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Eine Wohnung und ein Job, das wär’s

Auftakt der Spendenkampagne des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach: Zugute kommen soll sie Menschen, die ohne feste Bleibe sind - wie Eleana*, die nur eine Plane schützt vor nächtlichem Regen oder gar Schnee.

Eleana (Name geändert) lebt in einer Gartenhütte in Frankfurt.  |  Foto: Christoph Boeckheler
Eleana (Name geändert) lebt in einer Gartenhütte in Frankfurt. | Foto: Christoph Boeckheler

Rund 7.300 Menschen in Frankfurt haben keine eigene Wohnung, ohne Obdach leben dort schätzungsweise 300 Frauen und Männer, die Dunkelziffer ist hoch. In Offenbach sind rund 500 Menschen von der Stadt in Unterkünften untergebracht. Für sie und alle anderen, die in Sorge sind, ihre Wohnung zu verlieren, ist die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach da. Jedes Jahr im November startet die Diakonie als Sozialwerk der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach eine Spendenkampagne für wohnungslose Menschen in Not. In diesem Jahr steht die Kampagne unter dem Motto: „Wohnung und Job, das wär’s.“

Aus dem Kreislauf des harten Lebens auf der Straße auszubrechen wünschen sich viele. Aber wer keine Postadresse hat und nicht krankenversichert ist, erhält auch keinen Arbeitsvertrag. Und wer auf Metallsitzen im Frankfurter Hauptbahnhof übernachtet, hat es schwer, einen Job auszuüben, obwohl es manche trotzdem tun. Einige schlafen auch bei Bekannten, in Abbruchhäusern oder Gartenhütten und arbeiten in Restaurants, in Gärten oder auf dem Bau.

Das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach unterstützt diese Menschen auf vielfältige Weise. In den diakonischen Einrichtungen in Frankfurt und Offenbach gibt es Notübernachtungsplätze und Übergangswohnen sowie Tagestreffs mit Angeboten wie Essen, Getränken, Duschen und Beratung.

34.000 Essen gab alleine das WESER5 Diakoniezentrum im Frankfurter Bahnhofsviertel im Jahr 2020 aus. 7.100 Besuche zählte der 17-Ost Tagestreff für Frauen in Frankfurt. Und der Sozialdienst Offenbach Wohnungsnotfallhilfe verzeichnete 2020 rund 6.880 Übernachtungen. Die Streetworkerinnen am Frankfurter Flughafen und in der Frankfurter Innenstadt hatten 2020 rund 3.100 Kontakte zu Menschen, die obdachlos sind. Menschen auf der Straße erhielten in erster Linie Schlafsäcke, Isomatten und heiße Getränke. Häufig ist damit aber auch ein kurzes Gespräch verknüpft, und ein Hinweis, wo es in der Nähe Hilfe gibt. „Wir geben niemanden auf“, sagt Diakonie-Leiter Pfarrer Michael Frase. Spenden für die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes unterstützen Menschen in Not ganz konkret und begleiten sie auf dem Weg hin zu mehr Lebensqualität.


Der Tag beginnt um 3.30 Uhr

Eleana wohnt mit ihrem Freund seit zwei Jahren in einer Gartenhütte in Frankfurt. Ihr wirklicher Name ist schöner, als man ihn erfinden könnte. Ihr Lachen haut einen um. Eleana mit der grauen Wollmütze auf dem Kopf läuft schnell, spricht schnell, lacht gerne, zieht an ihrer Zigarette. Seit zwei Jahren wohnt sie mit ihrem Freund in einem Garten irgendwo in Frankfurt. Eine schwere Eisenkette schließt ihn ab, der Walnussbaum hat schon im September keine Nüsse mehr, Eleana wundert sich, wer sie wohl geerntet hat. Von einer Tanne fallen Zapfen auf die Planen, die ihr Zuhause vor Regen und Kälte schützen sollen. In der Holzkonstruktion über dem Bett brüten Spatzen, sie sind laut und das Holz ist feucht. „Wenn es draußen regnet, regnet es hier drinnen auch“, sagt Eleana. Abends stapelt sie Fahrräder vor den Eingang, damit keiner reinkommt. Drinnen brennt auch tagsüber eine rote und eine weiße Kerze, ein bisschen Licht im Halbdunkel. Ein zweiflammiger Gaskocher neben der Matratze sorgt für etwas Wärme, aber im Winter wird es auch nach mehreren Stunden maximal 16 Grad in der halboffenen Hütte aus Brettern und Planen. Auf einem Schemel weicht gerade ein glänzender Topf mit Spülwasser ein.


Wasser holen auf dem Friedhof

Wasser holt die 46-Jährige mit einem Handwagen. Er ist angekettet, denn er sichert die Versorgung aus dem Brunnen am Friedhof. 20 Liter reichen für drei Tage. Im Winter, wenn die Friedhöfe das Wasser abdrehen, kauft sie Flaschen, 1,40 Euro für fünf Liter. Zehn Euro kostet es, die Gasflasche aufzufüllen, im Winter muss das alle drei Tage sein. Eleana öffnet einen Holzschrank. Drin liegt etwas Brot, Frischkäse, Zwiebeln, Kartoffeln. Mit einer Taschenlampe leuchtet sie das aufgeweichte Holz an und den Vorrat an Gasflaschen.


Den versprochenen Job gab es gar nicht

In Rumänien arbeitete die lebhafte Frau zwölf Jahre lang bei einem Sicherheitsdienst. Sozialhelfer Qutaiba Al Jendi ist mitgekommen, um zu übersetzen. Seit Jahren berät er Eleana im WESER 5 Diakoniezentrum. Er sieht sich staunend um, wie und wo sie wohnt hat er vorher nicht gewusst. In Rumänien jobbte Eleana in Restaurants, „aber dann hat Mama das Haus verkauft“, erzählt sie und hustet, „ich hatte keinen Platz mehr, um zu leben.“ Al Jendi, der selbst 13 Jahre in Rumänien lebte, sagt, das Leben sei dort im Vergleich zu den Verdienstmöglichkeiten teuer. Eleana folgte einem Tipp von Landsleuten und ging zum Arbeiten nach England, allerdings war, als sie dort ankam, von einem Job keine Rede mehr, und so ging sie 2015 nach Deutschland: „Es war eine Möglichkeit zu leben.“


Kaffee kochen und pünktlich losgehen

Morgens um 3.30 Uhr klingelt der Wecker. Eleana steht auf, wäscht sich, kocht Kaffee, verschließt pünktlich um 4.45 Uhr das Gartentor mit der Eisenkette und geht los. Die graue Mütze schützend über den Ohren, den Einkaufstrolley neben sich herziehend – „mein Mercedes“, sagt sie und lacht. Angst hat sie keine, je früher sie dran ist, desto mehr Chancen gibt es, Pfand zu finden. Wenn der Trolley ganz voll mit Flaschen und Dosen ist, kann sie sechs bis sieben Euro Pfand einlösen. An guten Tagen findet sie auf ihren langen Wegen durch die Stadt für 15 Euro Pfand, an schlechten nimmt sie fünf Euro ein. Gegen 13 Uhr kommt sie zurück, kocht, trifft Freunde, ruht sich aus. Sonntags schläft sie länger, „Sonntag ist Ruhetag“.


Hilfe im WESER5 Diakoniezentrum

Zwei Mal in der Woche, geht Eleana auf ihrer Runde ins Bahnhofsviertel zum WESER5 Diakoniezentrum. „Im Tagestreff habe ich immer die Hilfe gekriegt, die ich brauche,“ sagt sie und lacht tief. Dort duscht sie, bewahrt Sachen in einem Schließfach auf, isst zu Mittag, zieht frische Kleidung an, holt ihre Post, geht in die Sozialberatung. Ist das Leben hier wirklich besser als in Rumänien? „Ja, hier kann ich überleben mit dem Geld, was ich verdiene, auch ohne Wohnung. In Rumänien kann man nicht überleben ohne Wohnung.“ Eleana spricht viel mit den Händen, plötzlich geht sie ein bisschen in die Knie, um ihren Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen und richtet sich dann voll auf: „Mein großer Wunsch ist es, nach Rumänien zu reisen, dort alle Papiere in Ordnung zu bringen, und dann in Frankfurt einen Job zu finden und eine Wohnung, in der ich dann jeden Tag duschen kann, duschen, duschen, duschen.“ Ihr Personalausweis ist abgelaufen, neue Papiere zu beschaffen kostet Zeit und Geld. Da ist ein Dokument vom rumänischen Konsulat in Bonn nötig, um überhaupt nach Rumänien einreisen zu können. „In Rumänien dauert es dann eine Woche, sie braucht für die Zeit ein Hotel, muss zudem die Reise bezahlen, das ist ganz schwierig“, sagt Sozialhelfer Al Jendi. Eleana gibt trotz der Hindernisse nicht auf, sie ist fest entschlossen, ihren Plan umzusetzen. Aber jetzt kommt der Winter und die feuchte zugige Gartenhütte ist für die gesundheitlich stark angeschlagene Frau keine geeignete Bleibe mehr. Für den Winter suchen Eleana und ihr Freund einen Platz zum Schlafen in einem richtigen Haus, dann hätte sie auch eine Meldeadresse, was den Kontakt zum Konsulat erleichtern würde.

Eleana zeigt stolz die große Porzellanvase mit Goldrand, die gleich vor dem Eingang zu ihrer Hütte im Gras steht, im Sommer wie im Winter. Viele wollten sie gerne haben, aber Eleana gibt sie nicht her. Sie stand schon da, als sie und ihr Freund einzogen. Das Gartengrundstück hatten sie von anderen Rumänen gegen eine Abschlagszahlung erhalten. Die Besitzerin sei schon seit Jahren nicht mehr gekommen, erfuhr Eleana, aber sie sorgt sich, dass das Grundstück verkauft werden könnte.


Die Wertsachen im Schlaf umklammern

Die ersten drei Jahre in Frankfurt hatten sie und ihr Freund unter einer Brücke am Mainufer geschlafen. Eleana erzählt, dass sie selbst im verschlossenen Schlafsack ihre Wertsachen fest umklammert hielt: „Es ist gefährlich auf der Straße“. Einmal als sie aufwachte, stand ein Mann neben ihr und starrte sie böse an. Da ist der Garten schon besser, wo im April der Flieder blüht und die Tulpen, „im Frühling ist es ein gutes Gefühl“, sagt Eleana. Aber jetzt, wenn der Regen und die Kälte kommen, muss sie ausziehen: „Ich wünsche mir ein Zimmer zum Abschließen mit Wänden aus Stein.“

www.diakonie-frankfurt-offenbach.de


Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.