Aktuelles

Aufbrüche in den Gemeinden und Würdigung ehrenamtlichen Engagements

Verleihung der Spener-Medaille, Haushaltsfragen, Umgang mit kalten Kirchen, die Umsetzung des Themas „Nachhaltigkeit“ rund ums Jahr, Entstehung neuer Gemeindeverknüpfungen – die Delegierten des evangelischen Kirchenparlaments von Frankfurt und Offenbach haben sich bei ihrer letzten Tagung im Jahr 2022 mit einer Vielzahl von Themen befasst.

Im Vordergrund: Wolf-Gunter Brügmann-Friedeborn und Regine Grosch, hintere Reihe: Präses Irmela von Schenck, Stadtdekan Achim Knecht, Diakoniepfarrer Markus Eisele  |  Foto: Rolf Oeser
Im Vordergrund: Wolf-Gunter Brügmann-Friedeborn und Regine Grosch, hintere Reihe: Präses Irmela von Schenck, Stadtdekan Achim Knecht, Diakoniepfarrer Markus Eisele | Foto: Rolf Oeser

Stadtdekan Achim Knecht nannte gestern im Frankfurter Dominikanerkloster die künftige Zuordnung der Kirchengemeinden zu Nachbarschaftsräumen, entsprechend des Konzeptes „EKHN2030“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau „das wichtigste Thema der Vorstandsarbeit der letzten Monate“.

In zahlreichen Gesprächen haben er und Prodekanin Amina Bruch-Cincar sowie Prodekan Holger Kamlah die anstehenden Kooperationen vor Ort erörtert. Sowohl Knecht als auch Kamlah bezeichneten den Austausch mit den Gemeinden in ihren Redebeiträgen als „konstruktiv“.

Um Viererteams gehe es, in der Regel drei Pfarrer:innen und eine Person für Kirchenmusik beziehungsweise Gemeindepädagogik, erläuterte Kamlah. Für das Stadtdekanat gebe es die „gute Nachricht“, dass die Kirchenmusik-Stellen auf dem aktuellen Stand belassen werden sollen. Gekürzt werde bei den Pfarrstellen, bis Ende 2027 um 17 Prozent, bis Ende 2029 um weitere zehn Prozent. Geplant ist, dass die Kirchenvorstände des Stadtdekanats bis zum 15. März 2023 schriftlich Rückmeldung geben zu ihren Nachbarschafts-Plänen und dass die Synode am 5. Juli einen Beschlussentwurf bezüglich der Zuordnungen vorliegen hat.

Prodekanin Amina Bruch-Cincar, verantwortlich für die Gemeinden in Frankfurt Süd-Ost und Offenbach, und Prodekan Holger Kamlah, für die Gemeinden in Frankfurts Nordwesten zuständig, hatten den Parlamentarier:innen ihren Jahresbericht zukommen lassen. Auch da wirkt sich bei Bauvorhaben EKHN2030 bereits aus.

Im Bereich Nord-West beispielsweise haben die Preungesheimer Festeburg- und die Kreuzgemeinde beschlossen, zukünftig ihre Gebäude gemeinsam zu nutzen. In den Kirchengemeinden Sankt Peters und Sankt Katharinen, ansässig im Frankfurter Nordend und in der Innenstadt, sie zählen zu Süd-Ost, wurde ein aktuelles Bauvorhaben für Gemeindehäuser gestoppt, da in Anbetracht der neuen Vorgaben überschüssige Flächen geplant sind. In Offenbach hat die Evangelische Mirjamgemeinde beschlossen, sich von Gemeindehaus, Nebengebäude und Pfarrhaus an der Lortzingstraße zu trennen, um nach der Vermarktung an diesem Ort einen flexibel nutzbaren Raum für Gemeindearbeit und Gottesdienste zu erhalten.

Das gemeindliche Leben vor Ort, insbesondere die Kasualien Taufe, Hochzeit, Beerdigung, betrachtete Bruch-Cincar in ihrer Rede zum Jahresbericht. Erfreut zeigte sie sich von der positiven Resonanz auf das Tauffest am Main diesen Sommer. Nachdenklich äußerte Bruch-Cincar sich angesichts der zurückgehenden Zahl kirchlicher Beerdigungen. Es gehe darum, als Kirche die seelsorgerliche Begleitung bei Todesfällen wieder deutlicher werden zu lassen, so die Prodekanin. In Sachen Hochzeit werde die evangelische Kirche im Januar bei der Hochzeitsmesse wieder präsent sein, kündigte Bruch-Cincar an.


Engagement für Umwelt und Gesellschaft

Über den Einsatz der Gemeinden für nachhaltiges Wirtschaften sprachen bei der Tagung Jürgen Dornheim, Ausschuss für Ökologie und Nachhaltigkeit, sowie die gleichfalls dem Gremium angehörende Niederräder Pfarrerin Anja Bode. Angesichts heißer Sommer und überfluteter Keller bleibe festzustellen, „wir tun nicht genug“, sagte Dornheim. Ob bei Festen oder Geschenken, es gehe auch fair.

Und: Fairer Handel müsse ja nicht gleich mittels eines eigenen Laden betrieben werden, wie es vereinzelt im Stadtdekanat geschehe, sondern könne beispielsweise durch Verkaufsaktionen nach Gottesdiensten oder Veranstaltungen passieren. Bode berichtete, die Paul-Gerhardt-Gemeinde habe sich eine Selbstverpflichtung zu nachhaltigem Handeln gegeben, aber auch mit der Gemeinwohl-Ökonomie vernetzt. Gunter Volz, Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Stadtdekanat, äußerte: „Wir als Glaubensgemeinschaften sind dabei“, wenn es darum geht, fairen Handel im Einzugsbereich voranzutreiben. So zählt er beispielsweise zu den Mitgliedern der Steuerungsgruppe „Faitrade-Stadt Frankfurt am Main“, die beim Finanzdezernenten der Stadt Frankfurt, Bastian Bergerhoff, angesiedelt ist.

Stadtdekan Achim Knecht verwies in seiner Rede darauf, dass der Beschluss der Septembersynode, die Kirchen in diesem Winter nicht zu heizen, keineswegs auf finanzielle Erwägungen allein zurückzuführen ist. Gesellschaftliche Solidarität liege dem Beschluss zugrunde: „Und nicht zuletzt ist es auch eine ökologische Frage!“


Finanzen

Bei drei Enthaltungen nahmen die Delegierten die Jahresrechnung 2019 und 2020 des Evangelischen Regionalverbandes an, bei vier Enthaltungen stimmten sie den Jahresrechnungen 2019 und 2020 des Stadtdekanats zu. Thema der Versammlung war auch, an welchen Stellen gekürzt werden kann, um das Defizit des Evangelischen Regionalverbandes auszugleichen. Thomas Speck, Kaufmännischer Geschäftsführer und Leiter der Verwaltung berichtete, dass der Evangelische Regionalverband Frankfurt und Offenbach (ERV) beim Doppelhaushalt für die Jahre 2023 und 2024 mit einem Defizit von 1,83 Millionen Euro zu rechnen habe. Durch drei Instrumente, so Specks Vorschlag, solle das zu erwartende Defizit ausgeglichen werden: Rund 530.000 Euro könnten gespart werden durch den Verzicht auf Planungsreserven im Haushalt. Durch die Reduzierung von freiwilligen Aufgaben des ERV, zum Beispiel Einsparungen beim Meldewesen, bei der zentralen Poststelle und beim Pfortendienst in den Dienstgebäuden sowie die Einstellung des Zuschusses für den Wirtschaftsbetrieb würden insgesamt etwa 830.000 Euro weniger ausgegeben. Und schließlich sollen rund 470.000 Euro, die der ERV aus eigenen Mitteln zum Beispiel für die Arbeit der sozialen und diakonischen Einrichtungen zuschießt, durch Nachverhandlungen mit den Kostenträgern refinanziert werden. Die Parlamentarier:innen stimmten diesem Vorschlag zu, sodass nun diese drei Instrumente zur Konsolidierung bei der Aufstellung des Doppelhaushaltes für 2023 und 2024 zum Einsatz kommen können.


Auszeichnung für ehrenamtliches Engagement mit Philipp-Jakob-Spener-Medaille

Die Philipp-Jakob-Spener-Medaille, die jährlich von der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach verleihen wird, ist als Auszeichnung gedacht für Personen, die sich in besonderer Weise ehrenamtlich um die Kirche verdient gemacht haben. In der Regel geht sie an zwei Leute, eine davon wird für gemeindlichen Einsatz, die andere für übergemeindliches Engagement, geehrt.

2022 erhielten die Spener-Medaille Wolf-Gunter Brügmann-Friedeborn und Regine Grosch. Der Journalist Brügmann-Friedeborn, Jahrgang 1946, sei ihm 1993 als „kritischer Zeitgenosse“, Nicht-Mitglied, aber mit großem theologischen Interesse in der Praunheimer Wicherngemeinde begegnet, berichtete Stadtdekan Knecht in seiner Laudatio.

Er habe ihn schließlich für den Kirchenvorstand, und damit für die Kirchenmitgliedschaft, gewonnen. Eine Vielzahl weiterer Ämter folgte, im ERV-Vorstand etwa, in der Dekanatssynode, aber auch für die Integrative Schule, heute Margarete-Steiff-Schule, und das Medienhaus der EKHN. Aus dem Nicht-Mitglied Brügmann-Friedeborn sei ein „engagierter Kirchenmann geworden, dem die Verantwortung seiner Kirche für unsere Gesellschaft immer sehr wichtig war“, sagte Knecht, insbesondere für Geflüchtete und die bundesweite ökumenische Initiative „Kirche von unten“.

Regine Grosch, Jahrgang 1964, wurde von Markus Eisele, Diakoniepfarrer und Theologischer Geschäftsführer im Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach, gewürdigt. Die Betriebswirtin und psychologische Beraterin ist seit 2009 in der Notfallseelsorge tätig. Dafür, aber auch als Trauerbegleiterin hat Grosch sich qualifizieren lassen. Über eine Zusatzqualifikation für Großschadensfälle, aber auch in Sachen Stressbearbeitung verfügt die 58-Jährige. „Beachtlich“ nannte Eisele Regine Groschs Engagement, Leute wie sie seien „eine wichtige Stütze im Sturm“. „Mitgehen, auch wenn man sich mutmaßlich nicht kennt“, dazu gebe es auch biblische Bezüge, etwa bei den Emmaus-Jüngern, sagte Eisele. Grosch hat sich aber nicht nur in punkto Seelsorge fortgebildet, sie ist auch Prädikantin, das heißt für die ehrenamtliche Leitung von Gottesdiensten qualifiziert, in ihrem Fall sogar auch für Kasualien.


Autorin

Bettina Behler 229 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach