Gott & Glauben

Ist KI eine Art Gottesersatz?

Allwissenheit war klassischerweise eine Eigenschaft Gottes. Aber mit ChatGPT und Co. gibt es jetzt Konkurrenz. Ist KI also eine Art Gottesersatz? Der Religionsdetektor schlägt an.

Lars Heinemann ist theologischer Redakteur des EFO-Magazins. |  Foto: Rolf Oeser
Lars Heinemann ist theologischer Redakteur des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser

Ob Hilfe bei Rezepten oder existenziellen Fragen zum Sinn des Lebens, ChatGPT und Co. geben auf alle Fragen eine Antwort. Allwissenheit war aber klassischerweise eine Eigenschaft Gottes. Ist KI also eine Art Gottesersatz? Der Religionsdetektor schlägt an.

Wenn man mit KI-Modellen spricht, kann der Eindruck entstehen, da wäre ein reales Gegenüber, mit dem das Leben geteilt wird. In Wahrheit ist da nur ein Algorithmus, der gemäß mathematischer Wahrscheinlichkeit Wort auf Wort folgen lässt – wie ein Papagei, der zwar plappert, aber nicht versteht, was er von sich gibt. Da ist niemand, der Verantwortung übernehmen könnte oder gar echte Fürsorge.

Dass KI manchmal ganz schön danebenliegt, ist nicht der Punkt. Mit Irrtümern und Fehlern muss man auch im Gespräch mit Menschen rechnen. Das Problem ist, dass KI einem immer nach dem Mund redet. Sie ist nie mehr als ein Spiegel und eine Verlängerung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Dieser allwissende „Gott“, in dessen Rolle ChatGPT und Co. schlüpfen, ist bei Licht besehen nur ein Wunscherfüllungsautomat. Ein kritisches „Du musst dein Leben ändern“ wird einem hier kaum begegnen. Aber genau das gehört zur jüdisch-christlichen Tradition dazu.

Und noch ein weiteres Missverständnis wird verstärkt. Oft wird Religion so interpretiert, als liefere sie Antworten, am besten ein festes und klares Set davon: Tue dies, denke das, dann ist es richtig. Aber ein solches Set fester Wahrheiten ist fundamentalistisch – und gerade nicht religiös.

Religion hat es mit den tiefen Fragen des Menschseins zu tun, sie ist ein Ausrichten der Fragerichtung, kein Antworten. Religion hilft dabei, auszuhalten, dass menschliches Leben im Letzten ungesichert ist und auch durch vermeintlich „richtige“ Antworten nicht abgesichert werden kann. KI-Sprachmodelle verschleiern das und tun so, als gäbe es für alles eine Antwort. Die Sprache der jüdisch-christlichen Tradition kennt dafür ein Wort: dämonisch.


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Lars Heinemann 16 Artikel

Lars Heinemann ist Pfarrer in der Gemeinde Frankfurt-Bornheim und Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser

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