Gott & Glauben

"Jede Übersetzung ist nur eine Momentaufnahme"

Die Theologieprofessorin Claudia Janssen ist eine der Mitherausgeberinnen der „Bibel in gerechter Sprache“ (BigS). Wie fällt ihre Bilanz nach zwanzig Jahren aus?

Claudia Janssen ist Mitherausgeberin der BigS. | Foto Leena Nowoczin
Claudia Janssen ist Mitherausgeberin der BigS. | Foto Leena Nowoczin

Frau Janssen, die BigS feiert im Oktober ihr 20. Jubiläum. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Das Projekt war ein Erfolg! Die Sozialgeschichte der Bibel und Themen wie Geschlechtergerechtigkeit werden seither offensiver diskutiert. Eine Folge war zum Beispiel, dass die Luther-Übersetzung von 2017 die Anrede „Schwestern und Brüder“ aufgenommen hat – vorher stand dort nur „Brüder“ – und dass im Römerbrief der angebliche Apostel Junias endlich zur Apostelin Junia wurde, wie im Originaltext.

Aber Standard ist die BigS in den Gemeinden noch nicht, oder?

Eine andere Sprache muss langfristig eingeübt werden. Mir ist aufgefallen, dass Studierende im Alltag selbstverständlich geschlechtergerechte Sprache benutzen, aber bei der Liturgie oft konservativer sind als ältere Pfarrpersonen. Von Gott weiblich zu sprechen, wird da fast zur Mutprobe. Die vielen Möglichkeiten der BigS für den Gottesnamen sind im kirchlichen Alltag noch nicht angekommen.

Was ist mit neueren Formen wie dem Gendersternchen?

Jede Übersetzung ist nur eine Momentaufnahme, weil Sprache sich schnell verändert. Wir haben schon mit unterschiedlichen Pronomen für Gott experimentiert. Wichtig ist mir, dass Menschen Vertrautheit mit biblischen Texten gewinnen. Es ist ein Abwägen zwischen Aktualität, Innovation und Tradition.

Bei „gerechter Sprache" geht es ja nicht nur um Genderfragen.

Genau. Wir haben schon vor zwanzig Jahren auch über Rassismus und Militarismus in der Sprache nachgedacht. Im Hohelied übersetzen wir „Ich bin schwarz und schön“ statt „schwarz, aber schön“. In postkolonialer Hermeneutik sind die Theologien des globalen Nordens allerdings noch am Anfang.

Gibt es bald eine Neuauflage?

Es wird bereits an neuen Übersetzungsmöglichkeiten gearbeitet, aber für eine Neuauflage fehlen derzeit die Kapazitäten. Die Version von 2011 ist aus meiner Sicht dennoch innovativer als viele gängige Bibelübersetzungen – wissenschaftlich reflektiert und mit intersektionalem Ansatz, auch wenn wir das damals noch anders nannten. Fänden sich engagierte Exeget:innen für eine grundsätzliche Neuauflage, wäre ich gern dabei.


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Antje Schrupp 263 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin des EFO-Magazins. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com Mastodon: @antjeschrupp@kirche.social

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