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Ein Glücksfall

Harald Weck war die gute Seele im Familien-Markt, dem Second-Hand-Kaufhaus von Caritas und Diakonie. Jetzt verabschiedet er sich in Enkheim in den Ruhestand.

Harald Weck an seinem Arbeitsplatz - von dem er sich verabschiedet.  I Foto: Rolf Oeser
Harald Weck an seinem Arbeitsplatz - von dem er sich verabschiedet. I Foto: Rolf Oeser

Harald Weck schenkt Kaffee ein. Noch zwei Tage, dann geht der stellvertretende Leiter des Familien-Marktes in Bergen-Enkheim in Ruhestand. Die 40 Jahre hat er nicht ganz voll gemacht, seit 39 Jahren arbeitet er beim Evangelischen Regionalverband. Der Mann mit dem ansteckenden Lächeln weiß, dass er jetzt „von hundert auf null“ fahren wird, Sorgen macht ihm das nicht. Er freut sich auf die Rente, aber mindestens genauso gerne ist er zur Arbeit gegangen, er bezeichnet sie als „Glücksfall“. Schon als Zivi arbeitete Weck in der Evangelischen Kirchengemeinde Unterliederbach, nach seiner kaufmännischen Ausbildung kehrte er dorthin zurück, fuhr Essen auf Rädern aus, brachte Kinder mit Handicaps zur Schule. 2001 startete er schließlich seine Arbeit im Second Hand-Kaufhaus von Diakonie und Caritas: „Mir war der soziale Bezug immer wichtig.“

Nachhaltigkeit und Müllvermeidung sind weitere Themen im Familien-Markt, die ihm am Herzen liegen. Denn mit dem Wiederverwerten gespendeter Möbel „wird eine Menge Müll vermieden, der sonst entsorgt werden müsste“. Weck sah sich in Wohnungen, Kellern und Dachböden Mobiliar wie Tische, Sofas oder Betten auf ihre Tauglichkeit an: „Manchen Spendern musste ich erklären, dass wir ein Kaufhaus sind, in dem Kunden kaufen, was ihnen gefällt – das ist mit einer 30 Jahre alten Schrankwand schwierig.“

Im Familien-Markt kaufen Studierende, Geflüchtete und andere Menschen mit wenig Geld ein, Wohnungslose erhalten Kleidung umsonst. „Unsere Kunden schätzen den Laden, wir haben viele Stammkunden. Sie suchen gute Kleidung und Möbel, aber hochwertige Neuware können sie sich nicht leisten, daher bieten wir ihnen im Familien-Markt gute Qualität zu bezahlbaren Preisen.“ Auch bei Anziehsachen ist modische Ware gefragt, vor allem für Herren: „Wir sind auch bei Kleidung auf qualitativ gute Spenden angewiesen.“ Weil es angesichts vieler Billigware ein großes Angebot an Second-Hand-Kleidung gibt, schauen die Mitarbeitenden in der Sortierung des Kaufhauses alle eingehenden Spenden sorgfältig durch. Was abgetragen, fleckig oder zerrissen ist, geht weiter an den Dachverband FairWertung, der nachhaltige Standards beim Verwerten gebrauchter Kleidung garantiert.

In der Sortierung, aber auch in anderen Abteilungen des Familien-Marktes arbeiten rund 50 langzeiterwerbslose Frauen und Männer sowie Geflüchtete. Sie lernen auch zu verkaufen, übernehmen logistische Aufgaben, sind im Lager tätig. „Die meisten von ihnen kommen gerne, sie haben das Gefühl, gebraucht zu werden und einen festen Tagesablauf“ sagt Harald Weck und rührt Zucker in seinen Kaffee. Zurückblickend meint er, man könne im Familienmarkt eine Doku-Soap drehen. Doch manches, wie der leer geräumte Dachboden, der leider der Falsche war, sei auch erst im Nachhinein lustig. Eines aber ist Weck, der gerne Mountainbike fährt und die Billard-Sportart „Snooker“ spielt, im Gedächtnis haften geblieben: Das Fußballturnier zwischen Caritasverband Frankfurt und Diakonischem Werk: „Die Diakonie hat es legendär gewonnen.“


Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.