Ein selbst geschreinerter Sarg - als Garderobe oder Regal
Unter den Arkaden des Neuen Friedhofs in Offenbach riecht es nach Holz. Eine Kreissäge schneidet Bretter zurecht, auf dem Steinboden liegen Späne, es wird vermessen, berechnet, angezeichnet. Was wie eine kleine Schreinerei wirkt, ist ein Ort, an dem Menschen etwas bauen, das normalerweise kaum jemand selbst in die Hand nimmt: ihren eigenen Sarg.
Mike Hogan steht mittendrin und erklärt, was zu tun ist. Der Tischler und Ergotherapeut versteht sein Kursangebot als weit mehr, als nur einen handwerklichen Workshop. „Der Sarg soll erst einmal ein Möbel sein“, erklärt er. Eine Garderobe vielleicht, eine Truhe, ein Regal. Etwas, das im Alltag benutzt wird. „Wer sich langsam nähert, hält das Thema besser aus“, meint Hogan.
Die Teilnehmer:innen folgen den Anweisungen des Fachmanns konzentriert. Sie bohren und setzen Schrauben. Hogan achtet auf Details und mahnt zu Genauigkeit. „Immer in die Maserung bohren“, sagt er und zeigt auf die Linien im Holz. Dann werden Klemmen gereicht, die geleimten Sichtblenden der Deckel müssen zum Trocknen fixiert werden.
Pia Staudt wischt überquellenden Leim ab. Die 64-Jährige frühere Finanzbeamtin ist seit kurzem im Ruhestand. Mit dem Tod wird sie als ehrenamtliche Notfallseelsorgerin häufig konfrontiert: „Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben.“ Patientenverfügung, Testament, alles schon erledigt. Ihr Sarg soll erstmal in den Keller. „Hochkant wird er nicht reinpassen”, schätzt sie, er soll als Sitzbank mit Stauraum dienen.
Ein paar Schritte weiter stehen Heike und Gabriele, ein Paar aus Rumpenheim. „Seinen eigenen Sarg zu bauen, das ist ja richtig Stress”, schmunzelt Heike. Die 61 Jahre alte Musikerin ist anstrengende körperliche Arbeit nicht gewohnt und jetzt schon seit anderthalb Tagen am Werkeln. Gerade fräst sie Löcher, in die dann Seile geknotet werden, „für die Tragegriffe“. Die Särge der beiden Frauen sollen im Flur stehen, als Garderoben, damit sie mit ihren Gästen zum Thema Tod ins Gespräch kommen.
Mike Hogan legt Wert auf einfache, natürliche Materialien. Selbst bei den Schrauben achtet er darauf, dass alles vergehen kann. Ein Sarg muss nicht nur gut aussehen, er muss auch den Regeln der Friedhöfe und Krematorien entsprechen: Er darf nicht zu kurz sein, er muss stabil sein.
An diesem sonnigen Tag auf dem Offenbacher Friedhof rückt der Tod näher, ohne sich aufzudrängen. „Es bleibt keine Zeit, um tiefgründig über das Sterben nachzudenken“, sagt eine Teilnehmerin. Hogans Angebot stößt auf viel Resonanz. Nächstes Jahr will er einen Kurs anbieten, in dem Urnen gebaut werden.
Zum Schluss will Heike in ihrem Sarg probeliegen, „so richtig mit Deckel drauf.” Pia Staudt zögert. Sie will sich nur reinstellen. Gewissheit haben, ob alles passt. Alle überlegen, ob es ein Nachtreffen geben soll. Um Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die während des gemeinsamen Wochenendes aufgekommen sind, auszutauschen. Der Workshop war, darin sind sich alle einig, eine einmalige Erfahrung.
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