Leben & Alltag

Raus aus der Blase und rein in die Vielfalt

Täglich von 10 bis 18 Uhr ist die Luthergemeinde im Frankfurter Nordend geöffnet - für konkrete Angebote oder um sich zu erholen. Nach 18 Uhr wird montags zu Bürgergesprächen vor der Tür eingeladen. Nach Feierabend wird hier mehrfach im Jahr zusammen mit der vielfältig engagierten Hilfe im Nordend (HIN) gekocht.

Stephan Rost: Pfarrer der Luthergemeinde  I Foto: Tamara Jung-König
Stephan Rost: Pfarrer der Luthergemeinde I Foto: Tamara Jung-König

Im norddeutschen Kreis Herzogtum Lauenburg war Stephan Rost Pfarrer, nach einer Zeit im Leipziger Land. „Ich weiß, was es heißt, ,die Kirche im Dorf‘“, sagt der 48-Jährige, der seit 2022 Pfarrer der Luthergemeinde im urbanen Frankfurter Nordend ist. Der nach dem Reformator benannte Platz vor der Kirchentür hat durchaus etwas dörfliches: Hunde schnuppern, Kinder drehen erste Runden mit dem Fahrrad. Rost gefällt das Quartier, doch er sagt auch, „wir leben hier in einer Blase“. Die will er so nicht gelten lassen. Und unternimmt mit anderen einiges dafür.

Das Gemeindeleben ist darauf ausgerichtet, dass eben nicht nur Gutsituierte, akademisch Gebildete, liberal Denkende hier wohnen, sondern eine Vielfalt an Menschen. Angebote für Langzeitarbeitslose gibt es, Erwachsene aller Altersstufen nutzen parallel zu ihrem Sprachkurs ein Sprachencafé, das hilft sich ins Deutsche einzufinden, ein reges Chorleben mit Kantorei und mehreren Kinderchören entfaltet sich, Seniorentreffs bieten Geselligkeit. „Wo gibt es sonst Orte, wo so viele Menschen aufeinandertreffen?“, äußert Rost – und sichtlich schwingt Freude mit.

#Verständigungsort

Seit einiger Zeit steht montags nach 18 Uhr ein Team unter dem Motto „Wir.Reden.Hier” vor dem Lutherkirchturm im Rahmen der Aktion „#VerständigungsOrte“ der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Diakonie (mehr). Deutlich sagt Rost, er findet es gut, wenn auch AfD-Wähler hier das Gespräch suchen. Im Gespräch ist er mit Eva Walther, einer Professorin für Sozialpsychologie in Trier, wohnhaft in Frankfurt. Mit ihr ist er im Austausch für Hintergrundwissen, Impulse und Ideen. Drei Aspekte führten die Menschen in Richtung der AfD, sei Walthers These: „die Suche nach Identität, Sorge um soziale Sicherheit und der Wunsch nach „Wertschätzung, gesehen werden“. Rost ist fern von Sympathien für den Kurs der AfD, die „Omas gegen Rechts“ tagen regelmäßig in der Luthergemeinde, aber er findet es wichtig, Wege in den Dialog zu ermöglichen.

Bei Hitze und für andere Alltäglichkeiten offen

Das luftige moderne Luthergemeindehaus schließt direkt an die Kirche an, täglich stehen beide für alle Interessierten von 10 bis 18 Uhr offen, ob sie eine Gruppe besuchen wollen oder einfach nur die Toilette nutzen. „Ich finde auch das wichtig“, sagt Rost. Für manche sind die 50 Cent, die Cafés verlangen, wenn sie überhaupt Zutritt gewähren, schon zu viel. Ebenso gefällt dem Theologen, dass die Lutherkirche verzeichnet ist in einer App, die Orte nennt, wo man bei Hitze Schatten suchen kann. Die Kirche ist derzeit auch aufgewärmt, aber das Gemeindehaus ist gut gelüftet, und Mineralwasser steht zur freien Verfügung.

Hilfen und Genuss mit Nachhaltigkeitsfaktor

Kirche als Schutzort, als ein Platz für neue Gedanken, für Auswege aus Spiralen – in diesem Geist handelt auch die Hilfe im Nordend (HIN), die seit vielen Jahren in der Luthergemeinde ansässig ist. Langzeitarbeitslose finden hier Beratung, Vermittlung in stundenweise Haushaltstätigkeiten, Computerkurse, einen Ort, an dem sie sich treffen können.

Bei der HIN geht es um Veränderung, aber auch um Akzeptanz. Und darum den ganzen Menschen zu sehen. Selbstorganisierte Filmabende gehören dazu. „50, 70 Menschen kommen zu den Veranstaltungen“, erzählt Rost. „Geschäftsleute, alle möglichen Leute aus dem Nordend“. Mit dem Abspann ist nicht Schluss. Gäste sorgen dafür, dass die Anwesenden ins Gespräch kommen.

Bei einem der Filmabende kam das HIN-Team mit Greenpeace-Engagierten ins Gespräch. Seitdem gibt es in den Räumen der Luthergemeinde als Kooperationsprojekt Kleider-Tauschpartys. Zusammen mit HIN veranstaltet die Gemeinde regelmäßig Abendessen, das nächste am 28. August 2026. Aus den Erträgen der „Foodsaver“ wird ein vielfältiges Buffet. Von 18 Uhr an wird an der großzügigen Küchenzeile im gastlichen Gemeinderaum, „Lutherbistro genannt, gekocht, wer mag kann aber auch erst um 20 Uhr dazu stoßen und an der langen Tafel Essen und Gespräch genießen. Um Anmeldung bei Pfarrer Stephan Rost wird gebeten.


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Bettina Behler 424 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach