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"Der Heilige Geist hilft, quer zu denken"

Die evangelische Kirche feierte Pfingsten mit einem Gottesdienst auf dem Römerberg und einem internationalen Fest.

Propst Oliver Albrecht hielt die Predigt am Pfingstmontag auf dem Römerberg
Propst Oliver Albrecht hielt die Predigt am Pfingstmontag auf dem Römerberg

Etwa 1.000 Besucherinnen und Besucher kamen am Pfingstmontag, 10. Juni 2019, auf den Frankfurter Römerberg zum Open-Air-Gottesdienst der Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach. In seiner Predigt betonte Propst Oliver Albrecht, dass der Heilige Geist, wie er in der biblischen Pfingstgeschichte (Apostelgeschichte 2) beschrieben wird, für „Vielfalt und Völkerverständigung“ stehe. „Der Heilige Geist ist bunt und weltoffen, hilft quer zu denken und divers zu handeln. Und, liebe Menschen, das feiern wir, als ob es die AfD nie gegeben hätte.“ Er ermutigte die Zuhörerinnen und Zuhörer, einzustimmen in das „einfache, große und klare Ja Gottes zu Menschen aller Nationen“ und in „Gottes Namen die wirklichen Probleme anzupacken“ wie Fremdenfeindlichkeit, Homophobie oder religiösen Fundamentalismus. „Wir machen die Musik, wir lassen uns die Sache nicht aus der Hand nehmen“, rief Propst Albrecht den Besucherinnen und Besucher immer wieder zu (die Predigt im Wortlaut finden Sie unten auf der Seite).

Die Band T.A.P, der Chor SurPraise, BlechPur und Posaunenchöre aus der Propstei Rhein-Main sorgten für stimmungsvolle musikalische Akzente beim Gottesdienst, der von Stadtdekan Achim Knecht geleitet wurde. Eindrucksvoll waren auch das szenischen Spiel der Schauspielerinnen Sabine Lorenz und Svenja Siehndel sowie die Lesung der Pfingstgeschichte durch Jugendliche in verschiedenen Sprachen. Bei der Kollektensammlung kamen 3.690,33 Euro zusammen, die je zur Hälfte an die Partnerkirche in Ghana gehen sowie an die evangelische Kirche in Indonesien für den Wiederaufbau des durch den Tsunami zerstörten interreligiösen Bildungszentrums in Donggala.

Mit Kultur und kuliarischen Köstlichkeiten aus aller Welt ging es nach dem Gottesdienst weiter beim Internationalen Fest im Dominikanerkloster, dass von Ökumenepfarrer Michael Mehl und dem Internationalen Konvent christlicher Gemeinden Rhein-Main organisiert wurde. Dieser Verein hat 31 Mitgliedsgemeinden aus Ländern Asiens, Afrikas, Europas und den USA.

Die Predigt von Propst Oliver Albrecht im Wortlaut:

Liebe Menschen auf dem Römerberg!

Es ist gut, dass wir heute draußen sind. Dass wir uns trauen, die Liebe Gottes öffentlich zu feiern, mitten in Frankfurt, im Herzen von Europa.

Nicht nur, weil heute Gottesdienst ist, tun wir dies im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Denn wir werden gleich sehen, was das für eine Revolution der Liebe und der Freiheit gibt, wenn die Kirche sich heraustraut auf die Straßen und Plätze der Stadt im Namen des dreieinigen Gottes.

Und weil heute Pfingsten ist, fangen wir mit dem Heiligen Geist an: Wir trauen uns im Namen des Heiligen Geistes. Der Geist Gottes steht für Vielfalt und Völkerverständigung, wie wir eben aus der Bibel gehört haben, der Heilige Geist ist bunt und weltoffen, hilft quer zu denken und divers zu handeln.

Und, liebe Menschen, das feiern wir, als ob es die AfD nie gegeben hätte. Wir machen die Musik, wir tanzen auf den Straßen und singen unsere Lieder. Der Heilige Geist macht es einfach: wir sind einfach gastfreundlich, das ist mehr als gegen Fremdenfeindlichkeit zu sein. Pfingsten ist das Ende der doppelten Verneinung, Pfingsten ist das einfache, große und klare Ja Gottes zu Menschen aller Nationen. Das große und klare Ja Gottes zu jeder Liebe, die freimacht und glücklich und niemand unterdrückt. Homophobie und Fremdenhass, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind für mich ein Fall für die Seelsorge, das sind Verirrte für die ich bete, oder Verführer, die uns doch nicht ernsthaft aus dem Takt bringen werden.

Pfingsten heißt: wir machen die Musik, wir lassen uns die Sache nicht aus der Hand nehmen. Und auch nicht die Worte. Wir reden von Heimat. Und das Problem unserer Heimat sind nicht mit dem Leben davongekommene Menschen aus Syrien und Afghanistan, sondern dass wir alle zusammen scheinbar unaufhaltsam auch in unserem Land die Schöpfung zerstören. Wir reden von Familie. Und das Problem unserer Familien ist nicht, dass jetzt auch Paare gleichen Geschlechts Kinder haben dürfen. Die werden das gut hinbekommen mit den gleichen Sorgen und Freuden wie die anderen. Das Problem unserer Familie ist immer noch Gewalt in der Ehe, Misshandlung von Kindern, die Vereinsamung Alleinstehender, die Nöte Alleinerziehender.

Pfingsten heißt: wir machen die Musik. Wir reden über Heimat und Familie. Wir packen in Gottes Namen die wirklichen Probleme an. Wir beten und kämpfen für die Lösung. Und wir werden es sein, die das Fest feiern. Wir tun das im Namen des Sohnes, im Namen Jesu Christi, dieses heruntergekommenen Gottes. Wir sind seine Nachfolger auf dem Weg der unbeirrbar gewaltlosen Liebe. Kreuz und Auferstehung sind unser Programm, wir sind unzerstörbar zerbrechlich.

Seine Verletzlichkeit ist unsere Botschaft, unsere Stärke. Wir meinen es ernst mit der Freiheit, die Jesus Christus gebracht hat. Und die Vielfalt und Toleranz, die Gottes Sohn gelebt hat, die haben wir uns nicht ausgedacht, von der haben wir in der Bibel gelesen.

Warum ich das sage? Nun, weil uns der erstarkte religiöse Fundamentalismus vormachen möchte: wer es wirklich ernst mit Gott und der Heiligen Schrift meint, der könne das nicht so frei und herzlich, offen und bunt sehen. Und tatsächlich ist ja so ein wenig der Eindruck da: gerade die evangelische Kirche rede gar nicht mehr so viel von Gott und der Bibel, sondern habe sich in Vielfalt verloren.

Leute, was ein Unsinn! Schlagt doch einmal einfach Eure Bibeln auf und lest die Geschichte dieses Gottes und seines Volkes: Nomaden, Heimatvertriebene, in die Fremde Verschleppte, um Asyl Bittende, so fängt es an im Alten Testament und geht weiter über den Sohn Gottes, von dem es heißt, er habe nachts keinen Ort, wo er seinen Kopf zum Schlafen niederlegen kann bis zum Apostel Paulus, dessen Boot im Mittelmeer absäuft und der wenige Tage nach seiner Ankunft in Europa erst einmal in einem griechischen Gefängnis landet.

Und bis heute ist es ja die Frage, ob die Liebe Gottes in Europa ankommt oder Schiffbruch erleidet im Mittelmeer.

Wir meinen es sehr ernst mit Jesus. Aber es ist nicht die weltflüchtige Gestalt, die uns das selbsternannte christliche Abendland über die Altäre gemalt hat.

Wir sind äußerst bibeltreue Christinnen und Christen. Aber wir lesen die ganze Geschichte dieses Gottes, der das Salz er Menschentränen auf den eigenen Lippen geschmeckt hat, mit Ehrfurcht und zitternden Händen lesen wir da unsere Menschengeschichte zwischen „Herr erbarme Dich“ („Kyrie Eleison“) und „Halleluja“.

Unsere Bibel ist nicht der Steinbruch, aus dem wir nur das Material für unsere schon vorher feststehende Meinung suchen, nicht die Steine heraushauen, die wir anderen vor die Füße werfen oder noch schlimmer.

Wir sind fromm, sehr fromm. Bibeltreu im wahrsten Sinn. Wir hören auf Jesus Christus. Und gerade deswegen kämpfen wir für die Liebe und die Freiheit. Wir tun das schließlich im Namen Gottes, des Vaters. Die Ewigkeit, die er für uns bereithält, ist keine Weltflucht, sondern Horizonterweiterung. Das mit dem Reich Gottes ist eine hochpolitische Angelegenheit. Denn unser Gott steht nicht über den Dingen. Er ist parteiisch, steht auf Seiten der Opfer. Auf Seiten der unbeirrbar Liebenden. Auf Seiten der Freiheitskämpfer*innen; der vergeblich Hoffenden: Auf Seite der Heimatlosen wie der Gastfreundlichen.

Was hier zerbrochen ist, wird dort geheilt. Wer aber hier andere zerbricht, wird dort ein paar Fragen beantworten müssen. Und es wird um die Wahrheit gehen, die Menschen wie Pontius Pilatus und Donald Trump zu Recht fürchten.

Vor dem Richterstuhl Gottes wird endlich alles gut und wahr. Keinen Augenblick in unserem Leben haben wir weniger zu fürchten als diesen, wo uns Gott, der Vater, in die Augen blickt.

Lasst uns auf diesen großen Moment hinleben, fröhlich und mutig, unerschrocken ehrlich für die Liebe kämpfen.

Amen.


Verfasst von

Ralf Bräuer 10 Artikel

Ralf Bräuer ist Leiter der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach

1 Kommentar

20. Juni 2019 14:41 Christa Zachhau, Ffm

Probst Albrecht, an Pfingsten nennt das Kind beim Namen, kein drum rum reden. Das wünsche ich mir von meiner Kirche. weiter so !!! Christa Zachhau

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