Vollendetes Leben im Angesicht des Todes – wie geht das?
Am Anfang die leisen Töne. Trompete und Posaune, gespielt von Musiker:innen des Ensemble Moderne, ein Duo aus kurzen Phrasen, zögerlich, bruchstückhaft, fast zerfetzt. Komponiert, wie alle anderen Stücke des Abends, vom langjährigen Ensemble-Mitglied Uwe Dierksen während einer Krebserkrankung, an deren Folgen er Anfang des Jahres verstarb.
Um seine Geschichte ging es an diesem Abend in der Evangelischen Akademie Frankfurt am Römerberg. Unter dem Titel „Das Leben will vollendet sein“ hatte die Akademie in Kooperation mit der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Krankenhaus Nordwest zu Gespräch und Musik eingeladen, erzählt von Dierksens Ärztin, der Onkologin Elke Jäger, philosophisch eingebettet von der Medizinphilosophin Elsa Romfeld.
Kann ein Leben vollendet sein, das zur Unzeit endet? Ein Leben, gezeichnet von Krankheit und Leid? Aber wann überhaupt wäre jemals der richtige Moment für das passende Ende? Wer bestimmt ihn? Das Leben selbst? Die Krankheit? Oder am Ende: Wir selbst? Der Wunsch nach Sterbehilfe nehme zu, weiß Elke Jäger zu berichten. „Aber was nehmen wir uns weg, wenn wir dieses Ziel verfolgen?“
Diese geheimnisvolle Vollendung, die wir uns wünschen mögen, was ist sie? Hat sie zu tun mit einer visionären vollkommenen Rundung es Lebensbogens, mit der Sehnsucht nach einem prallen Ende, das nichts zu wünschen übriglässt – oder damit, dass etwas voll und ganz wird, gerade weil es eben auch enden darf?
Eine Ermutigung möchte der Abend in der Akademie sein, so der Untertitel der Veranstaltung. Mut brauche es, den „Tanz“ mit dem Lebensende bewusst aufzunehmen, sagt Elsa Romfeld. Häufig sei es die Konfrontation mit einer Krankheit, die Menschen in einen anderen Seinszusammenhang stelle und zu einer neuen Bejahung des Lebens ermutige. Eine existenzielle Erweckung, nennt sie das, neue Antworten auf die Fragen des Daseins können gefunden werden. Sterben müssen – und dann im Angesicht des Todes die Vollendung des Lebens suchen?
Atemnot hatte der Posaunist Uwe Dierksen, als er seine Kompositionen schuf. In Bedrängnis, in Verzweiflung war er, und etwas Getriebenes ist im Trio von Posaune, Trompete und Horn auch immer wieder zu hören. „Eine lange Jagdstrecke“ nannte Dierksen die Krankheit kurz vor seinem Tod. Und mit seiner Ärztin vereinbarte er Schritte, um den Sterbeweg etwas abkürzen zu können. Handlungssicherheit, sagt Elke Jäger, sei eine mächtige Triebfeder für den Wunsch nach Sterbehilfe. Sie war bereit, diesen Schritt mit dem Patienten zu gehen.
Zuletzt kam es anders. Der Anlass war ein Gespräch auf der Palliativstation mit einer Journalistin anlässlich einer anstehenden Premiere im Theater, zu der Dierksen die Musik komponiert hatte. Dierksen verließ die Palliativstation noch einmal, um seiner Musik vor einer Uraufführung den letzten Schliff zu geben. Auch die Premiere erlebte er mit. Die Selbstbestimmung hatte ein Schlupfloch gefunden, um sich angesichts des Todes noch einmal ganz dem Leben und der geliebten Musik zuzuwenden.
Die letzten Kompositionen an diesem Abend erzählen von dem großen Frieden, der darin gelegen haben mag, diese Brücke schlagen zu können. „In dieser Sterbephase – ich wusste, sie hatte angefangen – habe ich so viel über meine Ziele und meine Arbeit gelernt, wie vorher noch nie“, zitiert Elke Jäger ihren Patienten Uwe Dierksen.
Nicht jedem ist es vergönnt, ein Werk zu schaffen. Das Glück der Vollendung liegt vielleicht dort, wo Resonanz entsteht. Ob das in einem Konzert ist, oder – wie eine ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin erzählte – in einem Fußballstadion, oder aber im Kreis von Angehörigen und Freunden. Und deshalb wird vielleicht auch das Teil der Vollendung sein: dass wir einander erzählen, wie es gehen kann mit dem Ende, das uns allen gewiss ist und doch so ungewiss bleibt. So wie an diesem Abend.
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