Wundertechnologie mit vielen Tücken
Satte 725 Milliarden Dollar wollen die vier größten Techkonzerne der USA – Amazon, Google, Microsoft und Meta – in diesem Jahr für den Ausbau von KI-Infrastruktur ausgeben. Das ist weit mehr, als der gesamte deutsche Bundeshaushalt. Diesen enormen Investitionen stehen auf der Einnahmenseite bislang nur deutlich geringere Umsätze gegenüber. Experten sehen Parallelen zum Internet-Hype um das Jahr 2000, bei dem ebenfalls viel Geld in unfertige Märkte floss. Baut sich da der nächste Börsencrash auf?
Auch im Blick auf den Energiebedarf scheint die Rechnung noch nicht aufzugehen. KI frisst riesige Mengen an Strom, sowohl in den Rechenzentren, in denen sie trainiert und entwickelt wird, als auch bei der Nutzung: Anfragen bei ChatGPT benötigen mehr Strom als Google-Anfragen. Und weil der Ausbau erneuerbarer Energien dem Bedarf weit hinterherhinkt, treibt KI die Nutzung klimaschädlicher fossiler Energiequellen an. Kraftwerke bleiben länger am Netz als geplant, sogar die Atomkraft erlebt eine Renaissance: Ab 2030 wollen Google und Co. Strom in kleinen modularen Reaktoren erzeugen.
Auch die sozialen Umwälzungen durch KI sind nicht absehbar. Der Arbeitsmarkt wird sich mit Sicherheit komplett neu sortieren, aber wie? Besonders gefährdet sind Berufe, die mit wiederkehrender Wissensarbeit verbunden sind, wie Sachbearbeitung, Kundenservice, Übersetzen, aber auch Softwareentwicklung, Buchhaltung oder Grafikdesign. Jedoch: Werden die Leute, die das machen, dann einfach arbeitslos, oder entstehen, wie Optimisten meinen, neue, interessante Jobs?
Eher nicht, meint der Autor und Journalist Cory Doctorow, der 2022 durch den Begriff „Enshittification“ bekannt wurde, mit dem er die „Vermüllung“ von Online-Angeboten beschrieb. Im Juni erschien sein neues Buch „The Reverse Centaur‘s Guide to Life After AI“, in dem er vorhersagt, dass Menschen in Zukunft der KI zuarbeiten werden und nicht andersherum. Ihre Aufgabe werde sich darauf beschränken, KI zu überwachen und in der großen Fülle von Ergebnissen nach Fehlern zu suchen. Menschliche Arbeitskraft hätte dann die Rolle eines Sündenbocks: Wenn etwas schiefläuft, ist nicht die KI Schuld, sondern der Mensch, dem der Fehler nicht aufgefallen ist.
Völlig neue Möglichkeiten ergeben sich für Kriminalität aller Art. Der Enkeltrick zum Beispiel, bei dem Betrüger alte Menschen anrufen und sich als deren Enkel ausgeben, funktioniert mit KI-generierter „echter“ Stimme noch besser. In letzter Zeit wurden zudem spektakuläre Fälle bekannt, bei denen KI sich ohne entsprechenden Auftrag in vermeintlich sichere Systeme gehackt hat.
Tatsächlich ist die Skepsis unter digitalen Expert:innen oft größer als in der Bevölkerung allgemein. Sie warnen insbesondere vor den Verzerrungen, die sich aus den Trainingsdaten der KI-Modelle ergeben. Denn diese umfassen nicht alles menschliche Wissen, sondern bevorzugen bestimmte Perspektiven – männliche, westliche, bürgerliche – deren Vorurteile die KI dann als objektives Wissen wiedergibt.
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