Politik & Welt

Der Reiz des Autoritären und warum vor allem junge Männer davon fasziniert sind

Autoritäre Bewegungen stoßen vor allem bei jungen Männern auf Zustimmung, damit einher geht eine neue Faszination für traditionelle Geschlechterbilder. Was sind die Ursachen? Darüber diskutierten die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau und die Buchautorin Veronika Kracher in der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Die Expertinnen Ilka Quindeau und Veronika Kracher in der Evangelischen Akademie. | Rolf Oeser
Die Expertinnen Ilka Quindeau und Veronika Kracher in der Evangelischen Akademie. | Rolf Oeser

Rechte Bewegungen sprechen tiefliegende Wünsche nach psychischer Entlastung an, sagt die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau, etwa die Sehnsucht nach Eindeutigkeit und Einfachheit in einer unübersichtlichen, komplexen Welt. Mit solchen Ideen machten autoritäre Bewegungen Identifikationsangebote, die über Ausgrenzung und Abwehr von Mehrdeutigkeit und Ambivalenz operieren. Quindeau war eine der Referentinnen bei einem Abend zum Thema „Männlichkeit – Autoritäre Strukturen – Geschlechterbilder“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Das Fundament der Faszination für das Autoritäre seien kollektive Gefühlsströmungen, erläuterte Quindeau. Zum Beispiel der regressive, kindliche Wunsch nach einer unkomplizierten, harmonischen Gemeinschaft, der sich in stereotypen Familien- und Geschlechterbildern sowie völkischem Denken spiegelt.

Damit einher gehe eine Überhöhung der Vergangenheit, ergänzte die Buchautorin Veronika Kracher, die sich als „Expertin für belastende Männer im Internet“ vorstellte – soeben erschien ihr neues Buch „Bitchhunt“, in dem sie Hasskampagnen gegen Frauen aus den vergangenen Jahren analysiert. Autoritäre Bewegungen versprechen laut Kracher die Rückkehr in ein vermeintlich „goldenes Zeitalter“, als Männer noch Männer waren, als Frauen noch wussten, wo sie hingehörten, als marginalisierte Gruppen keine Emanzipationsbestrebungen hatten, als die Welt einfach und in Ordnung war. In der Konsequenz werde alles, was diese imaginierte ideale Gemeinschaft störe, ausgegrenzt.

Als nicht dazugehörig ausgesondert werde vom autoritären Denken alles Uneindeutige, wie etwa queere Menschen, Migrant:innen, die LGBTQ-Bewegung. Ausgrenzung bezieht sich auf Menschen, zugleich unterteilt sie die Welt in das Selbstredende und das Unnennbare. Deshalb ging es an diesem Abend in der Evangelischen Akademie immer auch um die Reflexion von Sprache. Sprachregelungen – wie etwa die 2025 vom US-Präsidenten Donald Trump an alle US-Behörden erlassene Anweisung, bestimmte Begriffe nicht mehr zu verwenden. Sie bezeugen die überschießende Wucht und Dynamik der Ausgrenzung, mit der versucht wird, den eigenen Status zu sichern.

Die Dynamik der Ausgrenzung wird von rechter Ideologie verknüpft mit der Phantasie von einem bedrohten imaginären Besitz, den es – auch gewaltsam – zu sichern gelte. Die Soziologin Eva von Redecker belegt diese Phantasie mit dem Begriff „Phantombesitz“, den die Podiumsgäste mehrfach aufgriffen. „Phantombesitz“ kann sich auf alles Mögliche beziehen: auf Vorrechte, auf Ansehen, Freiheit, Frauenkörper, Land. Beispielsweise meint die Internet-Bewegung der Incels – unfreiwillig zölibatär lebende Männer – ein Recht auf Sexualität zu besitzen und leitet daraus das Recht ab, sich gewaltsam zu nehmen, was ihnen vermeintlich unrechtmäßig vorenthalten wird. Veronika Kracher legt in ihrer Analyse der Bewegung dar, dass es sich bei den Incels keineswegs um ein paar rückwärtsgewandte Männer handele, sondern um eine rechtsradikale Bewegung und ernstzunehmende terroristische Vereinigung.

Ist also nach einem Jahrhundert der Emanzipation die Gegenwart geprägt von einem gefährlichen „Backlash“? Veronika Kracher beobachtet, dass der Backlash umso größer sei, je höher die gesellschaftliche Position eines Mannes. Die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau wägt ab: Gerade die Emanzipation habe dazu geführt, dass Frauen mehr Spielarten der Identifikation offenstehen als Männern. Grundsätzlich sei geschlechtliche Identität für alle Menschen konflikthaft und immer eine Kompromissbildung. Männlichkeit sei „kein komfortables Angebot“. In ihrer Praxis mache sie die Erfahrung, dass Männer unter der ihnen zugewiesenen Rolle, das privilegierte Geschlecht sein zu müssen, sehr leiden können. Die Leiderfahrung von Männern, so kontert Kracher, werde heroisiert, gerade das passe in den Diskurs der Stereotype.

Einig war man sich darin, dass es darum geht, Widersprüche auszuhalten und Konflikte nicht einseitig aufzulösen. Demokratie erfordere ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz.


Autorin

Silke Kirch 58 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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