Offenbach lokal

Juwele der Kirchengeschichte, Teil 30: die Lutherkirche in Offenbach

Die evangelische Lutherkirche in Offenbach ist eine von vier Kirchen, die der Architekt Friedrich Pützer Anfang des 20. Jahrhunderts im Rhein-Main-Gebiet geschaffen hat. Sie zeichnet sich durch Kompaktheit und architektonischen Formwillen aus und war ursprünglich für zwei Gemeinden konzipiert.

Kompakt gebaut: die von Friedrich Pützer (1871-1922) entworfene Lutherkirche in Offenbach, hier in der Rückansicht. | Foto: Stefan Buch
Kompakt gebaut: die von Friedrich Pützer (1871-1922) entworfene Lutherkirche in Offenbach, hier in der Rückansicht. | Foto: Stefan Buch

Als die Offenbacher Lutherkirche 1914 eingeweiht wurde, rumpelten noch Kutschen und Pferdewagen an ihr vorbei, später kamen die ersten Automobile hinzu. Heute ist die Waldstraße eine viel befahrene Autostraße zwischen Kiosken, der „Café happy bar“ und evangelischem Kindergarten. Die Kirche reiht sich hier in die Häuserfront ein, hebt sich aber durch ihre Architektur von den anderen Gebäuden ab.

Auf dem Hauptgebäude der wie eine Trutzburg wirkenden Kirche steht in großen Lettern der Anfang des bekannten Lutherchorals „Ein feste Burg ist unser Gott“. Nach damaligem Lutherbild war der Reformator ein Inbegriff deutscher Identität, galt als Vorkämpfer der deutschen Sprache und stand für Unabhängigkeit. Diese Wucht spiegelt auch die bronzene Lutherbüste im Foyer vor dem Kirchraum im ersten Stock wieder, geschaffen von Bildhauer Daniel Greiner aus Jugenheim.

Der Architekt der Kirche, Friedrich Pützer, hat noch drei weitere Jugenstil-Kirchen im Rhein-Main-Gebiet geschaffen - die Matthäuskirche an der Frankfurter Messe, die Friedenskirche in Offenbach und die Pauluskirche in Darmstadt. Von 1902 bis 1922 war Pützer Professor für Baukunst an der Technischen Hochschule Darmstadt und entwickelte ab 1908 als hessischer Kirchenbaumeister das so genannte „Wiesbadener Programm“.

Die Lutherkirche ist streng symmetrisch gegliedert und hat demnach zwei nebeneinanderliegende Eingänge unter dem Hauptportal. Pützer hatte sie für zwei Gemeinden gebaut, denn Landflucht und Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten Offenbach explosionsartig wachsen lassen. Gleichzeitig war der finanzielle Rahmen für neue Kirchräume begrenzt. Eine Besonderheit ist, dass die Kirchturmuhr seitlich auf dem Dachreiter angebracht ist – ein großer Kirchturm war nie vorgesehen. Ursprünglich waren es sogar zwei Uhren, auf jeder Seite des Dachreiters eine.

Die strenge Symmetrie der Fassade mit teils hübschen kleinen ovalen Fenstern setzt sich im Inneren fort. Vom Foyer führen rechts und links zwei gleiche Treppenaufgänge in die oberen spiegelbildlich angeordneten Stockwerke. Das schmiedeeiserne Geländer ist durch wiederkehrende Jugendstilelemente verschönt. Auf der rechten Seite wurde 2012 neben der Treppe ein Aufzug eingebaut, um einen barrierefreien Zugang zu Kirchraum und Gemeindebüro zu ermöglichen. Er liegt etwas zurückgesetzt, so dass er die Wirkung der Symmetrie des Gebäudes nicht beeinträchtigt.

Pützer hat die Lutherkirche als „Gruppenanlage“ konzipiert, wie man Kirch-/Gemeindezentren Anfang des 20. Jahrhunderts nannte. Alles-unter-einem Dach entsprach den Bedürfnissen der Gemeinde und sparte einen weiteren Bau. So entstanden in der Lutherkirche spiegelbildlich auf jeder Seite des Hauptgebäudes Gemeinderäume, Dienstzimmer, Pfarrwohnungen und sogar Kantor- und Küsterwohnungen für zwei Gemeinden.

Heute wird noch der große Gemeinderaum im Erdgeschoss unter dem Kirchraum genutzt. Er hat eine Bühne und die Jugendstilelemente in der hölzernen Wandvertäfelung lassen ihn in sich harmonisch wirken. Außerdem beherbergt die Kirche noch eine bewohnte Pfarrwohnung und das Gemeindebüro, die beide über den Aufzug zugänglich sind. Die übrigen Wohnungen sind vermietet.

Jugendstil-Ornamente im Altarraum der Lutherkirche. Hier sind sie erhalten, in vielen anderen Kirchen wurden sie in den 1950er Jahren übertüncht. | Foto: Stefan Buch
Jugendstil-Ornamente im Altarraum der Lutherkirche. Hier sind sie erhalten, in vielen anderen Kirchen wurden sie in den 1950er Jahren übertüncht. | Foto: Stefan Buch

Prunkstück der Kirche ist der Sakralraum im ersten Stock mitsamt Emporen. Er strahlt in intensivem Grün, abgesetzt vom Ocker-Braun der unterschiedlichen Jugendstil-Ornamente, die auch auf der Rundbogendecke hervortreten. Vor allem die kleinen Jugendstilblüten vor den Orgelpfeifen sorgen für Leichtigkeit.

Pützer hat nach dem Wiesbadener Programm von 1891 gebaut. Damit verbunden war ein liturgisches Konzept. Im Zentrum stand die Einheit der Gemeinde. Seitenschiffe und Chorraum wurden aufgegeben. Altar, Kanzel und Orgel sollten hintereinander auf einer Sichtachse angeordnet sein, wie es in Offenbach exemplarisch umgesetzt wurde. Ursprünglich konnte man die Kanzel nur über eine Treppe in der hinter der Altarwand liegenden Taufkapelle erreichen. Aber ein wie magisches Erscheinen der Pfarrperson ist nicht mehr zeitgemäß. Jetzt führen einige Holzstufen hinter dem Altar hoch zur Kanzel.

Der Altar aus massivem Holz und die hölzerne Kanzel sind nicht original alt. Hinzugekommen ist links ein Lesepult und rechts ein Taufbecken. Seit den 1950er-Jahren wird im Gottesdienst getauft und nicht mehr in der Taufkapelle, in der ursprünglich ein Taufstein stand und die Fenster bemalt waren. Sie ist aber erhalten.

Die Bankreihen sind nicht durch einen Mittelgang getrennt, sondern die Gemeinde schaut vor allem von einer Bankreihe in der Mitte auf Altar, Kanzel und Orgel. Rechts und links sind zwei Gänge frei, daneben weitere, kürzere Bankreihen. In die Kirche passen rund 400 Menschen.

So sah der Kirchenraum der Lutherkirche nach der Fertigstellung 1914 aus.
So sah der Kirchenraum der Lutherkirche nach der Fertigstellung 1914 aus.

Die Lutherkirche erwies sich im zweiten Weltkrieg wörtlich als feste Burg. Während viele Offenbacher Kirchen schwer zerstört wurden, hielten „nur“ die Fenster der Kirche den massiven Luftangriffen von 1944 nicht stand. Dadurch verschwanden die zwölf Aposteln im oberen Teil der großen Seitenfenster für immer.

Nach dem Krieg wurde die Kirche hellgrau getüncht, die Orgelpfeifen wurden durch eine Altarwand verdeckt. Ebenso verschwanden leider die geschwungenen, bemalten Brüstungen der Emporen für immer. Erst in den 1980er Jahren wurde der Originalzustand wieder hergestellt.

Neu ist der verschiebbare Orgeltisch, der vorne links unter eine Empore steht, während unter der rechten Empore ein Flügel zu sehen ist. Die Orgel wurde 2013 von Förster & Nicolaus renoviert und wieder in ihren romantischen Originalzustand versetzt, nachdem sie in den 1950er Jahren nach barockem Klangbild umgestaltet worden war.

Die Lutherkirche hat drei Glocken. Die kleinste stammt von 1927. Die beiden größeren aus dem Jahr 1952, nachdem ihre Vor- und Vorvorgänger im ersten und zweiten Weltkrieg für die Kriegsindustrie herhalten mussten. Die Inschriften auf den Gussstahlglocken vom Bochumer Verein sind dieselben wie auf den ersten Glocken von 1913. Es sind Anfänge dreier Lutherchoräle. Auf die kleine Bronzeglocke ist eingraviert: „Vater unser im Himmelreich“ (Ton a). Auf die mittlere „Erhalt uns Herr bei deinem Wort (Ton g) und auf die großen Glocke (Ton e) „Aus tiefster Not schrei ich zu Dir“. Das Geläut ist auf das Tedeum-Motiv abgestimmt, passend zum Geläute der Offenbacher Friedenskirche.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin des EFO-Magazins.

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