Muss man die eigene Familie hassen, um Jesus nachzufolgen?
Die Worte Jesu aus dem Lukasevangelium sind radikal und gehören doch zu den ältesten Überlieferungen. Hass ist ein sehr starkes Gefühl. Wer hasst, ist zornig, verachtet sein Gegenüber und möchte es am liebsten vernichten. In der Bibel steht der Begriff weniger für ein Gefühl als vielmehr für eine Handlung: Jemanden zu hassen bedeutet, ihn zu verlassen. Genau das taten die ersten Nachfolger:innen Jesu. Sie verließen Familie und Freundschaften, gaben soziale Absicherung auf. Sie wagten den Sprung in ein völlig anderes Leben. Jesus will keine geteilte Liebe – er will alles.
Dabei hat Nachfolge auch mit Freiheit zu tun. Wer jemandem nachfolgt, geht bei ihm in die Lehre – wie ein Lehrling beim Handwerksmeister. Man schaut genau hin, lernt die Techniken körperlich kennen. Und irgendwann kann man dann eigene Ideen einbringen und seine Begabungen entfalten.
Vielleicht geht es darum: Wer loslässt, wird nicht kleiner, sondern mehr er oder sie selbst. Trotzdem bleibt Jesu Forderung radikal. Wäre sie heute noch Voraussetzung für die Taufe, wäre die Kirche ein Club von sehr wenigen – ich wäre auch nicht dabei.
Ich glaube nicht, dass Jesus diese Radikalität von mir verlangt. Aber ich glaube, dass ich mir als Christin Gedanken über meine Prioritäten machen soll. Wie gehe ich mit Besitz um: Teile ich, was ich habe, oder schließe ich mich darin ein? Lasse ich Menschen los, wenn das Miteinander nicht gut ist, oder halte ich an ihnen fest, weil sie mir nützen?
Ich habe immer wieder die Wahl. Und wer wählt, muss verzichten und sich trennen können. Vielleicht ist das gar nicht so weit weg von diesem seltsamen Wort „hassen“ – es meint ja: loslassen.
0 Kommentare
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.