Kunst & Kultur

Die schönste Frau unterm Kreuz

An Maria Magdalena entzünden sich seit Jahrhunderten die Phantasien von Künstlern, und in neuerer Zeit auch von Künstlerinnen. Das Städel zeigt vom 17. September bis Mitte Januar eine Ausstellung über die Jüngerin. Unter dem Titel „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ sind mehr als hundert Werke vom Mittelalter bis heute zu sehen – von Dürer, Gentileschi und Rodin bis zu Dumas, Smith und González. Aber wer war diese Frau eigentlich? Fragen an Museumspfarrer David Schnell.

Maria Magdalena in der Interpretation der spanischen Künstlerin Nieves Gonzáles. | Nieves Gonzalez/Städel
Maria Magdalena in der Interpretation der spanischen Künstlerin Nieves Gonzáles. | Nieves Gonzalez/Städel

Wer war Maria Magdalena?

In der Bibel ist sie eine Frau, die bei den entscheidenden Ereignissen zugegen ist: Kreuzigung und Auferstehung. Magdala ist eine Stadt am See Genezareth, in dessen Umgebung Jesus vor allem gewirkt hat. Maria aus Magdala wird als Frau vorgestellt, der Jesus Dämonen ausgetrieben hat und die ihm daraufhin, zusammen mit etlichen anderen Frauen, die ebenfalls geheilt wurden, „mit ihrer Habe“ dient. Maria Magdalena gehörte also zum engeren Jünger:innenkreis. In allen Evangelien ist sie eine der Frauen, die bis zur Kreuzigung bei Jesus bleiben und am Tag danach den Toten salben möchten. So wird sie dann auch die erste Augenzeugin seiner Auferstehung.

Ihre Begegnung mit dem Auferstandenen ist legendär.

Ja, im Johannesevanglium wird erzählt, dass Maria Magdalena es einfach nicht fassen kann, dass Jesus tot ist. Sie weint in Gegenwart zweier Engel und spricht dann einen vermeintlichen Gärtner an, der sich als der Auferstandene selbst herausstellt. Sie möchte ihn umfassen, aber Jesus sagt den berühmten Satz: „Noli me tangere“, lateinisch für „Berühre mich nicht“. Das wird später nicht nur ein Motiv, sondern ein ganzes Genre in der bildenden Kunst.

Die Römer haben im jüdisch-römschen Krieg ein Massaker an der Bevölkerung von Magdala begangen, heute würde man von Kriegsverbrechen sprechen. Die Theologin Luzia Suter Rehmann vermutet, dass diese Erfahrung Maria Magdalena geprägt hat, dass sie deshalb so mutig war und an die Überwindung des Todes durch Jesus glaubte.

Das ist naheliegend. Die Zusammenhänge um das Massaker bei Magdala waren den frühen Christ:innen noch sehr präsent.

Wie entstand dann aber das Bild von Maria als Sünderin und Geliebter Jesu?

Leider wurde im Lauf der Jahrhunderte Maria Magdalena zunehmend sexualisiert. Im Lukasevangelium gibt es eine Geschichte, in der eine Sünderin Jesus salbt. Sie küsst seine Füße und trocknet sie mit ihren Haaren ab – eine sehr erotische Szene. Worin ihre Sünde eigentlich besteht, steht nicht da, aber es wurde meist auf Prostitution geschlossen. Diese Frau ist später mit Maria Magdalena in Verbindung gebracht worden, obwohl ihr Name in der Bibel gar nicht genannt wird.

Wie hat die Kunst zur Legendenbildung beigetragen?

Bereits im Mittelalter ist Maria Magdalena immer die schönste Frau unter dem Kreuz, mit kostbarer Kleidung und langen Haaren. Das legt nahe, dass sie Prostituierte ist und sich diesen Stil leisten kann. Sie wird auch als sehr emotional dargestellt. Häufig umfasst sie das Kreuz wie einen Geliebten, den sie nicht loslassen möchte. Man kann sie immer gut von der dezenter dargestellten anderen Maria, der Mutter Jesu, unterscheiden.

Wie wird die Szene „Noli me tangere“ dargestellt?

Da begegnen sich ein Mann und eine Frau in einer meist sehr schönen Landschaft oder auf einem Friedhof und dürfen sich nicht berühren. Man kann die erotische Spannung mit Händen greifen. Im Barock bildet sich dann noch ein drittes Thema in der Kunst aus: Die büßende Maria Magdalena, die asketisch lebt und für ihre früheren Sünden Buße tut, dabei nicht nur wenig isst und trinkt, sondern auch auf Kleidung verzichtet: Ein perfektes Motiv für barocke Aktmaler. Auf deren Bildern wälzt sich Maria nackt im Staub oder ist im Gebet versunken, oft mit langen lockigen Haaren, die den ganzen Körper bedecken. Das sagt vor allem etwas über Männerfantasien aus.


Pfarrer David Schnell bietet Gruppenführungen durch die Ausstellung an, Kontakt:
david.schnell@ek-ffm-of.de oder Telefon 069 2165 1217. Eine offene Führung gibt es am Donnerstag, 17. Dezember, um 19.30 Uhr, Treffpunkt im Foyer des Städel, die Führung selbst ist kostenlos, man braucht eine Eintrittskarte.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin des EFO-Magazins.

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