Leben & Alltag

„Ich gebe dich frei“

Die Frankfurter Pfarrerin Katja Föhrenbach begleitet mit der Aktion „MainSegen“ Menschen nach einer Trennung dabei, Rituale für den Abschied zu finden.

"geliebt. gelitten. getrennt. gesegnet." – unter diesem Titel bietet MainSegen am 26.9.2026 Segen und Rituale für Menschen mit Trennungserfahrung.
"geliebt. gelitten. getrennt. gesegnet." – unter diesem Titel bietet MainSegen am 26.9.2026 Segen und Rituale für Menschen mit Trennungserfahrung.

Frau Föhrenbach, als Pfarrerin für „Mainsegen“ haben Sie bisher vor allem Menschen gesegnet, die vor einem Neuanfang stehen, etwa mit der Aktion „Einfach heiraten“. Am 26. September bieten in Sie nun speziell Segen für getrennte oder geschiedene Menschen an. Wie kam es dazu?

Wenn Menschen heiraten, wenn sie ihren gemeinsamen Weg beginnen, gibt es viele Rituale. Für Abschiede gilt das nur bedingt. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind natürlich auch Expertinnen für den Abschied, Bestattungen sind unser täglich Brot. Das Trauern gilt als wichtige Tätigkeit, wir haben dafür wiederum viele Rituale, Liturgien, Gebete. Wer trauert, durchlebt ein Kaleidoskop der Gefühle, das ist allgemein anerkannt. Ganz anders ist das beim Thema Trennung. Da fehlen uns auf einmal die Worte, es herrscht ein Unbehagen, ein Schweigen. Das kann für die Betroffenen sehr belastend sein. Als Seelsorgerin habe ich immer wieder Menschen durch Trennungen begleitet und gemerkt: Der Wunsch nach Ritualen ist auch da ganz stark.

Bei beiden Beteiligten?

Nicht unbedingt. Ich habe bisher einmal ein getrenntes Paar in einer Andacht gesegnet, allerdings lag da die Scheidung schon Jahre zurück. Eine Trennung ist oft mit großem Schmerz, mit Wut und auch mit Rachegefühlen verbunden, in der Regel befinden sich auch nicht beide Partner:innen am gleichen Punkt. Für einen kommt es womöglich überraschend, der andere Part hatte vielleicht schon länger innerlich mit der Beziehung abgeschlossen. Gottes Segen für den weiteren Weg und ein Ritual des Loslassens wünschen sich, so ist meine Erfahrung, eher einzelne Menschen. Wenn es Paare sind, dann setzt das sehr viel Selbstreflektion voraus. Es ist leichter, wenn die Verletzungen nicht frisch sind.

Ende September können Menschen mit Trennungserfahrungen spontan in der Katharinenkirche für einen Segen und Rituale vorbeikommen. Was genau bieten Sie da an?

Das kommt ganz auf die Person an und darauf, an welchem Punkt sie gerade steht. Wer noch viel Wut verspürt, kann zum Beispiel mit einer Schwimmnudel auf einen Punchingball eindreschen. Es gibt die Möglichkeit, Bänder zu entflechten oder sich die Tränen vom Gesicht wischen zu lassen. Die Tränen werden so symbolisch gesammelt, die geweinten und die ungeweinten, wie in dem Psalm „Du sammelst meine Tränen in einem Krug“. Es drückt aus, dass Schmerz, Leid und Trauer nicht unbemerkt bleiben. Wir haben einen Spiegel, in dem sich jemand ansehen kann, der sich die Frage stellt: Was bin ich ohne dich? Um dann vielleicht erkennen zu können: Ich bin ganz. Auch ohne den anderen. Wer möchte, kann auch einfach zu einem Gespräch vorbeikommen.

Pfarrerin Katja Föhrenbach vom MainSegen-Team  |  Foto: Tamara Jung-König
Pfarrerin Katja Föhrenbach vom MainSegen-Team | Foto: Tamara Jung-König

Wie segnen Sie getrennte Paare? Welche Worte wählen Sie?

Im Gottesdienst, in dem sich das Paar Jahre nach der Trennung einen gemeinsamen Segen gewünscht hatte, haben sich beide, im übertragenen Sinne, „frei gegeben“. Der Text lautete in etwa so: „Ich lasse dir deinen Weg und wünsche dir alles Gute. Ich achte dich und respektiere deinen Weg. Gott möge dich segnen.“ Es waren sogar die Trauzeugen von der Hochzeit dabei und die erwachsenen Kinder der beiden. Gefühle brauchen einen Raum, damit sie wieder gehen können. Den anderen symbolisch loszulassen bedeutet auch anzuerkennen, was gut und wertvoll war in der gemeinsamen Zeit, auch die Schätze zu bewahren und nicht nur die Verletzungen. Allerdings muss ich sagen: In vielen Fällen geht das einfach nicht. Auch das müssen wir anerkennen.

Was macht Abschiede so schwer?

Abschiede sind oft Übergänge, die man sich nicht gewünscht hat. Es kann aber auch anders und trotzdem schwer sein – man will aus einer Partnerschaft heraus, aber es schmerzt dennoch, ebenso wie beim Auszug der erwachsenen Kinder, den man sich natürlich auch wünscht. Eine Scheidung ist auch das Ende eines Lebensentwurfs. Das tut erst mal sehr weh. Wer in den Ruhestand geht, trennt sich von etwas, das die eigene Identität ausgemacht hat. Es entsteht eine Lücke, etwas Neues muss erst wachsen. Es ist wichtig, dafür eine Sprache zu finden. Und das Ritual des Segens ist ein sehr kraftvolles, handfestes Tool, das wir als Pfarrerinnen zur Verfügung haben. Mit dem Segen lässt sich etwas öffnen. Er ist ein wunderbarer Teil meiner Arbeit.


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Anne Lemhöfer 167 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft.

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