Gehörlosenseelsorge: Kerstin Groß überträgt Worte in Gesten
Reden, zuhören, ins Gespräch kommen – übliche Vokabeln, Kerstin Groß, nutzt sie sehr bedacht. Die 50-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren Gebärdenseelsorgerin, ihren Sitz hat sie bei der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige an der Rothschildallee. Daumen und Zeigefinger beider Hände führt die Pfarrerin zusammen, rotiert sie leicht umeinander – „Dolmetschen“ bedeutet das. „Gut gefällt mir das Zeichen für Liebe“ – beide Hände werden in Richtung Herz auf die Brust gelegt. Über die Kreuzesmale an den Händen wird Jesus symbolisiert, gen Himmel geht die Bewegung, wenn Gott Thema ist.
Gelernt hat sie die Gebärdensprache erst nach Amtsantritt. In Münster bei Dieburg betreute sie zuvor eine Gemeinde. Das Vikariat absolvierte die in Diez an der Lahn Geborene in Frankfurt-Griesheim. Ihr erster Schritt in die Praxis nach langer wissenschaftlicher Arbeit mit dem Schwerpunkt Kirchengeschichte, zuerst in Mainz, später an der Universität in Bern. Wo ist da die Brücke? „Es geht immer um Menschen und ihre Geschichte“, sagt Groß.
Einen festen Standort für Gottesdienste gibt es nicht
Die Theologin ist zwischen Darmstadt, Frankfurt, Obertshausen, Offenbach und Reinheim, neuerdings auch Friedberg und Gießen, unterwegs, „ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel im Auto sitze“, sagt die Gehörlosenseelsorgerin. Gottesdienste hält sie in wechselnden Kirchen. „Anlassbezogen und nicht ortspezifisch“ sei das Profil ihrer Tätigkeit. Wenn bei Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen für Angehörige eine Übertragung in Körpersprache, Handformen und Mimik gebraucht wird, reist die Theologin von ihrem Wohnort Kelkheim an oder beauftragt jemanden. In den Ostertagen, in der Weihnachtszeit ist sie viel unterwegs, im Dezember vor allem im Advent. „Ganz wichtig ist das Beisammensein danach“, berichtet Groß.
Gelegenheit zur Geselligkeit bieten auch die Treffen, die sie jeden zweiten Donnerstag um 14.30 Uhr an der Rothschildallee offeriert. Groß erlebt die Gehörlosen als eine Community mit wachsendem Sebstbewusstsein, deutlich geworden beispielweise vor ein paar Wochen bei einer Kundgebung an der Frankfurter Konstablerwache. Es sei keineswegs so, dass alle auf ein Cochlea-Implantat setzen, das in die Welt der Hörenden führt, ist ihr Eindruck.
Einblicke in Biographien
Gemeinschaftserlebnisse schaffen ist das eine, mindestens so wichtig ist die Individualseelsorge. Aus unterschiedlichen Richtungen kommen die Menschen zu ihr, „ich frage nicht nach der Religion“, sagt Kerstin Groß. Weil sie ihr Herz ausschütten wollen, weil sie Beziehungsthemen haben, über Berufsfragen Austausch suchen oder auch Biographisches thematisieren wollen, wendeten die Menschen sich an sie, erzählt die Pfarrerin. Ein Thema könne beispielsweise sein, wie war das Verhältnis zu den hörenden Eltern, haben sie die Zeichen erkannt? Wie klappte die Anbindung an die Geschwister? Oder: In den Schulen für Gehörlose habe oft ein rigoroses Regiment geherrscht, „Hände unter die Oberschenkel klemmen und Lippen lesen“, von solchen Traumata sei auch schon mal die Rede, erzählt Kerstin Groß. Per E-Mail, aber auch per Videotelefonie gebe es seelsorglichen Austausch.
An das Evangelische Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach und das Zentrum Seelsorge der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ist Groß angebunden, von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gebärdenseelsorge wird sie unterstützt. Die kirchliche Nähe der Leute, die sich bei ihr meldeten, entspreche dem gesellschaftlichen Durchschnitt, ist Groß Beobachtung. Auch hier gebe es einen Traditionsabbruch, wenn die Eltern nicht an den Glauben, an christliches Verständnis und die Bibel, heranführen. Deutlich werde jedoch, in punkto Seelsorge genieße die Kirche Vertrauen, so Kerstin Groß.
Kontakt: Pfarrerin Kerstin Groß, Rothschildallee 16a, 60389 Frankfurt am Main, Telefon 0151 56717163, E-Mail: kerstin.gross@ekhn.de.
Hinweis: Auch beim Gottesdienst an Pfingstmontag des Evangelischen Stadtdekanats Frankfurt und Offenbach, 11 Uhr auf dem Römerberg, siehe hier, wird Kerstin Groß in Gebärdensprache „übertragen“.