Wenn die Zeit der Irrungen und Wirrungen endlich vorbei ist
Überall wird gejubelt, dass die Wechseljahre endlich kein Tabuthema mehr seien – und welche Befreiung das für Frauen darstelle. Christiane Rösinger schließt sich dem Chor nicht an. „Ein riesiger Markt nährt sich aus diesen Sorgen. Wäre ich wieder 35, ich geriete in Panik.“ Die „angebliche Enttabuisierung“ führe nur dazu, dass sich Frauen ab 50 noch mehr Sorgen um ihr Aussehen und ihre Außenwirkung machten. Sie selbst habe die Menopause undramatisch erlebt.
Die Autorin und Musikerin Rösinger ruft in ihrem neuen Buch „The Joy of Ageing“ überhaupt dazu auf, diese Sache mit dem Älterwerden etwas gelassener zu sehen. Das Alter entwirft sie als eine Phase der radikalen Befreiung – eine Zeit, in der die Erwartungen anderer endlich an Bedeutung verlieren. Rösinger schreibt dabei aus einer dezidiert feministischen und klassenbewussten Perspektive: Sie thematisiert nicht nur den schwindenden gesellschaftlichen Blick auf die ältere Frau, sondern auch die ganz realen Ängste vor Altersarmut und prekären Lebensverhältnissen. Sie feiert das Altern allerdings auch nicht als Wellness-Event oder großen Spaß, sondern als einen Zustand, der Mut zur Lücke und zum körperlichen Verfall erfordert. Mit trockenem Humor berichtet sie von Ischiasschmerzen, den ersten Schlaganfällen im Freundeskreis und der absurden Komik, die entsteht, wenn man plötzlich zur Generation der „Senior:innen“ gezählt wird.
„The Joy of Ageing“ ist ein Plädoyer dafür, sich den Raum zu nehmen, den die Gesellschaft älteren Frauen oft verweigert, und die gewonnene Freiheit zu nutzen, um endlich so exzentrisch, politisch oder schlichtweg entspannt zu sein, wie sie es möchten – um sich nebenher vergnügt neuen Hobbys wie dem Gärtnern zu widmen. Rösinger erzählt persönliche Anekdoten aus ihrem Leben als Künstlerin und Großmutter und führt aus, dass die wahre Freude am Altern darin besteht, sich nicht mehr beweisen zu müssen.
Das Buch feiert die Solidarität und den Trotz gegenüber einem System, das Produktivität über Lebensqualität stellt. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Alter kein Defizit ist, sondern eine letzte, große Freiheit, die es mit Witz und Verstand zu verteidigen gilt, denn: „Wer war denn nicht todunglücklich in den Teenagerjahren? Wie viele Frauen haben sich noch in ihren 40ern und 50ern durch ihr Faible für Idioten in anstrengenden Beziehungen und Nicht-Beziehungen aufgerieben? Wie gut, dass diese Zeiten der Irrungen und Wirrungen vorbei sind.“ Und ab und zu ausgehen könne man ja trotzdem noch.
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