Kunst & Kultur

Mischpoke: Die Familie ist groß!

Ausgehend von dem jiddischen Begriff „Mischpoke“ plädiert die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt für ein weites Verständnis von Familie.

Die Ausstellung „Mischpocha. The Art of Collaboration“ wurde von Mike D., einem Mitbegründer der Band „Beastie Boys“ aus New York, entwickelt. Sie ist noch bis zum 27. September zu sehen. | Foto: Jüdisches Museum
Die Ausstellung „Mischpocha. The Art of Collaboration“ wurde von Mike D., einem Mitbegründer der Band „Beastie Boys“ aus New York, entwickelt. Sie ist noch bis zum 27. September zu sehen. | Foto: Jüdisches Museum

Überall dunkle, tiefe Blautöne. Ruhe breitet sich aus, in die hinein Stimmen sprechen, Geschichten erzählen. Sanft, nachdenklich, beinahe meditativ. Es sind jüdische Stimmen, Frankfurter Stimmen, aber genauso welche aus Berlin, Südamerika oder New York. Alle kreisen um eine große Frage: Welchen Stellenwert hat Familie im Leben? Wer ist das überhaupt: Familie? Was bedeutet „Mischpoke“?

Mischpoke ist das jiddische Wort für Familie, Verwandtschaft oder Sippschaft und hat, wie Museumsdirektorin Mirjam Wenzel unterstreicht, nur im Deutschen einen negativen Klang. Die Ausstellung fasst den Begriff weit und positiv, daher die amerikanische Schreibweise „Mischpocha“.

Das Thema ist jedenfalls aktuell. Laut Familienbarometer der Bundesregierung hat Familie für die meisten Menschen den höchsten Stellenwert im Leben. Sie ist wichtiger als Beruf oder Einkommen, und zwar egal, ob es sich um eine traditionelle Familie aus Mutter, Vater, Kind handelt oder um neue Formen wie Patchwork, Regenbogen, Alleinerziehend oder Co-Parenting: Was Menschen sich wünschen, das sind verlässliche und tragfähige Beziehungen.

Die jüdische Vorstellung von Mischpoke umfasst dabei deutlich mehr als die Kernfamilie. Sie steht eher für eine Art Netzwerk, zu dem auch entfernt lebende Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen gehören oder Nachbarinnen und Gemeindemitglieder. Familie, das können auch Menschen sein, die nicht verwandt sind, sondern sich bewusst füreinander entscheiden, weil sie Gemeinsamkeiten teilen, sich mögen und zueinander passen.

Herkunftsfamilie und Wahlfamilie müssen nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Während erstere auf einer Generationengeschichte und Wurzeln aufbaut und somit das Wissen bewahrt, woher man stammt, stehen Wahlfamilien für eine bewusste Entscheidung. Sie bieten oft mehr Freiheit, aber auch weniger selbstverständlich vorausgesetzte Verpflichtungen. Was Familie bedeutet, lässt sich nicht auf eine starre Form festlegen. Zugehörigkeit, so die Botschaft der Ausstellung, kann man man selbst aktiv gestalten. Tragfähige Netzwerke aus Freund:innen, Kolleg:innen, Nachbar:innen können auch den destruktiven Kräften der Gegenwart begegnen.

Es lohnt sich, den Blick auf Familie über die Verwandtschaft hinaus zu weiten und zu sehen: Die Familie ist groß! Wie sie entstehen und sich zusammensetzen kann, darauf macht diese Ausstellung neugierig.


Autoren

Angela Wolf 142 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

Lars Heinemann 15 Artikel

Lars Heinemann ist Pfarrer in der Gemeinde Frankfurt-Bornheim und Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser