Wie wollen wir später mal wohnen?
Mit Ende Fünfzig wurde Petra Wenzel klar, dass sich an ihrer Wohnsituation etwas ändern muss. Sie lebte alleine im Gallus, ihr Sohn war längst ausgezogen. Der Einstieg in die Badewanne gestaltete sich immer beschwerlicher, die Treppen wurden wegen ihrer künstlichen Hüfte zum Problem. Immer drängender stellte sich die Frage: Wie soll das weitergehen im Alter?
Also ergriff Wenzel die Initiative. Heute wohnt sie in der Brentanostraße im Frankfurter Westend, zahlt rund 350 Euro Eigenanteil für eine altersgerechte anderthalb-Zimmer-Wohnung, und freut sich auf den Sommer im Garten mit ihrer kleinen Clique.
Als ehemalige Fleischereifachverkäuferin lag Petra Wenzels Einkommen unterhalb der Obergrenze für öffentlich geförderte Seniorenwohnungen. Deshalb konnte sie sich beim Amt für Wohnungswesen bewerben.
Zweieinhalb Jahre musste sie warten, dann wurde in der Wohnanlage Westend der Diakonie eine kleine Anderthalb-Zimmer-Wohnung frei. Und nicht nur eine Wohnung, in der sie alt werden kann, hat Wenzel in der Wohnanlage gefunden, sondern auch Gemeinschaft: Im Brentanoklub, einem Kursangebot für Hausbewohner:innen, hat sie andere Menschen aus dem Haus näher kennengelernt.
Etwas Ähnliches wünschen sich die meisten Menschen ab Fünfzig für ihre Wohnsituation im Alter, wie ein Fachtag in der Evangelischen Akademie zeigte: altersgerechte, bezahlbare Wohnungen, kulturelle Teilhabe und vor allem Gemeinschaft statt Einsamkeit. Dazu Einkaufsmöglichkeiten und ärztliche Versorgung in der Nähe. Zu viel verlangt?
Christel Roßbach, die für die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach die Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit koordiniert, beschreibt das Kernproblem so: Wer nur eine geringe Rente bekommt, hat Fördermöglichkeiten und damit die Chance, ein neues, bezahlbares Zuhause und Hilfe zu finden. Wer wohlhabend ist, dem stehen ohnehin viele Möglichkeiten offen. Die große Mitte der Gesellschaft jedoch hat es schwer. Denn Immobilien und Mieten werden immer teurer, und das das nimmt dem Wohnungsmarkt die Flexibilität.
Deshalb ist es wichtig, die Dinge nicht einfach auf sich zukommen zu lassen, sondern frühzeitig aktiv zu werden. Und Gelegenheiten beim Schopf zu ergreifen. Bei Pfarrerin Ute Knie war es eine alleinerziehende Bekannte, die sie auf die Idee brachte. „Sie fragte, ob mein Mann und ich in ein generationsübergreifendes Bauprojekt einsteigen wollten“, erzählt die Theologin, die inzwischen im Ruhestand ist. „Die Idee, im Alter mit Menschen unterschiedlicher Lebensformen den Alltag zu teilen, gefiel uns.“ Ein Architekten-Ehepaar hatte im Frankfurter Ostend noch freien Baugrund entdeckt und damit den Grundstein für ein Projekt gelegt. Die Bauzeit dauerte sechs Jahre, eine handfeste Stahlpreiskrise musste überwunden werden, alle Beteiligten brauchten viel Geduld. Aber mit 63 Jahren konnten Ute Knie und ihr Mann gemeinsam mit 26 anderen Menschen, 18 Erwachsenen verschiedener Generationen und acht Kindern, ins eigene Wohnprojekt einziehen.
Heute teilt die Gemeinschaft eine Photovoltaikanlage, lebt im Passivhaus, nutzt gemeinsam Waschküche, Sauna, Werkstatt, einen großen Garten und ein kleines Appartement, das derzeit als Tiny House an einen Studenten vermietet ist, aber auch für Pflegepersonen genutzt werden könnte. Dreimal im Jahr gibt es gemeinsame Besprechungen, zweimal Hausaktionstage sowie eine Gartengruppe. „Fast alle Treffen sind mit einem Essen verbunden“, sagt Knie – und das ist mehr als eine Randnotiz.
Die acht Kinder, die damals alle zusammen in dieselbe Kita gingen, sind längst groß und ausgezogen. Aber sie kommen noch immer gerne zu Besuch. „Es ist ein Gefühl wie in einer Großfamilie“, sagt Knie. Für sie das Ergebnis einer bestimmten Haltung: „Neugierig sein und offen für Menschen, die aus einem ganz anderen Umfeld kommen. Bereitschaft zum Teilen, Toleranz, Flexibilität.“ Die Theologin sieht die Kommunen in der Verantwortung, solche Projekte mehr zu fördern, damit sie für alle Einkommensgruppen erschwinglich sind.
In Frankfurt-Griesheim und -Höchst sind voriges Jahr immerhin zwei genossenschaftliche Hausprojekte mit zusammen 60 Wohnungen entstanden, die auf lange Sicht bezahlbar bleiben sollen, weitere sind geplant. Auch in Offenbach gibt es Initiativen wie die „Creativ Häuser eG“, die ehemalige Fabriken zu genossenschaftlichem Wohnraum umbaut. Aber der Bedarf ist größer als das Angebot. Birgit Kasper vom Frankfurter Netzwerk für gemeinschaftliches Wohnen wünscht sich kommunale Förderprogramme für Start-ups. „Das müssen keine übermäßigen Subventionen sein, zinslose Darlehen wären bereits eine große Hilfe.“
Staat und Kommunen könnten aber noch viel mehr tun, wie das Beispiel der Niederlande zeigt. Dort gibt es den Ansatz „Doorstroming“, also Wohnungstausch: Der Staat baut kleine, altersgerechte Wohnungen und gibt Anreize, damit ältere Menschen aus unnötig großen Wohnungen dorthin umziehen. So wird Platz für junge Familien frei.
In Deutschland hingegen sind Otto und Ottilie Normalrentner:in auf sich selbst gestellt. Zum Glück lässt sich die Lebenssituation im Alter auch ohne großes Wohnprojekt verbessern und aktiv gestalten. Die Pädagogin Karin Nell, Gründerin einer „Wohnschule“ in Düsseldorf, empfiehlt, sich ab Mitte/Ende fünfzig mit dem Thema zu befassen. „Man sollte sich ehrlich fragen, ob man dort, wo man wohnt, weiterleben kann: Gibt es einen Aufzug? Wie weit ist es zur nächsten Haltestelle, zum Supermarkt? Kann man auf die Hilfe von Kindern bauen? Wie lebt es sich in der Nachbarschaft?“
Bei den Planungen komme es auch auf die eigenen, ganz persönlichen Vorlieben an, wie die Expertin betont: „Man kann sich fragen, wo der Lieblingsplatz in der jetzigen Wohnung ist – im Sessel, in der Küche, mit Blick nach draußen? Das macht schnell klar, was man zum Wohnglück wirklich braucht – und wie man auf keinen Fall wohnen will.“
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