Strukturen dem anpassen, was müsste dann wegfallen? Der Vortrag hat eingeschlagen! Erst gab es eine starke Abwehrhaltung, dann aber auch die Einsicht in den Gremien, dass man sich mit der Zukunft beschäftigen muss. Anfang der 1990er Jahre setzte der Vorstand des Regionalverbandes eine Kommission zur Zukunft der Frankfurter Kirche ein, auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zog nach. Ich wurde bis nach Hamburg gebeten, den Vortrag zu halten, weil so noch niemand herangegangen war.
Das heißt, allzu überraschend ist der Mitgliederrückgang für Sie nicht gekommen?
Nein. Als das Jahr 2000 kam, stellte sich heraus, dass meine Rechnung ziemlich zutreffend gewesen war. Aber man hätte es sogar noch früher wissen können. Schon Mitte der 1960er Jahre hatte der damalige Vorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, Helmut Hild, der in der EKD gut vernetzt war, eine soziologische Untersuchung zum Thema „Wie stabil ist die Kirche?" angestoßen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass es zwar einen stabilen Kern von Kirchenmitgliedern gibt, dass aber ein breiter Rand sehr austrittsgefährdet sei. Das war im Grunde der erste Schritt, bei dem die Alarmglocken hätten läuten müssen.
Was hätte man damals tun sollen?
Aus meiner Sicht ist der Öffentlichkeitsarbeit im weitesten Sinne immer viel zu wenig Geld gegeben worden. Man hat nicht begriffen, dass man über Werbung Marken macht. In einem normalen Unternehmen macht Werbung mindestens fünf Prozent des Umsatzes aus. Davon ist die Kirche weit entfernt und wundert sich, dass sie nicht bekannt ist.
Gab es denn Reaktionen auf Ihre Prognosen?
1985 hat der Vorstand des Evangelischen Regionalverbandes eine Arbeitsgruppe berufen, die eine ganze Menge kluger Vorschläge erarbeitet hat, was man in der Frankfurter Kirche tun könnte, um sich auf die absehbaren Veränderungen einzustellen. Fünf Jahre wurde diskutiert, und dann passierte – fast nichts. Das Einzige aus dem langen Katalog von Vorschlägen dieser Arbeitsgruppe, was tatsächlich umgesetzt wurde, war die Gründung des Hospitals für palliative Medizin, das 1996 eingeweiht wurde. Aber letztlich war auch das nur ein glücklicher Zufall: Ich hatte kurz zuvor von einem Hospiz in Köln gelesen und den Vorschlag in die Arbeitsgruppe eingebracht, Professor Ulrich Gottstein ist sofort darauf angesprungen, und da wir gerade ein neues Gebäude im Rechneigraben planten, konnte ich dort Raum für ein Hospiz reservieren. Ohne dieses glückliche Zusammentreffen wäre es auch dazu nicht gekommen.
Ist es nicht frustrierend, vorauszusehen, was passieren wird, aber es wird nicht gehandelt?
Ja. Was jetzt in den kirchlichen Reformprozessen passiert, hätte eigentlich ab 1995 schon passieren müssen – 30 Jahre hat es gebraucht, bis sich gewisse Erkenntnisse durchsetzten. Wir hatten damals vorgeschlagen, eine Prioritätenliste für die inhaltliche Arbeit aufzustellen, um Sparmöglichkeiten zu eröffnen, aber jeder Fachbereich hat sich dagegen gewehrt. Jeder glaubte, seinen kleinen Erbhof halten zu können, statt nüchtern zu sagen: Das können wir uns langfristig nicht leisten.
Ein besonders heikler Punkt sind immer die Gebäude, auch jetzt: Zwei Drittel aller Gemeindeflächen müssen bis 2030 wegfallen.
Wir haben schon in den 1990ern eine Prioritätenliste für die Liegenschaften erstellt. Sie war in den Gremien heiß umkämpft und wurde dann mächtig abgeschwächt. Eine Arbeitsgruppe hat sich überlegt: Welche Gebäude können wir in jedem Fall halten, welche den Gemeinden überlassen, welche müssen in absehbarer Zeit abgegeben werden? Ich habe das in einer Pfarrkonferenz und in einer Dekanatssynode vorgestellt, und daraufhin hieß es sinngemäß: Der böse Herr Telschow will uns die Kirchen wegnehmen. Vielleicht waren wir einfach der Entwicklung ein Stück voraus, und dann ziehen die anderen nicht nach. Dabei waren wir eigentlich nie die Ersten.
Was Sie erzählen, erinnert an die unterlassenen Strukturreformen in Deutschland allgemein. Es ist ja nicht nur in der Kirche ein Reformstau zu beklagen.
Vermutlich ist es allgemein menschlich, die Augen vor der Zukunft zu verschließen. Man schlägt sich mit gegenwärtigen Herausforderungen herum und merkt nicht, dass man sich damit selbst die Zukunft verbaut. Unsere gesellschaftlichen, auch wirtschaftlichen Probleme sind zu einem großen Teil selbst herbeigeführt, weil man die Warnsignale nicht rechtzeitig gesehen und gehandelt hat. Am deutlichsten sieht man das bei unserer Autoindustrie, der heiligen Kuh, die die Entwicklung verschlafen hat, wie kaum eine andere Branche. Diese Haltung ist gesellschaftlich verbreitet, und in der Kirche ist es genauso.
Vor vierzig, fünfzig, Jahren konnte man mit einer neuen Idee einfach loslegen – eine Zeitung gründen, ein Hospiz. Das ist heute vorbei. Jetzt gibt es kaum noch Handlungsspielraum, die Stadt aktiv mitzugestalten.
Solche Möglichkeiten waren früher auch nicht einfach da, diese Generation damals hat sie sich selbst geschaffen!
Wie meinen Sie das?
Als ich 1966 hier angefangen habe, gab es im Regionalverband einen Haushalt von gerade mal sieben Millionen D-Mark, und darin waren noch die gesamten Frankfurter Pfarrergehälter enthalten. Als Helmut Hild 1969 das Amt des Vorsitzenden an Ernst Schäfer übergab, hatte der Verband null Rücklagen. Jede einzelne Position des Haushalts wurde jährlich vom Finanzreferenten der Landeskirche in Darmstadt im Detail geprüft. Schäfer war überzeugt, dass wir davon wegkommen müssen und Planungssicherheit brauchen. Aber im damals geltenden Bedarfsdeckungssystem war da eigentlich nicht herauszukommen. Dann wurde Anfang der 1970er Jahre die Kirchensteuerordnung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) geändert: Statt „die Kirchensteuerhoheit liegt bei den Gemeinden“ hieß es nun „bei der Landeskirche“ – beschlossen an einem Abend in einer Synodalsitzung. Ernst Schäfer und sein Stellvertreter, Landgerichtsdirektor Werner Baumann, sahen darin eine Chance und wollten die Angelegenheit vor das Kirchliche Verfassungs- und Verwaltungsgericht bringen. Ich bekam den Auftrag, den entsprechenden Schriftsatz anzufertigen. Dabei argumentierte ich, dass die alte Regelung Verfassungsrang habe, die Änderung also nicht rechtens sei. Zur Absicherung legte ich das dem kirchenrechtlichen Institut der EKD vor, dessen Gutachten allerdings zu dem Schluss kam, die Landeskirche sei im Recht. Schäfer entschied, das Gutachten nicht zu verwenden. Wir zogen die Sache durch, und am Ende war die Kirchenleitung in Darmstadt zu einem Vergleich bereit: Frankfurt bekam von da an einen fixen Anteil am Kirchensteueraufkommen nach dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre.
Das heißt, Frankfurt profitierte dann von den hohen Steuereinnahmen ?
Wir wollten nichts Exorbitantes, Schäfer ging es um Planungssicherheit, und die Landeskirche hielt das damals für ein gutes Geschäft für sich. Aber dann kam es zu einer guten Wirtschaftsentwicklung und einem Wachstum des Kirchensteueraufkommens, von dem wir bis in die 1990er Jahre hinein sehr gut gelebt haben. Alle fünf Jahre haben wir mit der Landeskirche nachverhandelt, wobei zwar jeweils etwas abgebaut wurde, aber durch das Wirtschaftswachstum hatten wir plötzlich viel Geld. Es war aber völlig klar, dass das irgendwann auslaufen würde.
Nun sind die fetten Jahre endgültig vorbei. Haben Sie eine Idee, was man heute tun könnte?
Nein. Ich bin seit 2001 im Ruhestand und kenne mich inzwischen zu wenig aus, um dazu einen Rat geben zu können. Ich beobachte aber eine Veränderung in der Mentalität. Leute, wie der damalige Vorsitzende Ernst Schäfer, hatten im Krieg Verantwortung getragen und waren es gewohnt, zu entscheiden. Auch meine Haltung war: Kompromisse suchen, wo es geht, aber nicht endlos diskutieren, sondern entscheiden. Wir hatten damals auch in der Verwaltung viel Entscheidungsspielraum. Es gab natürlich Opposition, aber wir hatten in der Regionalversammlung, dem Frankfurter Kirchenparlament, meist eine Mehrheit hinter uns. Ich glaube, das lässt sich heute nicht wiederholen.
Zumal die Kirche nicht nur weniger ökonomischen Spielraum hat, sondern auch weniger gesellschaftlichen Einfluss.
Vor fünfzig, sechzig Jahren waren die Kirchen sonntags noch voll. Das ist vorbei. Dem heutigen Menschen hat die Kirche, glaube ich, nicht mehr viel zu sagen, ihr Weltbild passt nicht mehr dazu. Kirche wächst noch dort, wo sie sich sozial, diakonisch engagiert – da wird sie gebraucht. Aber im klassischen Sinn, um Gemeinschaft zu finden, geht man heute nicht mehr in eine Kirchengemeinde. Heute ziehen Massenveranstaltungen an. Aber der amerikanische Soziologe David Riesman hat schon in den 1930er Jahren in seinem Buch „Die einsame Masse" beschrieben, wie einsam der Mensch in der Massengesellschaft ist. Das erleben wir heute.
Einerseits hätte die Kirche also strukturell besser vorausschauen können, andererseits konnte sie die grundlegende Entwicklung wahrscheinlich ohnehin nicht aufhalten?
Nein.
Was würden Sie raten?
Als ich 2001 in den Ruhestand gegangen bin, habe ich mir vorgenommen, nichts mehr zu raten. Damals war ich noch in der Sache drin, heute bin ich es nicht mehr. Ein großes Problem sehe ich in den Gemeindezusammenlegungen. Wir zum Beispiel wohnten in der Gemeinde Nordweststadt-Mitte, die vor langer Zeit mit Niederursel zusammengelegt wurde. Die meisten, die vorher noch zu Nordweststadt-Mitte gehalten hatten, sind weggebrochen, nur ein kleiner Kreis hat den Zugang zur neuen, von Niederursel geprägten Gemeinde gefunden. Aber ich sehe auch keine Alternative.
Solche Veränderungen betreffen aber doch vor allem diejenigen, die schon in der Gemeinde engagiert sind. Das waren auch vor fünfzig Jahre die allermeisten Kirchenmitglieder nicht. Beim EFO-Magazin hatten wir immer den Anspruch, gerade jene zu erreichen, die nicht zur Kerngemeinde gehören, also den breiten Rand, von dem Sie vorhin sprachen. Ist dieser Rand inzwischen ganz verschwunden? Oder gibt es noch Menschen außerhalb des Kerns der stark Engagierten, die man erreichen kann?
Ich würde sagen: Es gibt noch einen schmalen Rand.
Wie betrachten Sie den Entschluss, das EFO zum Jahresende einzustellen?
Ich sehe die Probleme, die das bringt – ebenso wie bei der Bildung der größeren Gemeinden – aber ich sehe auch keine Alternative dazu. Man muss sich, so schmerzlich das ist, den Realitäten stellen. Weniger Kirchenmitglieder bedeuten weniger Geld, und wenn weniger Geld da ist, stellt sich eben die Frage, was wegfällt. Es wird auf jeden Fall etwas sein, das man geliebt hat.