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Die Gehörlosengemeinde wird aufgelöst, aber der Pfarrer bleibt

Sie ist eine der kleinsten Kirchengemeinden in Hessen – und hat in den vergangen drei Jahrzehnten die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Die Gehörlosengemeinde wird deshalb zum Jahresende als eigenständige Gemeinde aufgelöst, aber die Pfarrstelle und ihre Angebote für gehörlose und schwerhörige Menschen bleiben erhalten.

Auch wenn die Gemeinde formal aufgelöst, wird es weiter Gottesdienste in Gebärdensprache in Frankfurt geben. Hier eine Aufnahme mit Pfarrer Gerhard Wegner vor einigen Jahren. | Foto: Ilona Surrey
Auch wenn die Gemeinde formal aufgelöst, wird es weiter Gottesdienste in Gebärdensprache in Frankfurt geben. Hier eine Aufnahme mit Pfarrer Gerhard Wegner vor einigen Jahren. | Foto: Ilona Surrey

Wer nicht hören kann, ist in normalen Gottesdiensten aufgeschmissen: Die 1982 gegründete Gehörlosengemeinde ist die einzige in ganz Hessen, wo man die Kirche in Gebärdensprache erleben kann, wo gebärdensprachliche Gottesdienste gefeiert werden oder man mit dem Pfarrer Seelsorgegespräche in dieser Sprache führen kann.

Deshalb hat die Gehörlosengemeinde im Alltag ihrer gut sechzig Mitglieder einen sehr hohen Stellenwert, wie Pfarrer Gerhard Wegner betont. Und dennoch gelang es in diesem Jahr nicht mehr genügend Kandidatinnen und Kandidaten für die anstehenden Kirchenvorstandswahlen zu finden. Dies hat vielfältige Gründe, einer ist das große Einzugsgebiet der Gemeinde, das nicht nur Frankfurt und Offenbach, sondern auch große Teile des Rhein-Main-Gebietes umfasst. Die Wege für Zusammenkünfte sind entsprechend lang. Dass der Kreis der Gehörlosen immer kleiner wird, liegt aber auch am medizinischen Fortschritt: So genannte Cochlea-Implantate ermöglichen es inzwischen vielen wieder zu hören. Auf tausend Menschen komme mindestens ein Implantatträger:in, sagt Pfarrer Wegner.

Deshalb wird die Gemeinde als juristisch eigenständige Institution zum Ende des Jahres aufgelöst. Das Angebot mit Gottesdiensten, Seelsorge, Diakonie und Bildung soll jedoch erhalten bleiben. Zwar gehören die Menschen dann künftig wieder ihren jeweiligen Ortsgemeinden an, aber die Gehörlosenseelsorge als Institution der Landeskirche wird weiter für sie da sein. Auch die Pfarrstelle soll erhalten bleiben.

Auch deshalb, weil gerade während der Pandemie viele erlebt haben, wie schnell man ohne soziale Kontakte vereinsamt. Gehörlose müssen ihr Leben lang um solche Kontakte kämpfen. Nicht zufällig gibt es das Sprichwort: „Der Blinde verliert die Dinge, der Gehörlose verliert die Menschen.“

Wenn man Menschen, die etwa nach einem Schlaganfall weder Laufen noch Sprechen können, fragt, was für sie die größte Herausforderung ist, so antworten sie: „Die Sprache.“ Ohne Sprache kann sozialer Austausch mit anderen Menschen nur sehr erschwert stattfinden. Insofern ist die Gehörlosengemeinde – ob als eigenständige Kirchengemeinde oder als seelsorgerliches Angebot – spirituell und sozial ein wichtiger Ort für die Betroffenen.


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Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

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