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Die schöne Welt hat keine Autos und vielleicht auch kein Geld

Welche Utopien haben geflüchtete Jugendliche für die Welt? In einem Workshop der Evangelischen Akademie wurden Ideen für „Neuschönland“ entwickelt und Fotos gemacht. Sie sind Teil der Ausstellung „Stadtlabor Orte der Jugend“, die noch bis 14. April im Historischen Museum Frankfurt zu sehen sind.

Beim Utopien-Workshop für "Neuschönland" in der Evangelischen Akademie (von links: Faisal, Barry und Hassan mit Stina Kjellgren, Jörg Hain und Yasemin Hazem Abed). | Foto: Doris Stickler
Beim Utopien-Workshop für "Neuschönland" in der Evangelischen Akademie (von links: Faisal, Barry und Hassan mit Stina Kjellgren, Jörg Hain und Yasemin Hazem Abed). | Foto: Doris Stickler

Facebook, Whatsapp oder flächendeckendes WLAN scheinen auch für junge Menschen nicht das Maß aller Dinge zu sein. In einer „Kreativveranstaltung“ der Evangelischen Akademie Frankfurt spielten sie jedenfalls bei der Frage, was es für ein gutes Leben braucht, keine Rolle.

In „Neuschönland“, wie die Jugendlichen die von ihnen entworfene Traumwelt tauften, standen vielmehr Freiheit, Frieden sowie ein faires und respektvolles Miteinander an erster Stelle. Ginge es nach Hassan, wäre zudem Geld ein Relikt aus der Vergangenheit.

Gemeinsam mit sechs Altersgenossen aus dem Rhein-Main-Gebiet, hat der 17-Jährige Berufsvorbereitungsschüler zwei Tage lang „Wünsche und Erwartungen“ an den hiesigen Alltag und das Leben im Allgemeinen formuliert und seine Vision einer idealen Stadt in einer Collage festgehalten.

Es könnte gut die Hauptstadt von „Neuschönland“ sein. Am Meer gelegen und mit reichlich Grün ausgestattet, leben hier Menschen aller Hautfarben einträchtig zusammen. Ähnliche urbane Paradiese – aus einem waren selbst Autos verbannt – bildeten auch die Collagen der anderen Jugendlichen ab. Wie der in Afghanistan geborene Hassan haben alle Fluchterfahrungen hinter sich.

Entsprechend intensiv erlebte die Studienleiterin für Europa und Jugend der Evangelischen Akademie, Stina Kjellgren, die Gespräche über Vorstellungen und Perspektiven von einem glücklichen Leben. Da die in Wohngemeinschaften oder Unterkünften wohnenden 17- bis 18-Jährigen ihre Eltern und Geschwister extrem vermissen, sei Familie „immer Thema“ gewesen.

Trotzdem hätten sie stets versucht, das Positive in den Vordergrund zu rücken. „Alle waren unglaublich motiviert bei der Sache“, so die Sozialwissenschaftlerin. Vier im Fußballverein engagierten Jungs, die wegen eines Spiels bereits am Samstagmittag aufbrechen mussten, habe sie richtig angemerkt, wie schwer ihnen der vorzeitige Abschied fiel.

Dadurch blieb ihnen immerhin die Qual der Auswahl von Fotografien erspart, die Teil einer Ausstellung „Stadtlabor Orte der Jugend“ im Historischen Museum werden sollten. Zur „Kreativveranstaltung“, die Teil des bundesweiten Projekts „Empowered by Democracy“ war, gehörte nämlich auch der Fotoworkshop „Meine Stadt. Mittendrin statt nur dabei“.

Von dem Medienpädagogen Jörg Hein zuerst in die Kunst des Fotografierens und die Wirkung von Bildern eingeführt, erkundeten die Jugendlichen hinterher mit der Kamera die Innenstadt. Hierbei knipsten sie freilich nicht einfach wahllos herum, sondern nahmen Situationen und Objekte auf, die persönliche Empfindungen widerspiegeln.

Barry, der Anfang August eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann begonnen hat, hielt unter anderem eine in der Luft ihre Flügel senkrecht nach oben reckende Taube als Symbol für Freiheit fest. Dass der aus Sierra Leone stammende 17-Jährige nicht zum ersten Mal mit der Kamera hantierte, zeigt auch das Foto von dem sich im Wasser des Mains reflektierenden Sonnenlichts. Die leuchtenden Punkte auf schwarzem Grund könnten genauso gut Sterne am Nachthimmel sein.

Für Faisal, der als Ausdrucksmittel eigentlich das Schreiben präferiert, war das Bildmetier zwar neu. Dennoch legte er in seinen Aufnahmen fotografisches Gespür an den Tag. Zum Beispiel mit der Altstadtszene, die bis auf einen Ausschnitt im Vordergrund unscharf ist. Umso deutlicher tritt der lädierte Stein einer Mauer hervor, mit dem der 18-jährige Schüler auf die überall vorhandenen Risse verweist.

Der im Gallus-Zentrum für Neue Medien zuständige Jörg Hein war von der künstlerischen Qualität der Fotografien begeistert. „Alle aus der Gruppe haben ein tolles Auge bewiesen, das ist nicht immer so“, bescheinigt er. Die Studentin Yasemin Hazem Abed, die bei kniffligen Themen ehrenamtlich als Übersetzerin fungierte, war von den Workshop-Resultaten nicht minder angetan.

Die Entscheidung, welche Aufnahmen ins Historische Museum wandern sollen, fiel denn auch alles andere als leicht. Nur bei einem Foto brauchte niemand lange überlegen. Vor strahlend blauem Sommerhimmel ist die Skyline zu sehen, die hier allerdings wie der abgeschottete Kosmos einer Schneekugel wirkt. Der Trick: Zwischen Hochhauskulisse und Objektiv war eine gläserne Straßenlaterne.

Die Ausstellung „Stadtlabor Orte der Jugend“, in der auch die Fotos der Kreativveranstaltung hängen, ist noch bis 14. April 2019 im Historischen Museum zu sehen. Von verschiedenen Frankfurter Kooperationspartnern bestückt, führen junge Menschen durch persönliche Bezüge vor Augen, was einen Ort zu einem Ort der Jugend macht.


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Doris Stickler 26 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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